Richard Brox ist seit über 30 Jahren obdachlos. Sein Buch "Kein Dach über dem Leben. Biographie eines Obdachlosen" stand lange auf der Spiegel-Bestsellerliste. Den Anstoß für das Buch hatte unter anderem Günther Wallraff gegeben. Der Journalist kennt Brox von einem Filmprojekt und hat seine Lebensgeschichte recherchiert. Brox hat verfügt, dass die Tantiemen aus seinem Buchprojekt vom Verlag verwaltet und nur für seinen Lebenstraum, den Bau eines Hotels für Obdachlose mit integriertem Hospiz, verwendet werden. Ein solches gibt es in Deutschland nicht.

Im Interview spricht er über die Notunterkünfte in Franken und warum mit den Hartz-IV-Gesetzen das Leben für Obdachlose deutlich schwieriger wurde.

Frage: Herr Brox, Sie werden als Sprecher der Obdach- und Wohnsitzlosen gesehen. Sehen Sie sich auch so?

Richard Brox: Wenn man mich so sehen will, sehe ich mich auch so. Viele Einrichtungen und Institutionen nehmen mich gerne als Berater. Ich möchte das Sprachrohr für Obdachlose sein. Mein Hauptaugenmerk ist auf die gerichtet, die im Endstadium einer Erkrankung sind. Die sind völlig alleine. Wenn Ihnen jemand sagt, Sie haben Krebs und nur noch vier Wochen zu leben, dann sterben sie zwei Wochen früher, weil niemand da ist, der sich um sie kümmert. Das ist auch der Punkt, an dem ich mit meiner Hospizarbeit und mobilen Sterbebegleitung ansetze, dass die Menschen länger als vier Wochen leben.

Sie möchten mit den Einnahmen aus Ihrem Buch ein Hotel für Obdachlose mit angeschlossenem Hospiz bauen. Wo könnte das sein und wie finanzieren Sie das?

Es sollte ein relativ zentraler Ort in Deutschland mit Fernbahnhof sein. Einen konkreten Standort habe ich nicht. Ich kann mir Schweinfurt oder Würzburg genauso gut vorstellen wie Kassel, Göttingen oder Mannheim. Es sind viele Gespräche mit Trägern im Gang, für die ist es eine reine Kostenfrage. Ich bin auf Spender und Unterstützer angewiesen und lasse alle Tantiemen aus dem Buch in das Projekt fließen.

Sie waren wieder in Franken unterwegs, in Schweinfurt, Würzburg und am Simonshof im Landkreis Rhön-Grabfeld. Was waren Ihre Erfahrungen?

Im Simonshof war ich eine Woche und habe es auch wieder für gut befunden. Ein Mangel ist leider, dass man dort beim Thema Digitalisierung 30 Jahre hinterherhinkt. Die Notunterkunft in Schweinfurt ist leider kleiner geworden und hat weniger Plätze, ist aber sehr gut geführt. Auch die Caritas und die Diakonie engagieren sich sehr stark. Die Region ist, was Wohnungslosen- und Suchtkrankenhilfe anbetrifft, gut aufgestellt.

Wie wurden Sie obdachlos?

Das war 1986. Ich war 21, schwer krank, kokainsüchtig und die Wohnung meiner Eltern wurde durch die Stadt Mannheim zwangsgeräumt. Es fehlten drei Monatsmieten, die konnte ich nicht zahlen, weil alle Leistungen eingestellt waren. Ich habe die Sache unterschätzt, aber meine Krankheit hat mich auch an vielen klaren Blicken gehindert. Bei der Zwangsräumung wurde alles weggenommen, die Dinge lagen im Wiederverkaufswert über dem, was an offener Miete ausstand. Sie warfen mich mit zehn Mark Bargeld und zwei Plastiktüten mit der letzten Habe aus der Wohnung. Aus meiner Sicht ist die Stadt Mannheim mit schuld an meiner langjährigen Obdachlosigkeit und zeigt sich mir gegenüber bis heute in keiner Form erkenntlich.

Was passierte in der ersten Nacht nach der Zwangsräumung?

