Alles rechnet mit der Ankunft im Polizeiauto oder wenigstens unter gestrenger Aufsicht Uniformierter. Dann das: Gustl Mollath kommt gestern Nachmittag zu Fuß um die Ecke gebogen. Und allein, beinahe jedenfalls. Als sein Begleiter Michael Zappe, stellvertretender Leiter der forensischen Abteilung des Bezirkskrankenhauses, die Kameratraube und den Pulk an Journalisten sieht, sucht er sich einen anderen Weg ins Bayreuther Arvena-Kongresshotel. Mollath, wohl nicht nur Bayerns bekanntester Psychiatrie-Insasse, schlendert weiter Richtung Eingang. Zwei Tragetaschen hat er in der Hand. Wie einer, der gerade vom Einkaufen kommt.

Dabei ist er auf dem Weg zu einer Buchvorstellung. Dafür darf er stundenweise raus aus der Anstalt. Im Konferenzraum des Hotels wartet bereits Wilhelm Schlötterer, ehemals Bayerns oberster Steuerfahnder, mittlerweile Autor und Rechercheur über das "System Strauß", die Amigo-Affäre und andere Skandale im Dunstkreis der bayerischen Staatsregierung. Sein neues Werk heißt "Wahn und Willkür"; dem Fall Mollath ist ein Kapitel gewidmet.

Auch wenn der Titel wie gemacht scheint als Resümee über die "Affäre Gustl M.": In erster Linie greift Schlötterer wie schon in seinem Erstling "Macht und Missbrauch" den Filz sowie den Verschiebebahnhof von Geld und Gefälligkeiten in der FJS-Ära auf. Den Christsozialen gehört der Autor selber immer noch als Mitglied an. "Die CSU ist nicht identisch mit ihrer Spitze. Ich identifiziere mich mit der Basis." Ein Fisch, der also nur am Kopf stinkt.


Händedruck zwischen Aufklärer und "Justizopfer"
Große Freude beim 73-Jährigen, als Gustl Mollath auf ihn zustrebt. Ein Händedruck zwischen dem Aufklärer und dem "Justizopfer". Mollath zückt ein Taschentuch, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. "Ich muss mich entschuldigen, dass ich so transpiriere." Der Schnurrbart hüpft, als der gebürtige Nürnberger lacht. Er sei ein wenig in die Irre geführt worden in der Klinik, was die geplante Marschroute vom Gelände anlangt. Fotoapparate klicken, Mikrofone schnellen vor. "Ich bin hier nicht die Hauptperson." Mollath winkt ab, betupft sich die Stirn. Nachdem er die ersten Fragen zum möglichen Wiederaufnahmeverfahren beantwortet hat, setzt er sich in die erste Gästereihe. Zwei Stühle weiter nimmt Inge Aures Platz. Ein freundliches Nicken. Kulmbachs SPD-Landtagsabgeordnete ist Mitglied im Mollath-Untersuchungsausschuss.

Schlötterers Untersuchungsergebnisse liegen als Buch vor. Für den Jäger skrupellosen Politgebarens und veritabler Justizskandale ist der Fall Mollath "der Exzess schlechthin". Er sei skeptisch gewesen, als Mollath ihn 2009, kurz nach Erscheinen des ersten Buches, kontaktierte und um Unterstützung bat. "Ich dachte mir: Wenn mir jemand aus dem Irrenhaus schreibt, muss ich mich nicht weiter kümmern." Es sollte anders kommen. Schlötterer kniet sich rein in den Fall des Nürnbergers. "Das sprengte für mich alle Dimensionen." Der Vorgang beweise eine "Kette unfassbarer Rechtsbeugungen". Ein Beleg, wie schnell jemand in die Ecke des Geisteskranken gedrängt werde, wenn er unangenehme Wahrheiten ausspricht.

Mollath selber wiederholt seine Bitte um Überprüfung jener Gutachten, "die zu Unrecht behaupten, ich wäre gemeingefährlich." Ein Leben in Freiheit könne sich der 56-Jährige "sehr gut vorstellen". Aber wenn diese Freiheit mit dem Makel des geringsten Zweifels behaftet sei, dann nehme er lieber die Verlegung in eine Haftanstalt in Kauf. "Dann koste ich dem Steuerzahler auch deutlich weniger."