• Russin hilft Flüchtlingen, nach Bitburg zu kommen
  • Ukrainerinnen haben große Angst 
  • Schlimme Gerüchte verbreiten sich in den Auffanglagern

Die Angst unter den Geflüchteten, dass sie an Menschen- oder Organhändler geraten könnten, ist groß. Diese Gerüchte hätten sich schnell verbreitet. Daher sei in den Lagern an der polnisch-ukrainischen Grenze auch Überzeugungsarbeit notwendig. Den Geflüchteten werde erklärt, was sie in Deutschland erwartet. "Da ist so viel Vertrauen gefragt", sagt Inna Ganschow. Die Russin ist mit dem Verein MMS Humanitas an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren, um Flüchtlinge nach Deutschland zu bringen. Trotz all der traumatischen Erlebnisse glaubten die Geflüchteten aber noch immer an das Gute im Menschen. "Sie steigen in den Bus, weil sie hoffen, dass es ihnen besser gehen wird als im Lager oder Keller zu Hause", erklärt Inna. 

Gerüchte schüren Ängste: Ukrainerinnen schützen einander

Es bedeute den Menschen so viel, dass sie in Deutschland in einer bekannten Sprache begrüßt und informiert werden, erzählt Inna sichtlich berührt im Gespräch mit inRLP.de. Vor allem sei es für die vielen Frauen, die vor dem Krieg ohne ihre Männer und Söhne fliehen mussten, vertrauenerweckender, wenn sie mit einer anderen Frau sprechen könnten. Männer sorgten für Ängste, dass ein Menschenhändler vor ihnen stehen könnte. Ein Busfahrer alleine habe wenig Erfolg bei der Ansprache. Die Frauen reagierten zögerlich oder würden dem Mann nicht trauen. Daher sagte Inna zu, an einem Wochenende den Bus als Dolmetscherin zu begleiten.

Mittlerweile sei das Auffanglager im polnischen Korczowa besser organisiert als noch vor einigen Wochen. Es wirke wie an einem Busbahnhof, wo die Menschen an Schildern, auf denen ein Ziel wie Deutschland oder Italien steht, darauf warten, dass sie abgeholt werden. "Es ist erstaunlich freundlich", berichtet Inna. "Man würde durch die Bilder, die wir in den Medien gesehen haben, erwarten, dass ein riesiges Gedränge herrscht und dass Menschen ums Überleben kämpfen." Doch vor Ort gebe es keine Ellenbogengesellschaft. "Man ist unglaublich zuvorkommend, verständnisvoll."

Dennoch: "Es wird sehr viel geweint", sagt Inna. Die Tränen kämen plötzlich und unerwartet. "Niemand spricht von der Zeit im Keller, von den Söhnen, Väter, Ehemännern." Inna erklärt, dass sie nicht wisse, wie viele Witwen sie transportiert hätten. "Es gibt eine starke, weibliche Gemeinschaft." Die Frauen würden zusammenhalten, schnell würden auch die Kinder anderer als eigene aufgenommen. Niemand müsse alleine bleiben. "Das ist eine Schwesternschaft." Sie sei glücklich darüber, Teil davon sein zu dürfen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Frauen weit weg von Zuhause einander im Lager terrorisieren würden." Als der Bus sich auf den Heimweg gemacht hat, wurde in Deutschland die Unterbringung organisiert. Auch auf Sonderwünsche werde eingegangen. So werde auch Rücksicht darauf genommen, wenn Menschen nicht getrennt werden wollen. Auf der Flucht hätten sich auch neue Familien gebildet, berichtet Inna. Teilweise hätten die Helfer erst im Nachhinein bemerkt: "Das sind keine Familien." 

