1. Im Chaos

Wenn Besuch kommt, macht Manuela Nehrbauer die Küchentür zu. Damit niemand merkt, wie chaotisch es da drinnen aussieht. "Ich habe nie genug Platz. Die Arbeitsflächen stehen voll, die Schubladen quellen über", sagt die flotte junge Frau in schnellen Sätzen und zuckt mit den Schultern. Sie weiß, woran's liegt: "Ich hebe alles auf." 2014 haben Manuela und ihr Mann Steffen ein Haus aus den 80ern in Burghaslach (Landkreis Neustadt/Aisch) gekauft, in dem sie mit dem fünfjährigen Jakob und seiner kleinen Schwester Lena (1) leben. Als im Herbst alle Fenster ausgetauscht wurden, brauchten die Handwerker Platz - alles musste weggeräumt werden. "Da haben wir gemerkt, wieviel wir haben. Zuviel. Das belastet." Am liebsten würden sie ihr Haus gleich komplett von Ballast befreit haben. Wie schnell das klappt, hängt von der Zeit ab, die sie investieren können. Und von der Bereitschaft, sich von Dingen zu trennen. Los geht's in der Küche: Profi-Aufräumerin Petra Bäumler hilft. Ein Vormittag sollte reichen. Sie hat bevorzugt Frauen als Kunden, man duzt sich.

2. Die Profi-Aufräumerin

Petra Bäumler ist Diplom-Bibliothekarin. "Von Berufs wegen systematisch und ordnungsliebend", sagt die Nürnbergerin. Als sie gemeinsam mit ihrer Schwester das Elternhaus ausräumen musste, fiel ihr auf, wie leicht sie sich von Dingen trennen kann. Das wollte sie auch in ihrem eigenen Umfeld probieren. Das bekannte Buch "Magic Cleaning" von Marie Kondo war ihre Initialzündung für den Lebensstil des Minimalismus. Sich bewusst auf ein Minimum, auf das für sie Wichtige zu konzentrieren, nur noch von Dingen umgeben zu sein, die sie glücklich machen: "Das war fortan mein Weg. Ich begann, mein Leben auszumisten." Kleider, Keller, Dachboden, Bücher und andere Gegenstände, sogar alte Briefe, Mails und Kontakte kamen auf den Prüfstand. "Durch die Befreiung von Überflüssigem hat sich mein Leben komplett verändert." Und mit ihrer Firma "Die Aufräumerei" unterstützt sie jetzt andere dabei, sich neu zu sortieren.

3. Loslassen lernen

Manuela Nehrbauer will endlich loslegen. Vorher muss sie Petra Bäumlers Fragen beantworten. "Ich finde die Küche eigentlich normal. Aber ausschlaggebend ist, dass es dir nicht gefällt. Wie fühlt es sich an?" "Voll. Chaotisch." "Was nervt dich? Und wie soll es hinterher aussehen?" Nehrbauer muss nicht lange überlegen. "Ich habe zu viele Utensilien und Lebensmittel. Ich stopfe alles in die Schränke und dann fallen mir die Sachen entgegen. Ich möchte, dass die Küche leerer wird und mehr System reinkommt." Bäumler kennt das: "Du hast zu viel und deshalb keine Ordnung. Dann haben die Dinge keinen festen Platz und man stellt sie nur von A nach B." Ihre Devise: Qualität zählt, nicht Quantität. "Nur ausmisten hilft. Loslassen kann man lernen." Doch genau davor fürchtet sich Nehrbauer. "Eigentlich will ich nichts wegwerfen, was noch gut ist." Bäumlers Gegenargument: "Ja, die Sachen hatten ihren Wert. Aber sie werden nicht wertvoller und niemand gibt Geld dafür, wenn du sie behältst."

