Es wird viel über die US-Wahl berichtet. Aber wissen Sie wie genau die Wahl abläuft, warum die Amerikaner an einem Dienstag wählen und wie das mit den Wahlmännern und Swing-States ist?

Ein Interview mit Prof. Klaus Stüwe. Er ist in Bamberg aufgewachsen und lehrt politische Systemlehre und vergleichende Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.


Wer darf wählen?

Wahlberechtigt sind alle US-Bürger ab 18 Jahren, in einigen Bundesstaaten auch schon ab 17. Anders als in Deutschland gibt es keine automatische Wählerregistrierung. Das bedeutet, dass man nur an den Wahlen teilnehmen darf, wenn man vorher in seinem Heimatstaat ein Registrierungsformular ausgefüllt und unterschrieben hat. Früher war die Registrierung zum Teil recht kompliziert und wurde in einigen Südstaaten dazu benutzt, um Afroamerikaner zu benachteiligen. Seit 1993 gibt es ein einfach und verständlich aufgebautes Registrierungsformular, das z.B. bei den Führerscheinbehörden ausliegt oder aus dem Internet heruntergeladen werden kann.


Wie viele US-Bürger dürfen wählen?

Nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung von 2010 sind derzeit etwa 235 Mio. US-Bürger so alt, dass sie wählen dürften. Da sich nicht alle von ihnen auch für die Wahlen registrieren lassen, ist die tatsächliche Zahl der Wahlberechtigten jedoch viel niedriger. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008 lag die Registrierungsquote bei 71 Prozent. Wenn diese Größenordnung auch 2012 wieder erreicht wird, dann können heuer etwa 166 Mio. US-Bürger an den Präsidentschaftswahlen teilnehmen. Die Wahlbeteiligung ist allerdings deutlich niedriger als bei uns: Nur zwischen 50 und 60 Prozent geben ihre Stimme ab.


Kann man sein Wahlrecht verlieren?

Das Wahlrecht kann in den USA auch aberkannt werden. So ist es in vielen Einzelstaaten die Regel, Häftlingen sowie ehemaligen Strafgefangenen das aktive und passive Wahlrecht abzuerkennen.


Können US-Bürger in Franken abstimmen?

US-Bürger, die im Ausland leben, müssen per Postkarte einen Antrag an ihre US-Heimatgemeinde schicken. Etwa 45 Tage vor dem Wahltermin bekommen sie dann ihre Briefwahlunterlagen ("absentee ballot"). Man kann diese dann per Post an seine Heimatgemeinde zurückschicken oder beim nächsten US-Konsulat abgeben. Einige Bundesstaaten erlauben sogar, dass die Briefwahlunterlagen elektronisch per Fax oder E-Mail abgegeben werden.


Dürfen Indianer wählen?

Ja. 1924 wurde den amerikanischen Ureinwohnern durch ein Gesetz die US-Bürgerschaft zuerkannt. Seitdem dürfen sie an Wahlen teilnehmen.


Warum ist die Wahl immer dienstags?

Seit mehr als 160 Jahren wird der US-Präsident an einem Dienstag im November gewählt. In dem Agrarland Amerika sollte der Wahltag zeitlich so liegen, dass die Ernte bereits eingefahren ist. Den Sonntag schloss der Gesetzgeber als Wahltag aus, weil dies für die religiösen Amerikaner der Tag des Herrn war. Der Montag galt als Anreisetag, denn damals gab es meist nur in der Bezirkshauptstadt die Möglichkeit zu wählen. Der Donnerstag fiel gänzlich aus, weil an dem Tag die damals ungeliebten Briten ihr Parlament wählten. Der Freitag galt als ungünstig, weil man sich auf den Samstag, den traditionellen Markttag, vorbereiten musste.

So blieben nur noch der Dienstag oder der Mittwoch übrig. Die Wahl fiel schließlich auf den Dienstag nach dem ersten Montag im November, um den 1. November (Allerheiligen) als Wahltag auszuschließen. Gemäß dieser Tradition wählen die Amerikaner seit 1872 auch das Repräsentantenhaus und seit 1915 ebenso den Senat an diesem Dienstag im November.


Wie wählen die Staaten traditionell?

Mitt Romney und Barack Obama liefern sich in den letzten Tagen vor der Präsidentschaftswahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen, sodass die Entscheidung wahrscheinlich in einigen sogenannten "Swing States" (siehe oben) fallen wird, deren Wähler noch unentschieden sind. Eine Reihe von Staaten im Süden und mittleren Westen der USA wie Texas, Tennessee oder Louisiana wählen seit Jahrzehnten mehrheitlich die Republikanische Partei und sind deshalb eine sichere Bank für Mitt Romney. Barack Obama wiederum kann auf die dicht besiedelten Staaten im Nordosten wie New York, New Jersey, Massachusetts sowie im Westen auf Kalifornien setzen, die traditionell demokratisch wählen.


Warum interessiert uns die US-Wahl?