Ich kam in eine Notunterkunft der Stadt, einem 30-Mann-Zimmer mit 15 Doppelstockbetten, total überhitzt und es hat gestunken. Ich wachte auf, meine zwei Tüten waren weg. Ich hatte gar nichts mehr. Der Mann an der Aufnahme sagte, selbst schuld, hättest du halt aufgepasst. Da bekam ich einen Wutanfall, wollte die Tür eintreten, er drohte, die Polizei zu rufen. Dann bin ich gegangen, das war der Anfang des Straßenlebens. Die ersten 14 Tage waren schlimm, ich habe die Situation gar nicht verstanden. Ich lebte von dem, was auf dem Markt runterfiel, schlief in Telefonzellen oder Heizungskellern. Es war grässlich.

Sie hatten keine einfache Kindheit?

Leider nein. Ich bin in einem schwierigen Elternhaus groß geworden. Ich habe sechs ältere Halbgeschwister, die sich aber nicht um mich gekümmert haben und denen mein Leben egal war. Meine Eltern waren beide traumatisierte KZ-Überlebende. Sie haben dort sehr viel Schlimmes erfahren und das bekam ich als Kind natürlich mit. Es waren Horrorgeschichten, die sich später als wahr erwiesen. Meine Eltern waren im Grunde in der Seele tot. Sie waren anständig, nett und lieb zu mir, aber unfähig, mich zu erziehen.

Wie ist es in Deutschland, obdachlos zu sein?

Sie leben aussätzig, sind in der Gesellschaft nicht anerkannt, werden ausgegrenzt, verhöhnt, verspottet, ohne dass man sie kennt. Du musst um dein Leben kämpfen, dich schützen und nach außen am besten gar nicht zeigen, dass du obdachlos bist. Du bist einfach nur der Fußabtreter der Gesellschaft. Mein Rat ist, dass man nicht auffällt als Obdachloser. Die Gesellschaft ist so hasserfüllt, dass man dem anderen nicht mal ein Stück Brot gönnt.

Was waren die schlimmsten Momente für Sie?

Das Straßenleben ist nach außen eine verschlossene Gesellschaft, nach innen aber brutal. Wenn man in eine Notunterkunft kommt und merkt, da sind schlechte Kreise, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Man geht oder man setzt sich durch. Ich würde dazu raten, zu gehen, aber manchmal geht das nicht. Ein Beispiel: Sie kommen in einen Raum, da sind drei, vier Leute, die aggressiv sind, Ihr Geld wollen. Dann nehmen Sie sich einen Stuhl, gehen zu dem, der am lautesten ist, donnern den Stuhl auf den Tisch und das, was noch übrig ist, halten Sie dem Lautesten vors Gesicht und fragen ihn, ob er noch etwas sagen möchte. Dann haben Sie Ihre Ruhe.

Wovon leben Sie? Hartz IV?

Nein, ich habe keine Bezüge. Es ist eine Parallelwelt - der Bestseller-Autor auf der einen Seite, der Obdachlose auf der anderen. Die Tantiemen habe ich abgetreten, sie gehen voll zum Sparen für den Traum vom Hospiz. Ich lebe vom Leergut sammeln, Betteln, Tagelöhnerarbeiten und dem, was man mir gibt. Auf meiner Internetseite empfehle ich sehr gute Einrichtungen, die ich auch selbst für mich nutze. Ich wandere zwischen Notunterkünften, Wohnheimen, manchmal eine Pension. Ich versuche auch, das Buch zu promoten.

Warum ist der Schritt aus der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft so schwer?

Die Schwachen gehen früh, die Starken bleiben auf der Straße. Man hat den Halt verloren in die Gesellschaft, man hat keine Heimat mehr, keine Wurzeln, rennt vielleicht auch vor sich selbst weg. Ich bin das schwarze Schaf in der Familie. Man respektiert mich, weil ich Bestsellerautor bin, aber will nichts mit mir zu tun haben. Wer so lange auf der Straße ist, hat irgendwann in seinem Leben etwas Tragisches durchgemacht, was ihn so lange auf der Straße lässt. Viele rennen vor Erkrankungen weg, manche ertränken sich im Alkohol. Irgendwann ist man vogelfrei und will nichts mehr mit der Gesellschaft zu tun haben. Ich persönlich strebe nicht nach Rückkehr in die Gesellschaft. Ich will denen die Türe öffnen, die ausgegrenzt, verhöhnt und verspottet werden, für die renn ich durch´s Feuer.

