Die Kriminalität in Deutschland geht laut Statistik zurück: Die Behörden erfassten im vergangenen Jahr 5,76 Millionen Straftaten - die niedrigste Zahl seit 1992. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ist die erfasste Kriminalitätsrate sogar niedriger als in den vergangenen 30 Jahren, wie das Bundesinnenministerium am Dienstag in Berlin bekanntgab. Auf 100 000 Einwohner kommen demnach weniger als 7000 Fälle.


Deutschland ist sicherer geworden


Innenminister Horst Seehofer, der die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für 2017 vorstellte, sagte: "Deutschland ist sicherer geworden. Gleichwohl gibt es zur Entwarnung keinen Anlass." Für die Behörden von Bund und Ländern bleibe viel zu tun, sagte der CSU-Politiker.

Die aktuelle Kriminalstatistik enthält viele gute Nachrichten. Weniger Diebstähle. Weniger Gewalt. Die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten geht in Deutschland zurück. Trotzdem gaben bei einer repräsentativen Umfrage im März 44 Prozent der Befragten an, sie fühlten sich heute weniger sicher als noch vor Jahren. Wie kann das sein?


Verfügbarkeit von Nachrichten über Straftaten


Ein Grund ist sicher die wachsende Verfügbarkeit von Nachrichten über Straftaten. Ein atemlos kommentiertes Handy-Video vom Tatort eines Verbrechens hat einen stärkeren Effekt auf den Betrachter als eine Nachricht in den Abendnachrichten, die ein TV-Sprecher mit ruhiger Stimme vorliest. Das Teilen von Informationen über soziale Medien führt außerdem dazu, dass eine Messerattacke in der Berliner U-Bahn auch Menschen im ländlichen Vorpommern verunsichert.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) glaubt, dass auch "gute Beleuchtung auf Straßen und Plätzen" und "ein sauberes Straßenbild" dazu beitragen können, dass sich die Menschen sicher fühlen. Er ist außerdem überzeugt, dass die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Asylbewerber mit und ohne Papiere im September 2015 nicht an der Landesgrenze zurückzuweisen, das Vertrauen vieler Bürger in das Funktionieren des Rechtsstaats erschüttert hat. Seehofer sagt: "Mit unehrlichen Analysen überzeugen Sie niemanden." Und: "Deshalb bleibe ich bei dem, dass das ein Kontrollverlust ist."


AfD stellt Kriminalstatistik infrage


Die AfD wird von ihren Kritikern oft als Partei der Angstmacher bezeichnet. Sie zieht die Ergebnisse der Polizeilichen Kriminalstatistik ganz grundsätzlich infrage. Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel sagt, da nur erfasst werde, "womit sich die Polizei überhaupt beschäftigt, wird die Statistik paradoxerweise umso rosiger, je schlechter der Rechtsstaat funktioniert". Dies auch noch zu feiern, sei "ein Hohn für die Bürger, deren Sicherheitsempfinden zu Recht gesunken ist".

In der Tat weist das Bundeskriminalamt (BKA) ausdrücklich darauf hin, dass bestimmte Vergehen gar nicht erfasst werden: Staatsschutzdelikte, Verkehrsvergehen, Ordnungswidrigkeiten, Delikte aus dem Finanz- und Steuerbereich, bei denen nicht die Polizei sondern andere Behörden ermitteln oder Straftaten, die direkt bei der Staatsanwaltschaft angezeigt werden. Selbst für das, was übrig bleibt, gilt: Damit eine Tat in der Statistik landen, muss sie erst einmal der Polizei bekannt sein.

Wie aussagekräftig die Statistik ist, das hänge auch von der Art des Delikts ab, erläutert eine BKA-Sprecherin. "Es gibt einige Bereiche wie etwa Eigentumsdelikte, da habe wir ein geringes Dunkelfeld. Die meisten Betroffenen werden Delikte hier anzeigen, schon aus Versicherungsgründen." Bei Rauschgiftdelikten hingegen hätten die Beteiligten wenig Grund, zur Polizei zu gehen - was ein realistisches Bild schwer mache. "Die Polizeiliche Kriminalstatistik kann nur eine Annäherung darstellen", sagt die BKA-Sprecherin.


