• Virologin Sandra Ciesek: aktuelle Infektionslage schlimmer als vor einem Jahr
  • viele Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt
  • RKI rechnet mit weiter steigenden Inzidenzen
  • strengere Corona-Maßnahmen könnten Lösung sein

Die Corona-Impfungen laufen seit fast einem Jahr. Beim Blick auf die immer weiter steigenden Infektionszahlen und Hospitalisierungsraten scheint es jedoch, als hätten die Impfungen im Vergleich zum Vorjahr keine Verbesserung gebracht. Die deutschlandweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 139,2. Für Bayern meldet das Robert-Koch-Institut sogar einen Wert von 221,9 (Stand vom 29. Oktober 2021). Virologin Sandra Ciesek warnt nun: Die Lage sei sogar noch schlimmer als vor einem Jahr.

Viele Covid-Patienten auf Intensivstationen

Der Grund für Cieseks kritische Einschätzung: Im Unterschied zum Herbst 2020 steigen derzeit nicht nur die Infektionen rasant an – auch die Intensivstationen sind ausgelastet, erklärte die Leiterin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt in der aktuellen Folge des NDR-Podcasts. Die Belegung von Intensivbetten mit Covid-Patienten nehme stetig zu, derzeit um rund 15 Prozent wöchentlich. Aber: Bereits geimpfte Personen sterben seltener an einer Covid-Infektion als Ungeimpfte, so Ciesek.

Das Robert-Koch-Institut meldet besonders viele Neuinfektionen bei den Fünf- bis 19-Jährigen. Die Altersgruppe ab 50 Jahren hat dagegen die größten Wachstumsraten. Das hat direkte Auswirkungen auf die Auslastung der Intensivstationen: Weil ältere Patienten gefährdeter sind, schwer an Covid zu erkranken, machen sie aktuell rund 80 Prozent der Intensivpatienten aus. Das RKI rechnet damit, dass die Sieben-Tages-Inzidenz im Winter die 400er-Marke überschreiten könnte, sollte die Impfquote weiterhin stagnieren.

Virologin Ciesek beobachtet gleichzeitig einen erschreckenden Trend in der Bevölkerung: Das Interesse an der Entwicklung der Zahlen nehme ab, da sich ein Gewohnheitseffekt eingestellt habe. „Man gewöhnt sich an diese Zahlen“, sagte Ciesek gegenüber dem NDR. Der Lösungsweg aus der aktuellen Situation gehe laut der Virologin übers Impfen: Obwohl aktuell besonders bei Personen über 60 Jahren vermehrt Impfdurchbrüche auftreten, schütze die Impfung vor einem schweren Verlauf der Infektion. Die Impfung komplett zu verweigern, nur weil sie keinen hundertprozentigen Schutz biete, sei daher laut Ciesek ein „ziemlich schlechtes Argument“.

Booster-Impfungen bald für alle empfohlen?

Sogenannte Booster-Impfungen, also eine Auffrischung nach etwa einem halben Jahr, empfiehlt die Ständige Impfkommission derzeit älteren Menschen, Risikopatienten sowie Pflegekräften und medizinischem Personal. Am Beispiel Israel zeige sich, dass eine dritte Impfung auch eine erneute Corona-Welle abschwächen könne, sagt Ciesek. Daher halte sie es für wahrscheinlich, dass die Booster-Impfungen bald auch in Deutschland für alle angeboten werden. Bei dieser erneuten Impfung stehe dann aber weniger der eigene, sondern der gegenseitige Schutz im Vordergrund.

Auf mögliche Infektionsketten zu achten, spiele auch beim Besuch von Gastronomiebetrieben oder Freizeit- und Kultureinrichtungen eine wichtige Rolle, wo die 2G- oder 3G-Regel gilt. Diese Maßnahme bereite Ciesek nämlich besonders viel Sorge: „Denn es vermittelt eine falsche Sicherheit.“ Ungeimpfte müssten damit rechnen, dabei in Kontakt mit Geimpften zu kommen, die aber das Virus in sich tragen und andere anstecken könnten.

Daher plädiert Ciesek auch für strengere Besuchs- und Hygienevorschriften in Kliniken und Pflegeheimen, wie beispielsweise eine Testpflicht für Besucher. Ungeimpfte doch noch zur Impfung zu überreden, funktioniere am besten über eine direkte Ansprache, wie in Form von Bürgerbriefen. Eltern, die weiterhin Skepsis bezüglich einer Impfung für Kinder ab zwölf Jahren haben, empfiehlt Ciesek, das neue Preprint zu Post-Covid-Symptomen zu lesen, für das die Krankenkassendaten von rund 38 Millionen Menschen ausgewertet wurden. Die Ergebnisse der Auswertung belegen die Existenz von Symptomen, die auch nach einer Corona-Infektion weiterbestehen können. Bei Kindern und Jugendlichen sind es vor allem Husten, Müdigkeit und Erschöpfung.

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