Kurz vor der mit Spannung erwarteten SPD-Entscheidung über Koalitionsverhandlungen mit der Union werben sozialdemokratische Befürworter massiv um die Skeptiker. Rund 40 SPD-Politiker aller Flügel plädieren in einem Aufruf für ein Ja des Parteitags am Sonntag - "aus Verantwortung für Deutschland, Europa und die SPD", wie es in dem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Appell heißt. Zu den Unterzeichnern zählen auch die ehemaligen Juso-Vorsitzenden Niels Annen und Björn Böhning - obwohl die Jusos die Speerspitze der GroKo-Gegner bilden.


SPD verliert Zuspruch der Wähler

Bei den Wählern macht die Partei mit ihrem Kurs wenig Punkte. Im ZDF-"Politbarometer" vom Freitag stürzte die SPD auf 20 Prozent ab; das sind drei Prozentpunkte weniger als Anfang Dezember. Und das Ergebnis ist noch schlechter als bei der Bundestagswahl, bei der die SPD auf das historische Tief von 20,5 Prozent gefallen war. Die Werte passen zur durchwachsenen Bewertung der mit der Union erreichten Sondierungsergebnisse: 38 Prozent finden sie gut, 41 nicht gut.

Die Werte der anderen Parteien änderten sich wenig: Lediglich die CDU/CSU und die Linke legten um einen Punkt auf 33 beziehungsweise 10 Prozent zu. Die Union liegt damit wieder auf dem Wert ihres - ebenfalls schwachen - Bundestagswahlergebnisses.

Aus den Sondierungsgesprächen mit der Union ist die SPD nach Einschätzung der überwiegenden Mehrheit der Bürger als Verliererin hervorgegangen, wie einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa ergab. Demnach vertreten nur 9 Prozent die Auffassung, dass die Sozialdemokraten am meisten durchgesetzt haben. 29 Prozent meinen: die CDU. Immerhin noch 15 Prozent sagen das über die CSU. 17 Prozent finden, alle drei Parteien haben gleich gute Ergebnisse erzielt. 30 Prozent machten keine Angaben.

Wer profitiert von den Steuerplänen der großen Koalition?


Ob Sondierungsergebnis ausreicht zeigt sich am Sonntag

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) räumte im ZDF-"Morgenmagazin" ein, die Situation sei sehr schwierig für die SPD. "Aber ich würde Umfragen zurzeit nicht als Kompass nehmen." Gegnern einer großen Koalition warf sie "Oppositionsromantik" vor. "Für mich steht außer Frage: Die Partei muss sich erneuern", sagte sie dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "Das ist aus meiner Sicht auch als Teil einer Regierung möglich."

Beim SPD-Sonderparteitag in Bonn stimmen am Sonntag 600 Delegierte darüber ab, ob das Sondierungsergebnis ausreicht und ihre Partei in förmliche Vertragsverhandlungen mit CDU und CSU einsteigen soll.

Den Widerstand gegen eine Neuauflage der GroKo führt die SPD-Nachwuchsorganisation mit ihrem Vorsitzenden Kevin Kühnert an. Die Jusos fürchten nach dem desaströsen Bundestagswahlergebnis eine Verwässerung des Profils der Partei und einen weiteren Niedergang.

Das Sondierungsergebnis unterstreiche die generellen Bedenken gegen eine Neuauflage von Schwarz-Rot, sagte Kühnert in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". "Denn viele zentrale Forderungen der SPD konnten dort nicht durchgesetzt werden." Trotz der konträren Ansichten in der SPD drohe der Partei aber kein Auseinanderbrechen. Zuvor hatte die Vizevorsitzende Manuela Schwesig vor einer Spaltung gewarnt.


Schulz wirbt für die große Koalition

Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Reiner Hoffmann, stärkte Parteichef Martin Schulz erneut den Rücken. Im Fall eines Neins der SPD zu einer neuen großen Koalition erwarte er "Chaos". Aber: "Ich gehe davon aus, dass es eine klare Zustimmung geben wird", machte er mit Blick auf den Parteitag deutlich. Hoffmann hatte Schulz schon am Vortag demonstrativ unterstützt.

Schulz selbst trommelte bei den SPD-Mitgliedern weiter für die große Koalition. In einem Rundschreiben per Mail, das der dpa vorliegt, erklärt er, die Entscheidung beim Parteitag sei "von enormer Bedeutung für die Zukunft in Deutschland (...), in ganz Europa - und für die SPD". Er betont: "Ich selbst bin überzeugt, dass es sich lohnt, mit CDU und CSU Koalitionsverhandlungen aufzunehmen."

Auch im "Spiegel" warnte Schulz vor einer Absage an Koalitionsgespräche. "Dann würde es zu Neuwahlen kommen, und zwar ziemlich rasch", sagte er. Auch die SPD müsse dann mit einem schlechteren Ergebnis rechnen. Zudem müsse die SPD dann mit einem Programm in den Wahlkampf ziehen, das in großen Teilen mit dem Sondierungsergebnis identisch sei, sagte Schulz und fügte hinzu: "Wie absurd wäre das denn?" Auch mehrere Unionspolitiker warben abermals für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.