Flüchtlinge gründen unterwegs neue Familien

Auch bei diesem Mal hätten sich Frauen zusammengefunden. Mutter, Kind und zwei Großmütter erklärten, dass sie zusammengehören und zusammenbleiben wollen. Später hat Inna herausgefunden: "Sie haben sich vor zwei Tagen kennengelernt. Die beiden Großmütter haben unterwegs eine Tochter und eine Enkelin gewonnen. So wie diese Frau und ihre Tochter zwei Großmütter gefunden haben, während die eigenen womöglich irgendwo im Keller sitzen." Viele wüssten auch nicht, wo ihre Familien sind. Solche Konstellationen gebe es immer wieder. "Sie wollen zusammenbleiben und sagen: 'Wir gehören zusammen!'" Die Blutsverwandten würden dabei nicht vergessen werden. "Man gründet neue Familien unterwegs."

In Bitburg angekommen, saßen bereits die Gastfamilien bereit und warteten auf ihre ukrainischen Gäste. Inna berichtet, dass es ganz unterschiedliche Menschen waren, die dort still saßen. "Das sind Bauern, Bankangestellte, Lehrer, pensionierte Sozialarbeiter - quer durch!" Aus dem Bus sind Menschen gestiegen, "die seit einigen Tagen unterwegs sind", ihre Schuhe nicht ausziehen konnten und "die eigentlich nicht wissen, wo sie hingefahren werden und von wem", erzählt Inna.

Inna Ganschow war als Dolmetscherin mit dem Verein MMS Humanitas im polnischen Korczowa und hat die erschöpften Flüchtlinge nach Bitburg begleitet.
Inna Ganschow

In den Unterkünften standen Betten, Essen und alles, was die Gäste benötigten, bereit. Für die Ukrainer*innen sei es nur schwer begreiflich gewesen, warum so viele Menschen ihnen helfen wollten. "Wir können den Krieg nicht stoppen, aber wir können zumindest die Folgen vielleicht ein bisschen mildern", ist Innas Erklärung an die Geflüchteten. Sie erhalte auch Nachrichten von den Geflüchteten, denen es unangenehm sei, dass für sie eingekauft werde. Es werde der Zeitpunkt kommen, an dem die Ukrainer*innen ihren Gastfamilien etwas zurückgeben können, erklärte ihnen Inna. 

Auch nach der Vermittlung in die Familien steht Inna weiter mit den Geflüchteten in Kontakt: "Wir schreiben den ganzen Tag." Es gehe nur selten um Probleme. "Man schreibt einander nette Worte. Man lobt und bewundert einander." Das hinterlasse auch Spuren bei den Helfern. "Man kann dann nicht mehr nach Hause fahren und denken: 'Erledigt!'" Die eigenen Probleme würden zu Luxusproblemen. "Wenn ich ankomme, fahre ich nach Hause, lege mich in mein Bett und esse mein bekanntes Essen. Wenn diese Menschen ankommen, fahren sie in ein fremdes Zuhause und schlafen in fremden Betten."

Helferin: "Ich hatte meine Ängste als Russin"

Inna selbst sei vor 30 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Ein Neustart mit einem 20 Kilogramm schweren Koffer pro Person. "Jetzt kann ich etwas zurückgeben." So war es für Inna selbstverständlich zu helfen.

"Ich glaube, die Gründe, anderen Menschen zu helfen, sind universell", schätzt Inna, die aus Russland stammt. "Das ist fast ein instinktives Gefühl." Es stehe in ihrer Möglichkeit, Menschen in der Not zu helfen. Zunächst hat sie bei Ankunft eines Busses mit Geflüchteten aus der Ukraine übersetzt. "Ich hatte meine Ängste als Russin und dachte, dass sie niemals mit mir sprechen würden." Sie war jedoch "fern von jeglicher Realität". Es ist egal, aus welchem Land man kommt, welche Sprache man spricht, berichtet sie. Die Menschen seien offen für die Hilfe, die man ihnen bietet.

"Ich habe 50 Menschen als Freunde gewonnen." Natürlich hoffe sie, dass der Krieg schnell vorbeigeht, denn auf diese Art wolle schließlich niemand Freunde finden. Inna plant, mit einem der nächsten Busse wieder nach Korczowa zu fahren. "Ich hoffe, dass die Transporte nicht mehr lange gebraucht werden."