"Volksverräter"-Rufe ertönten, ein geworfenes Ei erreichte die Wagenkolonne allerdings nicht. Unter den Demonstranten befanden sich auch mehrere bekannte "Pegida"-Anhänger. Auf der nahen Bundesstraße vorbeifahrende Autos hupten wiederholt.

Länger als eine Stunde sprach Merkel mit Flüchtlingen und Helfern in der hermetisch gesicherten Unterkunft, einem ehemaligen Baumarkt. "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen", sagte sie nach einem Rundgang durch die Einrichtung, wie Teilnehmer bestätigten. Sie sprach sich dafür aus, Außenstellen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ortsnah zu platzieren, um Verfahren zu beschleunigen.

Die Kanzlerin hörte vor allem Fluchtgeschichten und Berichte von DRK-Mitarbeitern und freiwilligen Helfern. Journalisten waren dabei nicht zugelassen. In einem kurzen Pressestatement betonte sie anschließend das Recht der Flüchtlinge auf faire Behandlung und ein Asylverfahren. Auch öffentlich dankte sie noch einmal allen Hilfsorganisationen. "Wir haben eine riesige Herausforderung, die wir nur gemeinsam bewältigen können", sagte Merkel.
Vor ihrer Ankunft hatte sich Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) wartenden Bürgern gestellt. Unter einer Flut von Beschimpfungen und Unterstellungen kam er jedoch kaum zu Wort und ein Gespräch nicht zustande. "Wir zahlen hier die Steuern und füttern die Asylanten durch", wurde empört gerufen. Es handele sich um Wohlstandstouristen, die weder arbeiten könnten noch arbeiten wollten. Angeblich werde deren Einwanderung durch Sonderverträge etwa mit Tunesien staatlich gefördert, sagte ein zorniger älterer Mann.

Als Tillich appellierte, in Flüchtlingen auch Menschen zu sehen, widersprach ihm ein Heidenauer Bürger. "Das kann ich nicht, wenn sie aus niederen Beweggründen kommen und hier nur durchgefüttert werden wollen", sagte der Mann. Besonders lauten Protest erntete der Ministerpräsident, als er zurückfragte, warum Einwohner mit rechtem "Pack" demonstrierten. "Wir sind keine Nazis!", rief eine ältere Frau. An den gewalttätigen Ausschreitungen vom Wochenende seien ausschließlich "linke Antifa-Chaoten" schuld, die heimlich von der Landesregierung bezahlt würden, hieß es wiederholt.
Aber es gab auch andere Zaungäste beim Besuch der Kanzlerin: eine Frau war aus dem benachbarten Pirna angereist, um sich bei Merkel für die Fluthilfe 2013 zu bedanken. Sie habe erfahren, wie man in Notsituationen auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

Eine rigorose "Therapie" für die Sachsen verlangte indessen ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe aus Köln, der seinen Namen nicht nennen wollte. Das Verhalten der Leute hier sei "eine Schande für Deutschland" und nur mit "Nachwehen von Honecker" zu erklären.

Ein Marokkaner, einer der ganz wenigen dunkelhäutigen Flüchtlinge, die während des hohen Besuches außerhalb der Unterkunft anzutreffen waren, fühlt sich trotz der Attacken wohl in Deutschland. "I'm not afraid" (auf deutsch: Ich habe keine Angst) antwortete er auf Fragen nach dem mehr als unfreundlichen Empfang in Sachsen. Die Kanzlerin musste sich bei ihrer Weiterfahrt zu einem Termin in Glashütte erneut ein lautes Pfeif- und Hupkonzert anhören.