Eine Passauer Studentin kämpft gegen "Bierzelt-Sexismus": Mit einer Online-Petition gegen ein umstrittenes Bierzeltlied hat eine Passauer Studentin eine Diskussion über Sexismus angestoßen. Das sogenannte Donau-Lied, das von der Vergewaltigung eines schlafenden Mädchens handelt, soll demnach nicht mehr in Passauer Festzelten und Kneipen gesungen werden, wie es auf der Petitionsseite heißt. Die Aktion löste positive und negative Reaktionen im Netz aus.

Nun ist die Petition beendet - die Aktivisten sind vom Zuspruch begeistert: "300 Stimmen wären schön", dachten sich die Passauer Studentin Corinna Schütz und ihre Mitstreiter, als sie im Mai eine Online-Petition gegen das Singen des Liedes starteten. Nun sind es mehr als.36 000 Stimmen geworden. 

Donaulied-Petition: "Niemals mit so viel Zuspruch gerechnet"

Niemals hätte sie mit so viel Zuspruch gerechnet, sagte Schütz am Dienstagabend (18. August 2020) vor dem Passauer Rathaus, wo sie dem OB symbolisch 36.235 Stimmen übergab. Das Thema habe sich damals jedoch schnell herumgesprochen und im Internet verbreitet, und so seien die Klickzahlen auf der Petitionsseite in die Höhe geschnellt. Der Oberbürgermeister von Passau, Jürgen Dupper (SPD), will sich jedenfalls dafür einsetzen, dass das Lied auf Volksfesten der niederbayerischen Stadt nicht mehr gespielt wird.

Die Petition richte sich ausdrücklich nicht gegen Traditionen, betonte Schütz. Um das zu unterstreichen, trug sie beim Termin mit dem Passauer Stadtchef ein Dirndl. Sie gehe mit Freunden auch gerne auf Volksfeste, sagte die Studentin. Jedoch wollten sie sich nicht anhören müssen, wie betrunkene Bierzeltbesucher fröhlich ein Lied grölen, das eine Vergewaltigung beschreibt.

Um was geht es eigentlich? Das Lied, welches regelmäßig auf Bierfesten gespielt wird und beispielsweise von Ballermann-Star Mickie Krause gesungen wurde, verharmlose explizit eine Vergewaltigung. So heißt es im Liedtext: "Sie hatte die Beine weit von sich gestreckt. Oh oh oh olalala. Ihr schneeweiser Busen war halb nur bedeckt. Oh oh oh olalala. Ihr schneeweiser Busen war halb nur bedeckt. [...] Ich machte mich über die schlafende her. Oh oh oh olalala. Man hörte das Rauschen der Donau nicht mehr."

Harmlose Tradition oder sexuelle Gewalt?

"Sprache formt das Denken", heißt es zur Begründung der Petition. "In diesem alten Volkslied vermittelt der umgeschriebene Text ein Weltbild, welches sexuelle Gewaltfantasien gegen Frauen normalisiert und verherrlicht. Deswegen stellt das Donau-Lied eine Form sexueller Gewalt dar."

Mit der Petition wolle die Studentin jedoch kein Verbot des Donau-Liedes erwirken, wie sie klarstellte. Vielmehr sollten sich die Leute mit dem Text auseinandersetzen, der Vergewaltigungen verharmlose, und dann freiwillig auf das Singen verzichten. Ihre ausländischen Mitstudenten gegenüber müsse sie sich rechtfertigen, "warum wir so etwas noch singen". Die Gruppe will auch Interessierte unterstützen, die in anderen Landkreisen ähnliche Petitionen oder Proteste organisieren wollen. Dafür hatten die Initiatoren neben der Petition auch eine Facebook-Gruppe gegründet. 

Um das Donau-Lied zu erhalten, hatten Anfang Juni hingegen vier Männer ebenfalls eine Online-Petition mit dem Aufruf "Rettet das Donalied" ins Leben gerufen. Schließlich gehöre das Lied "einfach zur Bierzelt- und Kneipenstimmung", wie es in der Petition heißt. Mit knapp 6.000 Unterzeichnern hat die Petition jedoch deutlich weniger Zuspruch, als die Gegenkampagne.

