In Deutschland bleibt die Verbreitung der Grippe stark unterdurchschnittlich. Weniger als 5000 im Labor bestätigte Fälle sind seit Anfang Oktober 2021 gemeldet worden, heißt es im Wochenbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert Koch-Institut (RKI) am Mittwochnachmittag (6. April 2022). 

"Im Vergleich mit den letzten fünf vorpandemischen Saisons sind diese Werte weiterhin sehr niedrig." Vor einem Jahr seien allerdings sogar nur knapp 500 Fälle erfasst worden.

Ausbleibende Grippewelle kann kommende schwere Epidemien begünstigen

Corona-Maßnahmen und Reisebeschränkungen seit Beginn der Pandemie gelten als Ursache für die schwache Influenza-Verbreitung. Das ist auch ein internationales Phänomen. Die Vielfalt der nachgewiesenen Grippeviren habe stark verringert, erklärten Forscher um Vijaykrishna Dhanasekaran von der University of Hongkong vor einigen Tagen im Fachblatt Nature Communications. Die sogenannte Influenza B/Yamagata-Linie scheine sogar seit Mitte 2020 ausgestorben zu sein.

Die Sorgen der Autoren: Die Bevölkerung habe dadurch eine verringerte Immunität und das Risiko für folgende schwere Epidemien steige. Vor allem für Kinder könne es problematisch sein, die nun ihre ersten prägenden Grippeinfektionen verpassten. Auch bei der jedes Jahr nötigen Anpassung der Grippe-Impfstoffe sieht die Gruppe Herausforderungen. Weit im Vorfeld der Grippesaison werde vorhergesagt, welche Viren zirkulieren und berücksichtigt werden sollen. 

 Dabei stützen sich Experten normalerweise auf Erfahrungen aus dem Winter auf der Südhalbkugel. Influenzaviren können sich zwischenzeitlicher aber noch einmal stark verändern, weshalb der Impfschutz nicht jedes Jahr sehr gut ausfällt. Passgenaue Impfstoffe herzustellen, werde durch das Ausbleiben der Grippewelle zusätzlich erschwert. 

Universalimpfstoffe werden notwendiger

Diese Ungewissheit erfordere es umso mehr, sogenannte Universalimpfstoffe weiterzuentwickeln, die laut dem Team einen breitere Schutzwirkung als bisherige Vakzine haben. Dafür könnte die mRNA-Technologie eingesetzt werden, die die Firmen Pfizer/Biontech und Moderna für Covid-19-Impfstoffe nutzten.

Indes berichten europäische Länder wie Luxemburg, Dänemark und Bulgarien laut EU-Gesundheitsbehörde ECDC von einer hohen beziehungsweise sehr hohen Intensität der Grippe-Verbreitung - neueste Zahlen sind vom März. Auch in Deutschland sei eine starke Zunahme der Fallzahlen in den vergangenen vier Wochen zu beobachten, heißt es im AGI-Bericht. Angesichts einer unbekannten Zahl an Tests können die Autoren aber nicht sicher einschätzen, ob der Anstieg eine tatsächliche Zunahme zirkulierender Grippeviren bedeutet oder nicht.

"Ob sich doch noch eine richtige Grippewelle entwickeln kann, können wir nicht sagen. Die Wahrscheinlichkeit einer deutlich steigenden Influenza-Aktivität in den kommenden Wochen verringert sich, je weiter das Frühjahr voranschreitet", teilte eine RKI-Sprecherin auf Anfrage mit.