63 Meter lang, knapp 300 Tonnen schwer, 239 Menschen und 150 000 Liter Treibstoff an Bord: Wie kann ein Flugzeug dieser Größe sich in Luft auflösen? Wie kann es sein, dass elf Tage nach dem Verschwinden des Malaysia Air Fluges MH 370 all die vielen modernen Kommunikations- und Ortungstechniken versagen? Antworten auf solche Fragen gibt es bei der Deutschen Flugsicherung und der Pilotenvereinigung Cockpit. Doch auch deren Experten stehen vor einem Rätsel.

1. Wie kommunizieren Flugzeuge untereinander und mit den Bodenstationen?
Die modernen Verkehrsflugzeuge sind fliegende Computer. Neben der komplexen Bordelektronik verfügen die Maschinen über eine ganze Reihe von Geräten, die eine Ortsbestimmung ermöglichen, sowohl aktiv wie auch passiv, erklärt ein Sprecher der Deutschen Flugsicherung im hessischen Langen. Die Piloten kommunizieren auf diversen zivilen und militärischen Kanälen und sind deshalb auch im Notfall nie in einem "Funkloch". Die Flugsicherung erfasst die Maschinen im Radar, das Flugzeug selbst sendet laufend Signale, mit deren Hilfe das Radarecho eindeutig identifiziert werden kann. Außerdem, so Raab, nutzen die Piloten auch die Kommunikation und Navigation via Satellit (GPS).

2. Damit ist es doch unmöglich, dass ein Flugzeug spurlos verschwindet?
Die Funkgeräte und das Satellitentelefon kann man einfach abschalten. Schwieriger ist das laut Raab mit den automatischen Ortungssystemen, die für die Sicherheit sowohl des Flugzeugs als auch des ganzen Luftraums enorm wichtig sind. "Um die zu deaktivieren, braucht es gewisse Fachkenntnis", heißt es bei der Flugsicherung. Im Falle von MH 370 geht man davon aus, dass der Transponder zur automatischen Ortung mit Absicht abgeschaltet wurde. Warum und wann genau - vor oder nach dem letzten Funkkontakt - ist eine der vielen offenen Fragen.

3. Ist denn der Luftraum nicht lückenlos überwacht - immerhin kann man ja sogar das Handy der Kanzlerin orten und abhören?
Lückenlos ist relativ. Das gilt für den Luftraum auf dem Festland. Die täglich rund 10 000 Flugbewegungen am deutschen Himmel lässt die Flugsicherung keine Sekunde aus den Augen. Die Experten überwachen den Luftraum rund um die Uhr, unter anderem am Flughafen in Nürnberg. Über menschenleeren Gebieten - den Meeren und Wüsten - gibt es dagegen Lücken. Die Erdkrümmung begrenzt die Reichweite des Radars, und dass ein Handy ebenso wie ein Funkgerät nicht funktioniert, wenn kein Sender in Reichweite ist, wissen nicht nur Piloten. Auch in der Luft gibt es tote Winkel.

4. Welche Art von Signalen hat denn MH 370 angeblich noch Stunden nach dem Verschwinden gesendet?
Laut Martin Locher von der Pilotenvereinigung Cockpit kommuniziert die Technik an Bord automatisch mit dem Hersteller der Maschine (im Falle MH 370 ist das Boeing) und der Triebwerke (Rolls Royce). Diese Daten werden zur Optimierung der Technik genutzt - und zur Fehlersuche im Falle des Versagens. Eine Ortsbestimmung ist mit diesen Daten in der Regel aber nicht möglich. Darüber, wann die Elektronik der malaysischen Boeing die letzten Signale gesendet hat, gibt es elf Tage nach dem Verschwinden von MH 370 widersprüchliche Angaben.

5. Und was ist mit der berühmten Blackbox an Bord der Maschine?
Der Flugdatenschreiber, wie das Gerät korrekt heißt, zeichnet laufend den Zustand des Flugzeuges, Höhe Geschwindigkeit, Neigungswinkel ... und die letzten Gespräche im Cockpit auf. Die Daten sind, so das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, in einer Box gesichert (die nicht schwarz, sondern signalfarben orange ist), die einen Absturz, Feuer und den Druck mehrere tausend Meter unter der Wasseroberfläche übersteht. Ausgewertet werden ihre Daten unter anderem bei der die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig. Die Box sendet,sobald sie durch einen Absturz aktiviert wurde, 30 Tage lang Signale, die ihre Ortung ermöglichen. Das kann wie im Falle der Katastrophe beim Air France-Flug 447 im Jahr 2009 lange dauern. Die Maschine war in den Atlantik gestürzt, alle 228 Menschen an Bord starben. Der Flugschreiber wurde erst 2011 in 4000 Metern Wassertiefe entdeckt; und das, obwohl anders als bei MH 370 die Flugroute der Maschine relativ genau nachgezeichnet werden konnte und schon kurz nach dem Unglück Trümmer gefunden wurden.

6. Welches Szenario ist bei MH 370 denkbar?
Die Flugexperten möchten sich nicht an den teils wüsten Spekulationen beteiligen. Für nahezu ausgeschlossen halten sie es, dass die Maschine entführt und an einem unbekannten Ort gelandet wurde. Bei der Annäherung an Land wäre sie von zivilem oder militärischem Radar entdeckt worden. Vieles spricht demnach für eine verheerende technische Panne oder Sabotage; die Maschine stürzte ab und versank. Sicher nicht spurlos, aber diese Spuren muss man erst einmal finden in einem Suchgebiet, so groß wie Australien, in dem das Meer bis zu 6000 Meter tief ist.