Positives Feedback - aber auch Hass

Zurück zu der Studentin Corinna Schütz und ihrer Petition gegen das Donau-Lied: Man habe viel positives Feedback bekommen - aber auch Beleidigungen und Häme musste die 22-Jährige für ihre Aktion im Internet einstecken. Neben sehr vielen positiven Zuschriften aus ganz Deutschland hat die Gruppe im Internet einen Shitstorm abbekommen, der sich vor allem gegen Corinna Schütz persönlich richtet. "Das reicht bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen", berichtete die 22-Jährige der dpa. So schrieb ein Nutzer "Anscheinend is des Corona schon bei manchen ins Hirn, falls die eins haben, vorgedrungen und hat Schäden hinterlassen". Ärger gab es auch um die Aussage des stellvertretenden Passauer Landrates Hans Koller (CSU). Der hatte laut dpa eine spöttische Aussage gegen die Aktion als "sehr gut"bewertet. Doch Koller wehrt sich. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er: "Mir gefällt das Lied auch nicht." Es sei ein "uraltes, primitives Sauflied", jedoch gebe es in Corona-Zeiten wichtigere Themen als das Donau-Lied. Das habe er mit seinem Kommentar zum Ausdruck bringen wollen.

Unterstützung bekamen die Initiatoren hingegen beispielsweise aus Franken: Der Knetzgauer Bürgermeister Stefan Paulus schrieb auf Facebook: "Eigentlich traurig, dass man hierfür eine Petition starten muss und unsere Gesellschaft nicht selbst erkennt, wie schwachsinnig, sexistisch und überflüssig dieses Lied ist."

"Aus heutiger Sicht unerträglich": Musikfachmann kritisiert Textzeilen

Musikfachmann Michael Fischer, Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik an der Universität Freiburg, hatte zu Beginn der Aktion eine Einschätzung zum Donaulied abgegeben und gesagt: "Lieder dieser Machart leben von der Grenzüberschreitung." Jedoch: Der Text des Donauliedes sei aus heutiger Sicht "unerträglich, nicht nur aus der Perspektive von Frauen, sondern auch aus der Perspektive der Männer, die als Vergewaltiger dargestellt werden". Seiner Ansicht nach habe das Singen solcher Lieder nichts mit Humor, Harmlosigkeit oder Traditionspflege zu tun. Es gehe in dem Lied um eine wenig verschleierte Vergewaltigung der Schlafenden, so Fischer. Und gerade im Zusammenhang mit Partys oder Festen komme es immer wieder zu solchen Straftaten, was nicht ausgeblendet werden sollte. "Deshalb sollte man auf dieses Lied besser verzichten."

Die Idee zur Petition ist bereits gut zwei Jahre alt. Schon damals habe die Corinna Schütz überlegt, etwas gegen das Lied zu unternehmen. Als kürzlich die TV-Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf mit einer Sendung sexuelle Belästigung von Frauen anprangerten, habe sie die Idee mit der Petition umgesetzt. Winterscheidt und Heufer-Umlauf hatten bei ihrem Sender ProSieben 15 Minuten freie Sendezeit erspielt und sie für das ernste Thema genutzt. Dafür gab es viele positive Reaktionen aus dem Netz. Zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer von sozialen Medien zeigten sich bestürzt und berichteten von ähnlichen Erfahrungen - von sexueller Belästigung bis hin zu sexueller Gewalt.

Nach dem Ende der Petition will die Gruppe nicht aufhören: So sei geplant, ihr Engagement auch auf weitere Städte auszuweiten.  Dafür hätten sie schon Städte mit größeren Volksfesten angeschrieben, sagte Schütz gegenüber der dpa. Während einige Städte bereits viel für die Sicherheit von Frauen auf Volksfesten täten, spiele das Thema in anderen Städten noch eher eine untergeordnete Rolle. rowa/mit dpa