"Döner-Killer", so heißt der Song, für den sich jetzt Daniel Giese vor dem Strafgericht in Meppen verantworten musste. Unter dem Namen "Gigi und die braunen Stadtmusikanten" ist Giese einer der bekanntesten Nazi-Musiker Deutschland. In "Döner-Killer" verhöhnte 2010 Giese die neun Ausländer, die in den Jahren zuvor vom "Nationalsozialistischen Untergrund" ermordet worden sind.

Die Frage, ob Giese schon Jahre vor den Behörden und der Öffentlichkeit um die Existenz und Taten der rechten Terrororganisation wusste, konnte das Gericht nicht klären. Und doch hinterließ der Prozess eine Ahnung davon, wie eng die Verflechtung von Nazi-Rockern und militanten Rechten sein könnte.

Über diese Verbindungen weiß in Deutschland vielleicht niemand besser Bescheid als der Mann, der sich Thomas Kuban nennt. 15 Jahre lang hat er unter falschen Identitäten konspirative Nazi-Konzerte besucht und dort unter Lebensgefahr gefilmt. In seinem Buch "Blut muss fließen" (Campus Verlag, 316 Seiten, 19,99 Euro) legt Kuban, der seine wahre Identität aus Angst vor Racheakten unverändert geheim hält, die Strukturen und Funktion der Nazi-Rock-Szene offen.

Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen, um bei den Konzerten nicht aufzufallen?

Kuban: Ich habe mir zum einen die szenetypische Kleidung wie Bomberjacke, Band-T-Shirts und Springerstiefel mit Stahlkappen besorgt und mir den Kopf rasiert. Das war die äußere Verwandlung. Und dann habe ich mir im Laufe der Zeit rund 300 CDs mit Nazi-Rock gekauft und die Texte auswendig gelernt. So konnte ich die Lieder auf den Konzerten mitsingen, so dass nicht mal ein Verdacht entstand, dass ich nicht zur Szene gehören könnte.

Welche Lieder sind das zum Beispiel?

"Blut muss fließen knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik." Diesen Refrain des "Blut"-Liedes singt das Publikum bei fast jedem Konzert.

Hatten Sie einen Notfallplan für den Fall, dass Sie auffliegen?

Nein, den konnte es nicht geben. Bei den Konzerten sind ja oft nicht einmal Polizisten vor Ort. An wen hätte ich mich also wenden können? Wenn ich Glück gehabt hätte, wäre ich in irgendeinem Krankenhaus aufgewacht. Ich hätte aber auch totgeschlagen werden können. Diese Gefahr war mir immer bewusst.

Welche Bedeutung hat Nazi-Rock in der rechtsextremen Szene?

Es ist eine sehr wichtige Teil-Szene innerhalb der radikalen Rechten, weil dort der Nachwuchs massenhaft rekrutiert wird. Die Bands machen es sich zunutze, dass Jugendliche einfach gerne laute und harte Rockmusik mögen. Und Bands wie Landser, Oidoxie und Hassgesang schaffen es dann, die dabei entstehenden Emotionen mit rechten Botschaften zu verbinden. Musik ist einfach ein guter Schmierstoff. Sie ist ein wichtiger Teil der braunen Erlebniskultur.

Also wird Musik zielgerichtet zur Rekrutierung von Nachwuchs eingesetzt?

Ja. Der Blood-and-Honour-Bewegung, die 1987 der englische Nazi-Sänger Ian Stuart Donaldson gegründet hat, geht es um genau das: mit Musik rechtsradikales und rassistisches Gedankengut zu transportieren und junge Menschen anzulocken. Ein Flugblatt wird nur einmal gelesen, aber ein Lied vom tiefsten Herzen aus gelernt. So hat das Donaldson einmal gesagt. Für ein besonderes probates Mittel halten es die Rechten auch, CDs mit Liedern von einschlägigen Bands in der Nähe von Schulen an Jugendliche zu verteilen. Darauf sind dann auch Songs, die gar nicht nach Nazi-Mucke klingen. Da geht es um Kritik am Kapitalismus oder am Irak-Krieg.

Ist das dem Verfassungsschutz bekannt? 

Ja.

Was glauben Sie, wie viele V-Leute sind Ihnen in all den Jahren auf den Konzerten über den Weg gelaufen?

Das ist schwer zu sagen. Man sieht es ihnen ja nicht an. Aber ich halte es grundsätzlich für problematisch, wenn der Schutz der Verfassung sichergestellt werden soll, indem Nazis Nazis beobachten. Die Vermutung liegt nahe, dass sie vor allem Informationen liefern, die ihnen nicht oder kaum schaden. Und im schlimmsten Fall finanziert der Verfassungsschutz die rechte Szene, weil die V-Leute ihr Honorar weitergeben.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Der Verfassungsschutz sollte höchstens im Einzelfall mit V-Leuten und stattdessen mit verdeckten Ermittlern arbeiten. Das sind speziell ausgebildete Beamte, die sich in die Szene einschleusen. Sie können ganz andere Informationen zu Tage fördern, als es V-Leute tun.