Wie sicher sich die Bürger fehlen


Wie sicher sich die Bürger fühlen, hat aber auch damit zu tun, wie viele Täter dingfest gemacht werden. Und da gibt es durchaus Unterschiede. Vor allem Berlin und Hamburg fallen hier negativ auf. In diesen beiden Großstädten wurden im vergangenen Jahr von 100 statistisch erfassten Straftaten im Schnitt jeweils weniger als 45 Delikte aufgeklärt. In Frankfurt am Main, einer Großstadt mit ebenfalls relativ hoher Kriminalitätsbelastung, wurden dagegen rund 64 von 100 Straftaten aufgeklärt. Im Vergleich der Bundesländer hatten Bayern (66,8 Prozent), Rheinland-Pfalz (64,4 Prozent) und Thüringen (64,5 Prozent) die höchsten Aufklärungsquoten.

Den Vorwurf, Politiker aus dem rechten Spektrum dramatisierten bestimmte Gefahren, um sich dann als knallharte "Law-and-Order"-Retter in Szene zu setzen, weist Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) zurück. Stahlknecht ist am Dienstag als Vorsitzender der Innenministerkonferenz nach Berlin gekommen, um die bundesweite Kriminalstatistik zusammen mit Seehofer vorzustellen. Er sagt: "Die Bevölkerung will von Politikern auch unangenehme Wahrheiten hören." Wenn dies nicht geschehe, gehe "das Vertrauen verloren".

Der Anteil der aufgeklärten Straftaten ist laut Innenministerium mit 55,7 Prozent so hoch wie nie seit Beginn der Zählung 2005. Ausländerrechtliche Verstöße wie zum Beispiel die illegale Einreise sind dabei ausgeklammert. Die Aufklärungsquote hängt aber stark vom Tatbereich ab: Bei Wohnungseinbrüchen mit Diebstahl werden nur 17,8 Prozent der Fälle aufgeklärt, bei Tötungsdelikten sind es 95,6 Prozent.


30 Prozent Straftaten von Ausländern


Drei Viertel der 1,98 Millionen Tatverdächtigen des vergangenen Jahres waren den Angaben zufolge Männer. Etwa 30 Prozent der Tatverdächtigen sind keine Deutschen. Die meisten davon sind Zuwanderer, was einem Gesamtanteil von 8,5 Prozent entspricht.

Einen erheblichen Rückgang von 11,8 Prozent verzeichnen die Behörden beim Diebstahl. So sanken die Fälle von Wohnungseinbruchsdiebstahl um 23,0 Prozent, beim Taschendiebstahl um 22,7 Prozent. Auch die Gewaltkriminalität ist leicht zurückgegangen - um 2,4 Prozent.


Anstieg bei Pornografie-Delikten


Um 12,9 Prozent angestiegen sind dagegen Delikte, bei denen Pornografie verbreitet wurde. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach von einem "erschütternden Ausmaß" der Kinder- und Jugendpornografie. Auch sogenanntes Cybergrooming - das Ansprechen Minderjähriger im Netz mit dem Ziel sexueller Kontakte - stelle eine Gefahr dar.

Gewerkschafter warnten zudem vor zunehmender Gewalt gegen Polizisten und Rettungskräfte. "Die zahlreichen Gewaltdelikte gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst sind auch Symptom des schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalts und Folge eines zu schlanken Staates", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack.


74 400 Polizeibeamte angegriffen


Laut Gewerkschaft der Polizei (GdP) wurden im vergangenen Jahr 74 400 Polizeibeamte Opfer von vollendeten und versuchten Straftaten - das seien rund 2600 mehr als 2016. "Die Einsatzkräfte können zwar viel ab, aber es nagt schon sehr an der Motivation und der wichtigen Bürgernähe, wenn der Frust der Bürger sich nicht nur verbal, sondern auch über Respektlosigkeit und Gewalt gegen die Beamten entlädt", sagte der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow.