Kurz nach 13 Uhr schaut Fritz Sörgel im Institut für Biochemische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg bei Nürnberg auf sein Handy und lacht laut los. Sörgel ist einer der renommiertesten deutschen Dopingexperten. Er hat gerade die Stellungnahme von Pat McQuaid, dem Chef des Weltradsportverbands gelesen. "Lance Armstrong hat keinen Platz im Radsport. So etwas darf nie wieder passieren", meldet eine Nachrichtenseite. Sörgel schüttelt den Kopf.

Der Weltradsportverband UCI dreht sich um 180 Grad: Armstrong verliert alle Titel, wird lebenslang gesperrt. Hätten Sie das nicht erwartet?
Fritz Sörgel: Die Wandlung von Pat McQuaid ist erstaunlich. Das ist Realsatire, dem kann man nicht anders, als durch Zynismus begegnen. Aber was wäre die Alternative gewesen? Die Augen zu verschließen? Dann wäre der Radsport auch als Organisation am Ende gewesen. Die Armstrong Geschichte hat gezeigt, dass die UCI ihn mindestens passiv unterstützt hat durch ihr zögern.

Aber Doper gibt es, seit es Leistungssport gibt. Was unterscheidet Armstrong von den anderen?
Er unterhielt ganz klar ein mafiöses System. Die anderen Superdoper Ullrich, Pantani und Contador haben ihre Substanzen zugeliefert bekommen. Lance Armstrong hat das alles auch noch organisiert. Stellen sie sich die Belastung einer Touretappe vor: Wenn da einer hormonell- und adrenalinbedingt zu seinen Teamkollegen sagt, dope mit oder du fliegst raus, das kann ich mir gerade noch vorstellen. Aber es hat ja mehr bedurft, dieses ganze System am Laufen zu halten. Lance Armstrong war offensichtlich der, der die Fäden in der Hand gehalten hat.

Armstrong hat kürzlich vorgeschlagen, einen Test am Lügendetektor zu machen. Er ist offensichtlich immer noch davon überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Das erinnert an Jan Ullrich, der argumentiert genauso.
Jetzt im Nachhinein passt das alles sehr schön zusammen. Es gab bestimmt einige anständige Fahrer. Aber ich glaube viele haben dieses Doping-System als Rechtfertigung für sich selbst genommen. Die Fahrer und Teams von damals sagen alle: das kann doch nicht sein, der rast an uns vorbei, wir trainieren doch auch nicht anders. Viele haben hart trainiert und sind einfach nicht an die Spitze rangekommen. Dann haben sie gedopt. Langsam wird die ganze Dopingsache rund. Was mich bei der Armstrong-Geschichte nachdenklich stimmt, ist, wie die Dinge geheim gehalten wurden. Alle schwiegen. Wenn Doping mit Perfektion betrieben wird, ist es nicht aufspürbar.

Also wird sich der Radsport nach dem Fall Armstrong nicht gesund stoßen?
Wir durchleben immer wieder dieselben Phasen und hören immer wieder die gleichen Ausreden. Das geht natürlich wieder von vorne los. Vielleicht kommt jetzt einmal eine Übergangsgeneration, bei der die Anzahl sauberen Radfahrer etwas höher ist. Aber bei der vergangenen Tour de France, waren die Zeiten, die gefahren wurden, fast wieder so gut wie zu den Hoch-Doping-Zeiten. Kann man Trainingsverfahren in so kurzer Zeit so verbessern, dass jetzt eine Generation ohne Dopingmittel fast so schnell fährt, wie eine frühere Generation mit Doping? Irgendetwas kann da auch nicht stimmen.

Sind wirklich die Sportler schuld oder trägt das überall geltende Leistungsprinzip dazu bei: Nur wenn der Sponsor vorne mitfährt, gibt's auch Geld.
Dieses Problem ist unlösbar. Sport ist nun einmal leistungsorientiert. Wir erwarten von Sportlern, dass sie gewinnen. Wer Leistungssport betreibt und viel Geld damit verdient, der muss auch damit leben, dass er verstärkt unter Beobachtung steht. Wird eine Sportart populär, dann ist Geld drin. Und wenn Geld drin ist, sind die Doper wieder da.

Was muss jetzt nach dem Urteil passieren?
Armstrong war ein Sonderfall. Er war dopender Sportler und Organisator des Dopings. Das war mafiöses Verhalten, anders kann man das nicht bezeichnen. Ich glaube nicht, dass der Fall Armstrong irgendwas ändert. Die Sportler lernen nichts dazu. Wir brauchen gesetzliche Möglichkeiten. Dopingbesitz ist strafbar, Dopen selbst nicht. Da müssen wir ansetzen. Wir müssen den Sport kriminalisieren, wenn wir wirklich etwas bezwecken wollen.

Am Freitag will der Weltradsportverband entscheiden, was mit den Titeln passieren soll. Was raten sie?
Zwischen 1999 und 2005 muss ein Strich stehen. Kein Sieger. Alles andere wäre ein Skandal. Ich kann doch keinen Jan Ullrich rauf hieven, der ebenfalls gedopt hat. Wir brauchen eine Gesamtlösung für diese Jahre. Man muss es als verlorenes Jahrzehnt sehen. Es darf kein Sieger nachrücken, wenn die Zweiten und Dritten höchstwahrscheinlich auch gedopt waren. Die Menschheit kann damit leben, dass da ein Strich statt ein Name steht.

Der Dopingexperte

Leben: Professor Fritz Sörgel, geboren 1950, ist der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg bei Nürnberg.

Karriere: Der Dopingexperte gehörte neben dem früheren Schwimmer Michael Groß und Stefan Netzle, Richter am Sportgerichtshof CAS, der Anti-Doping-Kommission des Bundes Deutscher Radfahrer an. Die Kommission beendete ihre Arbeit 2007, weil sie keinen klaren Auftrag hatte und sich nicht ernst genommen verstand.

Doping: Fritz Sörgel stellte 1999/2000 die Analyse im Dopingfall des Langstreckenläufers Dieter Baumann und verhörte in der Antidopingkommission den deutschen Radfahrer Patrik Sinkewitz.