37 Jahre alt ist die Frau, deren Desillusionierung Marianne Faithfull in ihrer "Ballad of Lucy Jordan" 1979 publikumswirksam besang. Vier Jahre älter ist Harper Regan, die Titelfigur des Emanzipationsstücks von Simon Stephens, das am Samstag als Studioproduktion auf der Bühne des Großen Hauses am E.T.A.-Hoffmann-Theater Premiere feierte, von Stephanie Jänsch inszeniert.

Doch ist es eine Emanzipation? Harper Regan (Nadine Panjas) muss nicht aus einem Puppenheim ausbrechen, denn sie steht im Beruf ihre Frau. Ihre Familie sieht sie wohl nicht als Zwangsjacke, sondern als Zelle emotionaler Stabilität und Geborgenheit. Das klingt altmodisch, rührend konservativ - konservativ kann progressiv sein in einer Welt kapitalistischer Zumutungen und Verwüstungen.

Oder ist es wieder ganz anders? Das 2008 uraufgeführte Drama des vielfach auch in Deutschland ausgezeichneten Starautors Simon Stephens lässt viele Deutungen zu. Sicher ist nur, dass die Heldin am Schluss mit ihrem Ehemann Seth (Stephan von Soden) in einer - scheinbaren? Idylle am Frühstückstisch sitzt. Und ihm ruhig und detailliert von ihrem Ehebruch erzählt. Den hat sie nach dem Tod ihres Vaters inszeniert. Denn Harper reist, obwohl sie keinen Urlaub erhalten hat in der Rolle des reaktionär schwadronierenden Chefs glänzt Eckhart Neuberg nach Nordengland in eine gesichtslose Vorstadt Manchesters, ihre und des Autors Heimat.

Zu spät: Der Vater ist gestorben. Die Tochter sucht sich im Pub zu betäuben und lernt den Widerling Mickey (Volker J. Ringe) kennen, so wie überhaupt alle Männer im Stück lüsterne Deppen oder Schwächlinge sind. Gegen die trunkenen Zudringlichkeiten des zudem noch wüst antisemitisch daherlallenden Journalisten wehrt sie sich rabiat. Harper ist auf Befreiungskurs. Das haben uns bereits die gelösten Haare und der nun abgelegte, wie ein Körperpanzer geschnürte Trenchcoat signalisiert, der durch die Lederjacke Mickeys ersetzt wird.

Dass Abgründe in der scheinbar biederen Frau lauern, hat sie bereits in der ersten Szene mit dem Chef-Scheusal signalisiert, als sie sich zur Website der feministischen Punkband "Slits" bekennt. Nun trifft sie sich mit der Internetbekanntschaft James (ebenfalls Stephan von Soden) im Hotel zwecks Ehebruch. Und packt aus. Ihr Ehemann ist arbeitslos, weil er als Sexualstraftäter registriert ist.

Die emotionalen Verstrickungen der Familien-Bande kristallisieren sich in einer langen Szene zwischen Harper und ihrer Mutter (Karin M. Schneider) noch schmerzhafter heraus. Nach London bzw. den Vorort Uxbridge zurückgekehrt, scheint die Heldin geläutert. Sie hat nach ihren kleinen Fluchten locker umzugehen gelernt mit ihrer 17-jährigen Zufallsbekanntschaft Tobias (Felix Pielmeier); sie findet einen Weg zur Tochter Sarah (überzeugend Ensemble-Neuling Ulrike Schlegel), die sich von pubertärer Aufsässigkeit zu familiensolidarischer Einsicht entwickelt. Und sie steht zum Ehemann, der sich in Tagträumen verliert.

Die junge Regisseurin inszenierte dieses Bühnen-Roadmovie eher verhalten, ohne grelle Effekte. Die Schauspieler gaben ihr Bestes und wurden mit freundlichem Beifall belohnt, allen voran naturgemäß Nadine Panjas, wenngleich man sich schwer tut, an ihre Mädchenhaftigkeit gewöhnt, sie als gereifte Lady zu akzeptieren. Auch Stephan von Soden scheint noch zu jung für die Rolle(n). Aber das sind eben die Zwänge eines kleinen Ensembles.

Besonderes Lob hat sich Ausstatter Karlheinz Beer verdient, dessen sparsames, wie hingetupftes Bühnenbild mit ganz wenigen Requisiten die Atmosphäre der wechselnden Schauplätze evozierte und lange Umbaupausen ersparte. Wenn man den Saal nicht vollends überzeugt verließ, lag das sicher nicht am Team, sondern am Stück. Stephens hat in die zwei Stunden allzu viel hineingepackt, von Anspielungen auf antike Vorbilder bis zur Schilderung der desolaten sozialen und ökonomischen Situation seines Heimatlands.

Termine vom Stationendrama "Harper Regan"

Weitere Vorstellungen 23.-27. Oktober, 1.- 4. November. Karten unter Tel. 0951/87 30 30 oder per Mail: kasse.theater@stadt.bamberg.de




Fotolegende:

HarperRegan_presse1 Nadine Panjas, Eckhart Neuberg, Karin M. Schneider
HarperRegan_presse2 Stephan von Soden, Nadine Panjas, Ulrike Schlegel
HarperRegan_presse3 Ulrike Schlegel, Nadine Panjas
HarperRegan_presse4 Nadine Panjas, Stephan von Soden
HarperRegan_presse5 Nadine Panjas, Stephan von Soden
HarperRegan_presse6 Ulrike Schlegel, Stephan von Soden
HarperRegan_presse7 Nadine Panjas, Volker J. Ringe
HarperRegan_presse8 Stephan von Soden, Nadine Panjas
HarperRegan_presse9 Felix Pielmeier, Nadine Panjas
HarperRegan_presse10 Ulrike Schlegel, Nadine Panjas
HarperRegan_presse11 Nadine Panjas, Eckhart Neuberg