Sie ist jung, sie ist eine Frau: Im Internet wird gespottet, nur deshalb sei Judith Gerlach Digitalministerin. In unserem Interview reagiert die Unterfränkin schlagfertig darauf. Sie verrät außerdem eine unerwartete Einstellung zur Frauenquote und manch privates Detail.

inFranken.de:Kopf runter und unter dem Radar segeln - das war Ihre Überlebensstrategie, als Sie 2013 erstmals in den Landtag einzogen und das Postengerangel losging. Und jetzt? Plötzlich Ministerin?
Judith Gerlach: Unten durchducken funktioniert nicht mehr - und ist auch nicht mehr nötig. Die Situation war damals ganz anders: Ich hatte nicht damit gerechnet, in den Landtag zu kommen, hatte einen anderen Beruf, andere Pläne. Jetzt mache ich seit fünf Jahren beruflich Politik. Ich will etwas erreichen, freue mich darauf, Verantwortung in einem Zukunftsministerium zu übernehmen.

Ihr Förderer Winfried Bausback musste gehen, für Sie wurde ein Platz im Kabinett frei. Wie geht es Ihnen damit?
Es tut mir sehr leid, dass Winfried Bausback nicht mehr im Kabinett ist. Ich hätte ihn gern als Kollegen gehabt. Wir haben gut zusammengearbeitet, wir sind freundschaftlich sehr verbunden. Und daran wird sich auch nichts ändern.

Dafür sind jetzt erstmals die Freien Wähler mit in der Regierung. Was wird sich dadurch ändern?
Das kann ich schwer einschätzen, ich war ja auch vorher kein Mitglied der reinen CSU-Regierung. Aber ich habe einen guten Eindruck von den Kollegen der Freien Wähler: Sie wirken fachlich versiert und menschlich unkompliziert. Ich glaube, das wird eine gute Zusammenarbeit.

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Sie stehen für "jung, weiblich, digital" - entspricht das auch Ihrem Selbstbild?
Schon, aber nicht nur. Ich hatte auch andere politische Bereiche und ich habe eine Familie und Hobbys, die mich ausmachen.

Welche Hobbys?

Früher hatte ich viele: von Theaterspielen bis zu Volleyball. Das ist in den letzten Jahren schwieriger geworden mit zwei kleinen Kindern und einem fordernden Job ...

In diesem Job ging es bisher aber nicht um Digitalisierung.

Eine meiner Stärken ist, dass ich mich sehr schnell in Themen einarbeiten kann. Digitalisierung betrifft viele Lebensbereiche, da sehe ich viele Chancen, aber ich habe auch Respekt vor der Verantwortung. Digitalisierung hat auch mit Kommunikation zu tun, und das ist auch eine Stärke von mir. "Digitalisierung ist jetzt sicher nicht mein Spezialbereich, aber ein absolutes Zukunftsthema." Diese Aussage schlägt im Internet gerade hohe Wellen. Die einen machen sich lustig, die anderen schimpfen über die "Quotenfrau". Ich kann Sie beruhigen: Dem Japanischen Cybersecurity-Minister, der noch nie einen Computer benutzt hat, habe ich einiges voraus. Mal ernsthaft: Es gibt viele Beispiele für erfolgreiche Kabinettsmitglieder, die für sie ganz neue Themengebiete verantworten durften. Ich bin ein Digital Native und Juristin. So fällt es mir leicht, mich schnell und kompetent in neue und komplexe Themen einzuarbeiten. Ich gehe meine neue Aufgabe mit vollem Einsatz an.

Wie stehen Sie zu Frauenquoten?

Ich halte sie in gewissen Bereichen für sinnvoll. Sonst geht da nichts voran, da brauchen wir uns gar nichts vorzumachen. Die "gläserne Decke", die verhindert, dass Frauen in Top-Positionen vorrücken, gibt es ja. Aber ich glaube nicht, dass sich das im Landtag nur über Quoten regeln ließe: Direktmandate für Frauen sind über Quoten in meinen Augen schwer möglich. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es in manchen Bereichen eine Quote braucht. Grundsätzlich müssen Frauen mehr für politische Ämter begeistert und gehandelt werden.

Was kann und soll das Ministerium in der digitalen Welt künftig regulieren?