Wie hält man die Einsamkeit aus?

Ich bin überzeugter Einzelgänger. Mir macht das nichts aus. Ich bin froh, wenn ich niemand um mich herum habe. Wenn man lange auf der Straße ist, hat man diesen Weg ja auch selbst gewählt. Man hält es aus, wenn man umherreist, jeden Tag einen anderen Ort, einen anderen Dialekt, neue Einblicke, Erlebnisse, Erfahrungen hat. Man muss sich dann nicht mit sich selbst beschäftigen.

Was haben Sie dieses Jahr im Winter gemacht, als es wochenlang minus zehn Grad kalt war?

Früher war ich auf Platte, das heißt draußen in der Kälte, eingewickelt in Decken und Kleidung. Heute mache ich das nicht mehr, ich bin dann in Obdachlosenunterkünften oder Pensionen.

Gibt es Freundschaft in der Szene?

Nein. Weil man meistens nur hintergangen wird. Als ich auf die Straße gegangen bin, galt das alte Berber-Ehrenwort noch, nicht zu stehlen, zu lügen oder zu betrügen. Daran hat man sich gehalten, aber heute ist durch Hartz IV alles ausgehöhlt. Es ist der nackte Überlebenskampf.

Sie haben mehrfach angedeutet, dass seit Hartz IV vieles Schlimmer geworden ist für Obdachlose. Was ist das Problem?

Es ist härter geworden. Vor Hartz IV haben alle Obdachlosen in jeder Stadt oder Landkreis ihren Sozialhilfe-Tagessatz bekommen und Beihilfen, wenn der Rucksack kaputt war. Sie waren dadurch einigermaßen versorgt. Mit der Einführung von Hartz IV wurden alle Beihilfen eingestellt und man bekommt den Tagessatz nur an bestimmten Stellen. Wenn man nicht weiß, wo, hat man nichts. Viele Notübernachtungen verlangen ein Übernachtergeld, selbst bei der Tafel muss man teilweise etwas zahlen und muss sich als Obdachloser hinten anstellen, denn sie geben zunächst Personen, die einen Leistungsbescheid aus der Stadt, in der sie wohnen, haben.

Das Gespräch führte Oliver Schikora

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Info: Obdachlose und Wohnsitzlose in Deutschland

Definition Als obdachlos bezeichnet werden Menschen, die keinen festen Wohnsitz und keine Unterkunft haben. Sie übernachten im öffentlichen Raum wie Parks oder U-Bahnstationen. Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen. Sie leben in Notunterkünften, stationären Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe oder übernachten in einer kommunalen Einrichtung.

Zahlen Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W) sind insgesamt rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland wohnungslos. 2014 waren die Zahlen weitaus niedriger, was vor allem daran liegt, dass laut BAG W mittlerweile über 400.000 anerkannte Flüchtlinge ohne Wohnung sind. Außerdem sind mehrere Zehntausend Menschen in der Suchtkrankenhilfe untergebracht. Schätzungsweise 52.000 Menschen in Deutschland sind im Moment obdachlos, laut BAG W ein Anstieg um 33 Prozent seit 2014. Rund ein Drittel der Obdachlosen sind Frauen. Die Dunkelziffer ist hoch, da die Zahlen schwer zu schätzen sind.

Ursachen Die Hauptgründe für Wohnungslosigkeit sind Arbeitslosigkeit, Schulden oder eine Trennung/Scheidung, aber auch häusliche Gewalt oder Entlassung aus der Haft. Die sinkende Zahl an Sozialwohnungen ist ebenfalls ein Problem.

Buchtipp: "Kein Dach über dem Leben: Biographie eines Obdachlosen" von Richard Brox, Rowohlt Taschenbuch, 272 Seiten, 9,99 Euro. Mehr Informationen unter sohnmannheims.blogspot.com