"Die Menschen entwickeln sich langsam", sagt Abba Naor und lächelt. Das ist seine Antwort auf die Frage, warum es mehr als 60 Jahre dauerte, bis ein deutscher Regierungschef das ehemalige Konzentrationslager in Dachau besuchte - den Ort, der als Mörderschule der SS zum Modell wurde für die Konzentrationslager der Nationalsozialisten, für eine unvorstellbare, unmenschliche Vernichtungsmaschinerie.

Naor ist 85 Jahre alt und hat den Holocaust überlebt. Er war Häftling in Dachau und seinen Außenlagern und ist an diesem Dienstag aus Israel angereist, um einen historischen Tag zu erleben: Die Bundeskanzlerin besucht die KZ-Gedenkstätte. "Das ist wichtig für die Kanzlerin, für Dachau und für Deutschland", sagt Naor.

Denn das hat keiner ihrer Vorgänger im Amt getan. Willy Brandt war einmal da, Jahre nach seiner Amtszeit, und auch Merkel selbst hat der Gedenkstätte schon einmal einen Besuch abgestattet, wie ihr Regierungssprecher Steffen Seibert betont. Das war 1992, 13 Jahre, bevor sie Kanzlerin wurde. Und auch auf den Besuch eines amtierenden Bundespräsidenten musste die Gedenkstätte lange warten. Horst Köhler ist das erste und bislang einzige Staatsoberhaupt, das sie besuchte - 2010, zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZs durch die US-Armee.

"Für mich ist es ein sehr besonderer Moment", findet Merkel denn auch, nachdem sie jeden einzelnen der Holocaust-Überlebenden, darunter den 93-jährigen Max Mannheimer, der sie eingeladen hat, persönlich begrüßt hat. "Die Erinnerung an diese Schicksale erfüllt mich mit tiefer Trauer und Scham." Und diese Erinnerung müsse von Generation zu Generation weitergegeben werden. "Junge Menschen müssen wissen, welches Leid von Deutschland ausgegangen ist."



Sie legt, begleitet von Mannheimer, einen bunten Kranz nieder und von den Überlebenden lässt sie sich erzählen, wie sie persönlich Schrecken und Terror in Dachau erlebt haben. Karl Rom berichtet ihr davon, wie er auf einem Prellbock von Nazi-Schergen brutal zugerichtet wurde, weil er einmal das Papier von einem Zementsack abgerissen hatte, um seine Füße gegen die Kälte zu schützen, wie er nach dem Treffen sagt. 13 Schläge mit einem Holzprügel habe es dafür von den KZ-Aufsehern gegeben. "Ich musste laut mitzählen."

Merkel nimmt sich betont viel Zeit an diesem Tag. Sie will zuhören, schaut konzentriert und nickt immer wieder, als sich die Überlebenden im ehemaligen Häftlingsbad um sie versammeln. Und womöglich will sie auch jeden Eindruck zerstreuen, sie habe den Termin halbherzig zwischen zwei Wahlkampftermine gequetscht.


"Geschmacklos"
Vorher war sie in Erlangen bei Nürnberg, danach - Anstoß der Debatte - in einem Bierzelt in der Stadt Dachau. "Geschmacklos" hat Renate Künast (Grüne) das genannt. Und auch der Historiker Wolfgang Benz hat der Kanzlerin bescheinigt, dass es in den acht Jahren ihrer Amtszeit womöglich bessere Tage für einen Besuch gegeben hätte als einen mitten in der heißen Wahlkampfzeit.

"Einen größeren Kontrast kann es kaum geben", sagt Merkel später zu Beginn ihrer Rede im Bierzelt. Einen "Katzensprung von hier" sei die KZ-Gedenkstätte - "und jetzt bin ich auf diesem Volksfest der Fröhlichkeit und des Lebens". Merkel betont: "Auch damals war das KZ mitten unter uns. Wer wollte, konnte damals auch sehen und hören." Deshalb sei es so wichtig, "dass es nie wieder passiert, dass wir wegsehen und dass wir weghören. Nie wieder darf passieren, dass Menschen unter uns schutzlos sind, nur weil sie aus einem bestimmten Land kommen, einer bestimmten Religion angehören, einer politischen Gesinnung, einer sexuellen Orientierung. Nie wieder dürfen sie deshalb benachteiligt und ermordet werden, mitten unter uns."

Weit mehr als 40.000 Menschen kamen in dem Lager um, das als einziges von Anfang bis Ende des NS-Regimes bestand, von 1933 bis 1945. Mehr als 200.000 Häftlinge aus ganz Europa wurden dort gefangen gehalten. Naor und die anderen Holocaust-Überlebenden, die von weit her angereist sind, um diesen Tag zu erleben, können über die Debatte um den Zeitpunkt des Besuches nur milde lächeln. "Das ist eine deutsche Diskussion", sagt Naor. Für ihn habe das überhaupt keine Bedeutung. "Die Hauptsache ist, sie war da. Was sie danach macht, ist mir egal." dpa