Das Ministerium steht noch ganz am Anfang. Aufgabe in den nächsten Wochen wird sein, mit Experten Chancen und Risiken zu besprechen. Cyberkriminalität ist natürlich ein Problem. Man muss Gefahren sinnvoll einschätzen können, das wird ein schwieriger Bereich. Wir wollen als Digitalministerium aber vor allem so etwas sein wie eine Cloud für andere politische Bereiche: Hier werden Informationen gebündelt und Strategien entwickelt. Sie sind jetzt auch für's Gaming zuständig. Welche Erfahrung haben Sie mit Spielen?

Die prägende Erfahrung war für mich der gute alte Gameboy. In den letzten Jahren habe ich wenig gemacht, weil ich wenig Zeit habe. Auf dem Handy spiele ich öfter Schafkopf. Aber nicht in einer festen Runde. Manchmal gibt es auch Turniere bei Veranstaltungen. Auf Bundesebene ist Dorothee Bär die Digital-Frau. Wieso sind in dem Bereich lauter Unterfränkinnen unterwegs?

Vielleicht ist's geballte Frauenpower aus Unterfranken, vielleicht sind wir dafür besonders affin. Wir müssen unser bayerisches Ministerium und die Bundesebene gut verknüpfen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Dorothee Bär. Wir kennen uns gut und schätzen uns. Was verbindet die fränkischen CSU-Frauen sonst? Auf Instagram haben Sie ein Foto von Ihrer Vereidigung gepostet: Sie neben der Oberfränkin Melanie Huml, beide im Bolero-Jäckchen. Waren Sie zusammen shoppen?

Ich weiß gar nicht mehr, was ich da anhatte - jedenfalls waren wir nicht zusammen shoppen. Aber wir verstehen uns wirklich gut. Da kann man auch mal bei einem Kaffee Zwischenmenschliches besprechen. Wir haben beide junge Kinder, stehen beide in verantwortungsvollen Positionen. Es ist wichtig, dass wir solche Aufgaben übernehmen, auch um Vorbilder zu sein, um jüngere Frauen für Politik zu begeistern.

Ihr Sohn ist zweieinhalb, die Tochter acht Monate alt. Wer steht an erster Stelle: Wähler oder Baby?

Würden Sie das einen Mann auch fragen?

Schon. Vielleicht ein bisschen anders formuliert. Aber für junge Väter ist der Spagat zwischen Familie und Beruf auch nicht leicht. Ärgern Sie sich über die alten weiblichen Rollenbilder?

Es ist schade, dass Frauen immer diese Fragen bekommen. Ich will für meine Qualität und meinen Typ wahrgenommen werden. Ich muss mich jetzt einarbeiten und erste Schwerpunkte setzen. Und ich habe eine Familie. Einfach ist das nicht. Man muss gut organisiert sein. Das sind wir. Da spielt mir auch die Digitalisierung in die Hände: Ich bekomme täglich Videos von Zuhause. Das ist schön. Trotzdem ist es etwas anderes, sein Kind in den Arm zu nehmen. Ich vermisse meine Familie natürlich. Aber es funktioniert. Das hat es ja auch in den letzten fünf Jahren als Landtagsabgeordnete. Für uns ist das alles nicht neu: Bei uns übernimmt der Mann die Elternzeit.

Haben es Frauen in der Politik schwerer?

Nicht wirklich. Ich habe in den letzten Jahren nicht feststellen müssen, dass es mir schwer fällt. Eher habe ich das Gefühl, dass es schwer ist, Frauen für die Politik zu gewinnen. Das beginnt ja in der Kommunalpolitik.

Aber es gab Situationen, in denen Sie aufs Podium stiegen und für die Praktikantin gehalten wurden, die dem Redner ein Glas Wasser hinstellt. Oder man dachte, Sie seien die Assistentin und drückte Ihnen einen Stapel Unterlagen in die Hand. Sie haben 'mal gesagt, diese Dinge wären Ihnen als Mann nicht passiert ...

Stimmt. Das war aber auch dem Alter geschuldet, anfangs war ich eine sehr junge Frau und viele konnten nicht glauben, dass ich in dieser Position bin. Das muss man sich einfach auch zunutze machen. Ich war zum Beispiel auch viel in Schulen unterwegs, und die Schülerinnen und Schüler fanden spannend, dass ich eine junge Politikerin bin.

Das Interview führte Natalie Schalk.