Die größten Katastrophen der Luftfahrt

11. September 2001: Selbstmordattentäter entführen in den USA mehrere Passagierflugzeuge und steuern sie unter anderem in die Türme des World Trade Center in New York. Mehr als 3000 Menschen sterben - die größte Katastrophe in der Geschichte der Luftfahrt.

27. März 1977: Auf dem Flughafen von Teneriffa kollidiert eine Boeing 747 der KLM beim Abheben mit einem PanAm-Jumbo, der die Startbahn nicht geräumt hatte. Beide Maschinen brennen aus. Der Pilotenfehler fordert 583 Todesopfer.

12. August 1985: Beim Japan-Airlines-Flug 123 versagen als Folge eines Montagefehlers alle hydraulischen Systeme einer Boeing 747. Die Maschine zerschellt an einem Berg: Alle 520 Menschen an Bord sterben.

12. November 1996: Eine in Neu-Delhi gestartete Boeing 747 der Saudi Arabian Airlines und eine Iljuschin Il-76 der Air Kazakhstan kollidieren in der Luft. Es gibt 349 Tote.

3. März 1974: Eine DC 10 der Turkish Airlines verliert kurz nach dem Start eine Tür des Frachtraums und stürzt nach dem schlagartigen Druckabfall ab. 346 Menschen sterben.

23. Juni 1985: An Bord des Air-India-Fluges 182 auf dem Weg von Montreal nach London zünden Terroristen in 9500 Metern Höhe über dem Atlantik eine Bombe. Keiner der 329 Menschen an Bord überlebt.

19. August 1980: Ein Feuer im Frachtraum einer Lockheed der Saudi Arabian Air greift auf das Passagierdeck über. Die Notlandung auf dem Flughafen Riad glückt - aber alle 301 Insassen sterben durch Rauchvergiftung.

8. Januar 1996: Eine überladene Antonow der Moscow Airways rast nach dem Start in Kinshasa (Kenia) in einen Marktplatz. 297 Marktbesucher und zwei Besatzungsmitglieder sterben.


Riesiges Suchgebiet

Elf Tage nach dem rätselhaften Verschwinden des malaysischen Flugzeugs ist das Suchgebiet inzwischen so groß wie die Fläche Australiens. Malaysias Verkehrsminister Hishammuddin Hussein nannte am Dienstag in Kuala Lumpur eine Gesamtfläche von 7,68 Millionen Quadratkilometern. Die erste Kursänderung der Maschine mit 239 Menschen an Bord soll nach einem Bericht der "New York Times" in ein Computersystem des Flugzeugs eingegeben worden sein. Die Richtungsänderung habe mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand im Cockpit programmiert, berichtete die Zeitung am Dienstag.

In Richtung Malediven?

Angehörige chinesischer Passagiere drohten unterdessen mit Hungerstreik, falls sie nicht mehr Informationen bekommen. Nach Ansicht der Ermittler dürfte die Boeing der Malaysia Airlines eine von zwei Routen geflogen sein: Der Nordkorridor reicht von Malaysia Richtung Nordwesten über das indisch-pakistanische Grenzgebiet bis nach Kasachstan, der südliche an Indonesien und Australien vorbei in den Indischen Ozean. Bewohner einer Malediven-Insel wollen laut einer Lokalzeitung einen tieffliegenden Passagier-Jet gesehen haben.

Das Flugzeug sei den Augenzeugen zufolge weiß mit roten Streifen gewesen - so sähen häufig auch die Flugzeuge der Malaysia Airlines aus, berichtete die Zeitung "Haveeru" am Dienstag online. Den übereinstimmenden Berichten zufolge hat das Flugzeug um 6.15 Uhr Ortszeit die Insel überquert und dabei einen ohrenbetäubendem Lärm gemacht. "Ich habe noch nie ein Flugzeug so niedrig über unsere Insel fliegen sehen", sagte ein Augenzeuge der Zeitung.

Keine Hinweise auf Terrorakt

Inzwischen suchen 26 Länder nach der Boeing. Kasachstan und Kirgistan haben keine Hinweise, dass das Flugzeug in ihren Luftraum eingedrungen sein könnte, berichtete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Auch Pakistan und Indien wüssten nichts.

Die Überprüfung des persönlichen Hintergrunds der chinesischen Staatsbürger an Bord habe keine Hinweise auf eine Verwicklung in eine Entführung oder einen Terrorakt ergeben, erklärte der chinesische Botschafter in Kuala Lumpur laut Xinhua.


Kommentar: Die Grenzen der Technik

Last Minute nach Mallorca, Teneriffa oder Ägypten, in einer Stunde am Flughafen in Nürnberg, einsteigen, abheben: Das ist so selbstverständlich geworden,dass man es gar nicht mehr als Luxus wahrnimmt.
Noch weniger merkt man als Passagier in den beinahe keimfreien Flughäfen dieser Welt von der komplexen Technik und Logistik, die tagtäglich Millionen kreuz und quer über den Globus jetten lässt. Völlig schwerelos.

Der Traum vom Fliegen ist wahr geworden, er ist vom Abenteuer verrückter Pioniere und vom elitären Vergnügen der Superreichen zum Alltag für die Allermeisten geworden. Diese atemberaubende Entwicklung hat noch vor dem Internet die Welt kleiner werden lassen. Gut so!

Aber: Neben der Ökobilanz und dem Preiskampf der Viel- und Billig-Flieger sollte die Tatsache zu denken geben, wie sehr sich die moderne Welt der Technik ausliefert. Der Strom fließt, Autos fahren, Jets fliegen. Alles funktioniert, rund um die Uhr, reibungslos. Doch das komplexe System ist fragil, Technik stößt an Grenzen. Das Schicksal von MH 370 macht betroffen und nachdenklich.