4. Anfangen, wegzuwerfen

Zwischenlösung: Unvollständiges aussortieren, in einen Karton packen, einlagern. Post-it mit Datum drauf: Kann in einem Jahr weg. "Dann muss es aber wirklich weg." Etwas im Keller zu lagern ist aus Bäumlers Sicht nur bei selten gebrauchten Dingen akzeptabel. Wie dem Bräter von Nehrbauers, der jetzt eine Etage tiefer wandert. Dann die Tuppersachen. "Ich hätte gern die Hälfte davon weg", wünscht sich Manuela Nehrbauer. Ausräumen, sichten. Dosen, für die es keinen Deckel mehr gibt, werden weggeworfen. Die Vollständigen werden der Größe nach gestapelt und hochkant wieder in die saubere Schublade geräumt, separate Deckel kommen an die Seite. Die Hausherrin ist zufrieden. "Sieht ordentlich aus, das finde ich gut." Sie denkt laut darüber nach, dass jetzt hinten im Schrank noch Platz ist - doch dann findet sie schön, dass die Fläche einfach leer ist. Bäumler bestärkt sie: "Hinten ist kein verschenkter Platz, das ist toter Platz. Da kommt man schlecht hin. Und Dinge, die versteckt stehen, benutzt man nicht."

5. Weiter so!

Auch Töpfe und Pfannen sind in vielen Küchenschränken so über- und ineinandergestapelt, dass man sie kaum mit einem Handgriff geordnet herausnehmen kann. Petra Bäumler zeigt Nehrbauer dieselbe Methode wie bei den Tuppersachen: ausräumen, sichten, die Deckelfrage klären, Unnötiges wegtun. Und dann geschickt wieder zurückstellen: klein in groß.

6. Nein sagen

Der Vorratsschrank: Lebensmittel kreuz und quer bunt durcheinander. Ein weiteres Mal heißt es ausräumen. Jede Packung in die Hand nehmen, auf Haltbarkeit und Verwendung prüfen. "Ich habe so viel und einiges doppelt, mit dem ich nie koche. Jetzt sehe ich erst, was ich alles habe", sagt Nehrbauer. Sie prüft, entscheidet beherzt. Wo sie unsicher ist, hilft Petra Bäumler. Nach und nach kommt System hinein: Backzutaten in ein eigenes Fach. Ein weiteres wird mit Sachen fürs Frühstück befüllt, ein drittes mit Lebensmitteln für die kleine Lena, ein viertes mit seltener gebrauchten Vorräten. "Gleiches zu Gleichem", lautet Bäumlers Tipp. "Nudeln, Reis und Mehl zum Beispiel passen gut zusammen." Offene Lebensmittel mit Clips verschließen oder in Gläser umfüllen und beschriften. "Das sieht schöner aus."

Die ordnungswillige Hausfrau muss auch aussortieren. "Mit Quinoa koche ich nicht mehr, das war nur eine Phase", sagt sie. Bäumler empfiehlt, grundsätzlich erstmal aufzubrauchen, was da ist, und dann erst neue Lebensmittel zu kaufen. Das ist nachhaltig. Andererseits - wenn Ordnung, dann jetzt. Also weg mit dem Quinoa. "Das passiert dir nicht nochmal, dass du Lebensmittel wegwerfen musst. Da zahlst du jetzt Lehrgeld." Ihr Rat: "Im entscheidenden Moment Nein zu sagen, erspart Kummer."

7. Ordnung halten

Nach zwei Stunden sieht die Küche deutlich aufgeräumter aus. "Es ist kein Hexenwerk", sagt Petra Bäumler. "Wenn man erstmal angefangen hat, gefällt es einem und schnell stellt sich Erleichterung ein. Man findet es schön, dass man weiß, was wo steht. Diese Ordnung behält man dann automatisch bei." Zu Manuela Nehrbauer sagt sie: "Ich bin stolz auf dich, dass du das gemacht und Dinge losgelassen hast."

Die Angesprochene freut sich über das Kompliment. "Wir haben viel geschafft. Alleine hätte ich den Vorratsschrank nicht gepackt", sagt sie. "Jetzt bleibe ich dran." Bäumler gibt ihr einen letzten Tipp: eine Liste mit kleinen "Aufträgen" schreiben. Diese Schublade ausräumen, jenes Fach entrümpeln. "Das geht zwischendurch." Die Aufräum-Expertin selbst stellt sich jeden Abend einen Timer auf 15 Minuten, geht in dieser Zeit durchs Haus und räumt etwas auf. Bei Nehrbauers wird es noch eine Weile dauern, bis alles ausgemistet ist. Die Küche ist ein Anfang. "Ich fühle mich befreit", sagt Manuela Nehrbauer. Sie kann jetzt endlich die Tür offen stehen lassen, wenn Besuch kommt.