Die USA sind das mächtigste Land der Welt und ihr Präsident dessen mächtigster Politiker. Schon aus diesem Grund sind die US-Wahlen folgenreich und international von Bedeutung - nicht nur für uns Deutsche. Zudem sind die USA seit mehr als einem halben Jahrhundert Deutschlands wichtigster Verbündeter. Und schließlich sind die US-Wahlen auch bei uns ein Medienereignis. Die Inszenierung, die vielen bunten Bilder, die wir im Fernsehen sehen, haben einen hohen Unterhaltungswert.


Wie läuft die Kandidatensuche ab?

In Phase eins des Wahlkampfs, rund 15 Monate vor dem eigentlichen Wahltermin, geht die Suche nach den Präsidentschaftskandidaten los: Die beiden politischen Parteien, Demokraten und Republikaner, haben faktisch ein Monopol bei der Kandidatenaufstellung. Unabhängige Bewerber haben kaum eine Chance. Kann ein amtierender US-Präsident wiedergewählt werden - wie jetzt der Demokrat Barack Obama -, gilt er für seine Partei als gesetzt. Bei der anderen Partei gestaltet sich die Kandidatensuche in der Regel schwieriger, denn meist konkurrieren mehrere Bewerber miteinander. Mitt Romney setzte sich gegen acht Mitbewerber schließlich als Kandidat der Republikaner durch. Die formale Entscheidung fällt in beiden Parteien bei großen Parteitagen Parteitagen ("national conventions") Ende August oder Anfang September des Wahljahres.


Und dann beginnt die Show?

Die Inszenierung ist wichtig: Die Kandidaten werden medial ins rechte Licht gerückt. Nun beginnt die zweite Phase, die heiße Phase des Wahlkampfs. Gut zwei Monate lang konzentrieren Republikaner und Demokraten ihre ganzen Ressourcen darauf, ihren jeweiligen Kandidaten zu unterstützen und den Gegner zu kritisieren. Beide Bewerber reisen durch das Land und halten Hunderte Wahlkampfreden. Im Fernsehen laufen täglich Wahlwerbespots. Millionen von Zuschauern verfolgen die drei TV-Duelle. Die dritte Phase schließlich ist der eigentliche Wahlvorgang, der in den USA recht kompliziert geregelt ist (siehe oben).


Welche Rolle spielen die TV-Duelle?

Viele meinen, dass die TV-Duelle großen Einfluss auf die Wahlentscheidung haben. Häufig wird daran erinnert, dass John F. Kennedy die Präsidentschaftswahlen von 1959 unter anderem deshalb gewonnen habe, weil er im TV-Duell eine bessere Figur gemacht hatte als der Republikaner Richard Nixon. Und tatsächlich erregen die TV-Duelle nach wie vor große Aufmerksamkeit. Sie sind die wichtigsten Ereignisse des Wahlkampfs. Doch mehrere wissenschaftliche Studien haben herausgefunden, dass die Effekte auf die eigentliche Wahlentscheidung in Wahrheit nicht besonders groß sind. Vielmehr ist es so, dass viele US-Amerikaner sich durch die TV-Duelle in ihrer Haltung bestätigt sehen.


Was muss ein Kandidat draufhaben?

Vier Faktoren führen zum Erfolg: Charisma, Programm, Unterstützung, Geld. Ohne persönliches Charisma geht im Medienzeitalter nichts mehr. Nur wer telegen ist, öffentlich reden kann und auch sonst eine akzeptable Figur macht, hat eine Chance, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Idealerweise kommt ein überzeugendes politisches Programm hinzu, das attraktiv für große Wählerschichten ist. Besonders gut kommen Steuersenkungen an. Die Republikaner begünstigen eher die Wohlhabenden, die Demokraten eher die Einkommensschwächeren. Keine politische Karriere ohne Unterstützung: Wenn man Freunde im Establishment seiner Partei, bei starken Interessengruppen und bei den Medien hat, dann kann man sich leichter gegen innerparteiliche Konkurrenten durchsetzen. Und natürlich sollte man genug Geld für den Wahlkampf haben.


Wie teuer ist so ein Wahlkampf?

Der Wahlkampf in den USA ist der teuerste der Welt. Im Wahljahr 2012 werden für Präsidentschafts- und Kongresswahlen zusammen wohl rund 5,8 Milliarden US-Dollar ausgegeben werden. Das sind noch einmal 400 Millionen US-Dollar mehr als im Jahr 2008.


Beeinflusst Sturm "Sandy" die Wahl?

Fast schien Barack Obama schon auf der Verliererseite - dann kommt Sturm "Sandy" und wirbelt den Wahlkampf durcheinander. Obama präsentiert sich als Krisenmanager. Da kann Romney nicht mithalten. Es sieht nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus: Die Internetplattform "Realclearpolitics", die aus den wichtigsten Umfragen einen Durchschnitt errechnet, sieht beide Kontrahenten exakt gleichauf - 47,6 Prozent für Obama, 47,6 Prozent für Romney. "Dead heat" nennen Kommentatoren das: totes Rennen.