Warum haben Sie eigentlich nicht Ihre Erkenntnisse mit den Behörden geteilt?

Weil es ganz einfach nicht meine Aufgabe ist. Ich bin kein Polizist, sondern freier Journalist. Mein Ziel war es, unter anderem über die Straftaten bei Konzerten in Bild und Ton zu berichten sowie darüber zu schreiben. Das war mein Beitrag zur Aufklärung. Auf Basis der Fernsehbeiträge, in denen mein Videomaterial lief, hatten Polizei und Staatsanwaltschaften die Möglichkeit, zu ermitteln, was aber vergleichsweise selten passiert ist.

Zum anderen wäre es viel zu gefährlich gewesen, bei der Polizei eine Zeugenaussage zu machen. Dabei wäre mit großer Wahrscheinlichkeit meine Identität aufgeflogen. Das wäre lebensgefährlich gewesen. Das befürchte ich, weil ich nicht nur einmal gesehen habe, wie Polizisten nichts gegen Nazis unternommen haben oder gar freundschaftlich mit ihnen umgegangen sind.

Welche Straftaten haben Sie auf den Konzerten beobachtet?

Zum Beispiel Hitler-Grüße und "Sieg-Heil"-Geschrei. Und dann werden auf den Konzerten eben am laufenden Band Lieder mit volksverhetzenden Texten gespielt. Die verherrlichen das Dritte Reich, rufen zum Rassenhass auf und oft auch ganz konkret zum Mord an Ausländern, Juden oder Linken.

Haben Sie auf den Konzerten selbst Straftaten begangen?

Nein. Ich habe beispielsweise nie den Hitlergruß gezeigt. Als das bei einem Gedenkkonzert für Ian Stuart Donaldson praktisch alle im Zelt taten, habe ich eben die rechte Faust gehoben.

Es gibt diesen Landser-Song: "Terroristen mit E-Gitarre".

Ich habe kein Problem damit, Nazi-Musiker so zu bezeichnen. Wie gesagt, sie rufen in ihren Liedern zu Straftaten bis hin zum Mord auf. Und zum anderen sind die Übergänge von der Musik zur Militanz fließend. Die Blood-andHonour-Bewegung hat ja auch einen bewaffneten Arm: Combat 18. Die Mitglieder von Combat 18 bekämpfen politische Gegner unter Einsatz von Gewalt. Und sie beteiligen sich an der Organisation von Neonazi-Konzerten.

Mit Konzerten, Tonträgern und T-Shirts müssen ja Millionen erwirtschaftet werden. Was passiert mit dem Geld?

Das ist in der Szene ein sehr heikler Punkt. Es wird erwartet, dass ein großer Teil des Geldes zurück in die Szene fließt, um die politische Arbeit zu finanzieren. Ich habe den Eindruck, dass das auch häufig der Fall ist. Versandhändler und Konzertveranstalter legen zumindest großen Wert darauf, dass das in der Szene bekannt ist. Die stellen oft auch Nazis als Mitarbeiter ein.

Wer stellt den Bands eigentlich Räume für konspirative Konzerte zur Verfügung?

Manchmal wissen die Vermieter gar nicht, an wen sie ihre Räume abgeben. Die Konzertveranstalter schicken oft harmlos aussehende junge Frauen vor, die zum Beispiel vorgeben, eine private Geburtstagsfeier ausrichten zu wollen. Zunehmend können die Bands auch bei Rocker-Clubs auftreten. Die Verflechtung von Rockern und Rechten wird immer enger. Und auf der anderen Seite gibt es natürlich Gastwirte, denen egal ist, wer da spielt, solange das Geld stimmt.

Sie haben ja auch zwei Konzerte im mittelfränkischen Gremsdorf besucht.

Ich habe im Gasthof Göb zweimal die Band Absurd gesehen. Das ist eine Black-Metal-Band, die Satanisten und Neonazis gleichermaßen anspricht. Ich kenne den Besitzer des Gasthofes nicht. Aber er hatte offensichtlich keine Probleme, seinen Saal wiederholt für Nazi- Konzerte bereit zu stellen

Gleichgültigkeit machen Sie auch den Medien zum Vorwurf.

Viele Medien sind einfach nicht mehr bereit, für Grundlagenrecherchen zu bezahlen. Und wie oft habe ich gehört, das Thema sei doch nur "more of the same" und längst bekannt. Ich halte das für einen Verstoß gegen journalistische Grundsätze. Wenn die Nazi-Bewegung wächst, muss zunehmend darüber berichtet werden.