Ein Bummel durch die Straßen und Gassen von Soho im Londoner Westend macht die Misere offenkundig. «Bis auf weiteres geschlossen» oder «Back Soon» steht an den verriegelten Türen der Theater - ihr Zugang ist mit flatternden Plastikbändern versperrt.

Die Figur auf dem Plakat für das Hit-Musical «Les Misérables» schaut eher traurig als wütend von der Fassade des Sondheim-Theaters herab. Seine Rekordlaufzeit von 35 Jahren wurde mit der Schließung im März abrupt beendet. Eine Fortsetzung ist nicht in Sicht.

Die darstellenden Künste sind von der Corona-Pandemie auf existentielle Art betroffen. Der London-Tourismus liegt am Boden, und viele der überalterten, beengten Theater kämpfen mit den neuen Regeln für Abstand und Hygiene.«Die Wahrheit ist, dass wir nicht an eine Wiedereröffnung denken können, solange die Abstandsregeln gelten», teilte der Theaterbesitzer und Musical-Produzent Cameron Mackintosh im Juni mit. Die Türen seiner acht Londoner Theater, wo Hits wie «Cats», «Phantom of the Opera» und «Hamilton» spielen, blieben bis 2021 geschlossen.

Sein Branchen-Kollege Andrew Lloyd Webber hat unterdessen in seinem Palladium-Theater auf Eigeninitiative Anti-Virusmaßnahmen wie Desinfektionsnebel, Wärmebildkameras, kontaktlose Thermometer und Virus-tötende Türklinken getestet, die nach seinen Angaben bei Aufführungen seiner Stücke in Südkorea erfolgreich angewandt wurden. Das Publikum trägt Masken.

Der Impresario will der Regierung damit beweisen, dass Gesundheitsschutz auch ohne Abstandsregelungen möglich ist. «Tatsache ist, dass soziale Distanz im Theater schlicht unmöglich ist», sagte der berühmte 72-jährige Musical-Komponist («Cats», «Das Phantom der Oper») nach seinen Probevorstellungen. Ein Theater müsse zu mindestens 65 Prozent besetzt sein, um überhaupt etwas einzubringen. Er verstehe nicht, warum Flugzeuge wieder fliegen, Theater aber nicht geöffnet werden könnten, klagte Lloyd Webber.

Obwohl technisch Live-Aufführungen in Binnenräumen seit Anfang August unter strikten Abstandsauflagen wieder erlaubt sind, sind nur wenige Theater dem Regierungsrat gefolgt. Sie drängen auf ein konkretes Datum für die volle Wiedereröffnung im Herbst bei einer weiteren Lockerung - wenn nicht gar Abschaffung - der momentan geltenden Abstandsregeln von zwischen ein und zwei Metern. Sowohl Mackintosh als auch Lloyd Webber haben für ihre jeweiligen Häuser Gespräche über freiwillige Entlassungen eingeleitet.

In der britischen Theaterindustrie sind rund 300 000 Menschen beschäftigt, von denen nach Angaben der Gewerkschaft Bectu 70 Prozent auf freier Basis arbeiten. Laut Bectu sind infolge Corona schon Tausende entlassen worden, sowohl festangestellte Mitarbeiter als auch Freie. Viele arbeiteten in London und im Westend. «Die Uhr zur Rettung der Theaterindustrie tickt», hieß es in einer Mitteilung der Gewerkschaft. Für viele Häuser, so der Online-Kanal Euronews, könnte der Vorhang für immer gefallen sein. «Das Herz des Westend hat aufgehört zu schlagen», befand Euronews.

Die Alarmrufe haben Künstler wie Sam Mendes und Olivia Colman zu privaten Spendenaktionen veranlasst. Sie folgen auf ein großangelegtes Hilfspaket der Regierung für die Künste im Juli, dessen gewichtiger Umfang von 1,57 Milliarden Pfund (1,73 Milliarden Euro) allseits Beifall fand. Inzwischen beklagen die Institutionen aber, das Geld reiche nicht aus, und vor allem freie Beschäftigte blieben ungeschützt.

Rund 300 Theater, darunter so bekannte Häuser wie das National Theatre und das Shakespeare Globe in London, sowie die Kunstgalerie Tate Modern, tauchten kürzlich in der abendlichen Protestaktion «Red Alert» (Warnstufe Rot) ihre Gebäude in ein rotes Licht. «Werft uns eine Rettungsleine zu», hieß es auf begleitenden Protestschiffen auf der Themse.

Verglichen mit den Theatern stehen die Museen etwas besser da. Die meisten schleusen seit Juli wieder Besucher auf Zeit-Tickets und vorgeschriebenen Routen durch ihre Räume. Das British Museum folgt erst Ende August. Alle Museen rechnen mit einem Rückgang des Besucheraufkommen von rund 50 Prozent und fordern langfristig eine Aufstockung der staatlichen Förderung.

«Unser Geschäftsmodell erfordert, dass wir 50 Prozent unserer Einkünfte selbst aufbringen», erläutert Gabriele Finaldi, der Chef der National Gallery. Das sei bei zu erwartenden sinkenden Besucherzahlen langfristig über Ticket-Einnahmen und Museumsshops nicht aufrechtzuerhalten. Ähnlich äußerte sich Hartwig Fischer, der Chef des British Museum, bei dem der Anteil der staatlichen Unterstützung bei nur 40 Prozent liegt. Die «heilige Kuh» des freien Museumeintritts (außer Sonderausstellungen) soll aber unangetastet bleiben, heißt es aus Londoner Museumskreisen.

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