Elegant gleitet Joachim Gauck über den Moment hinweg, in dem alle erwar ten, dass er etwas über seinen Vorgänger Christian Wulff sagt. Gauck hat etwa die Hälfte seiner Antrittsrede gehalten, als er zum Thema Integration kommt - Wulffs Hauptanliegen. Und wie geht Gauck damit um? Er sagt, dass Johannes Rau bereits vor zwölf Jahren in seiner Berliner Rede auf die Probleme hingewiesen hat. Dann lobt Gauck die Impulse, die Wulff "für eine einladende, offene Gesellschaft" gegeben habe.

Martin Haase studiert diese Passage genüsslich. Der Bamberger Sprachwissenschaftler hat die ausgedruckten Antrittsreden von Wulff und Gauck vor sich liegen; er vergleicht sie, seziert sie in Sprache und Aufbau und legt dabei einiges offen, was für die Charaktere der beiden Präsidenten typisch ist. "Gauck ist Wulff gegenüber nicht unhöflich." Haase lächelt, freut sich sichtlich über den rhetorischen Kniff. "Er spricht ihn an. Aber nur in zwei Sätzen. Und dadurch, dass er Rau davor setzt, wird Wulffs Besonderheit beim Thema Integration noch mal verkleinert." Haase vertieft sich noch einmal in die Rede, mit der Wulff am 2. Juli 2010 angetreten ist. "Im Grunde ist Integration sein einziges Thema. Außerdem geht es um die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise." Haas schüttelt den Kopf. "In diesem Abschnitt weiß man nicht so genau, worum es Wulff geht. Es fehlt die Stringenz."


Tolle Rhetorik-Klassenarbeit



Ganz anders schätzt der Sprachwissenschaftler Gaucks Rede ein: "Die könnte im Deutschunterricht wunderbar als Klassenarbeit für den Bereich Rhetorik eingesetzt werden." Gaucks Rede hat zwei Ordnungsprinzipien. Gut ein Drittel ist ein geschichtlicher Rückblick, der bei der Deutschen Einheit endet. Danach geht's um die Zukunft. Gauck schwenkt zu Gerechtigkeit und sozialer Teilhabe, spricht über die Gleichheit der Menschen (nebenbei setzt er Wulff hinter Rau) und geht zum Thema Freiheit über. "Einheit, Gerechtigkeit, Freiheit. Diese drei Grundgedanken sind das Motto der Nationalhymne", sagt Haase. Außer der Chronologie weist er auf ein zweites, systematischen Ordnungsprinzip hin.

Gauck hat eine Leitfrage, mit der er die Rede beginnt, und die er immer wieder mit unterschiedlichen Aspekten aufgreift: "Wie soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel ‚Unser Land‘ sagen sollen?"
Ein Leitmotiv hatte auch Wulff. Der 1995 verhüllte Reichstag war bei ihm Symbol des Gemeinschaftsgefühls der Menschen. "Selbst wenn Wulff sich als Politiker noch gemacht hätte, war das als Aufhänger unangemessen. Da fehlt die historische Tiefe, das ist so etwas - ", Haase zögert: "im Grunde etwas so Kleines, Bescheidenes." Bescheidenheit wurde Wulff selten vorgeworfen. Haase lächelt breit. "Bescheidenheit kann man doppeldeutig verstehen. Man könnte auch Provinzialität sagen."


Unangemessenes Zitat und lange Einleitung



Wo Gauck nach kurzer Begrüßung loslegte, verwendete Wulff ein Viertel seiner Redezeit mit Danksagungen - an seinen Kontrahenten Gauck, seinen Vorgänger Köhler, dessen Frau. "Er knüpft an die rhetorische Tradition an, das Wohlwollen der Zuhörer zu gewinnen." Haase war der Vorspann aber viel zu lang. "Peinlich", nennt er das Brecht-Zitat, mit dem Wulff das Engagement der Präsidentengattin loben wollte: "Die einen stehen im Licht, und die im Schatten sieht man nicht." Brecht meint damit in seiner Moritat von Mackie Messer Fieslinge, die im Dunkeln morden.

Gauck bezog sich auf Adenauer, den Philosophen Hans-Georg Gadamer und Gandhi. Das hatte Haase nicht erwartet, aber es passte. "Dass er mehr über die 68er spricht als über die DDR, war eine Überraschung. Deshalb ist die Rede spannend. Und es passt zu seinem Konzept, das ,unser Land' ein Ganzes ist, in dem alle zusammen leben können." Gauck sagt viel öfter "unser Land" als "Deutschland", er schließt viele ein, sagt "wir" und meint damit sich selbst und alle Angesprochenen. Aber nicht die Rechtsextremen. Die grenzt Gauck sprachgewaltig aus.

Er nutzt eine breite Palette rhetorischer Stilmittel, besonders gern Dreiergruppen, wie Haase an Beispielen zeigt: "Hybris, Mord, Krieg - Freiheit, Frieden, Solidarität". Gauck spricht über die Europäische Kultur, nicht wie Wulff über den Europäischen Wirtschaftsraum. Das Wirtschaftswunder ist weniger bedeutend als das Demokratiewunder. Er umkreist mit ethischen Ansätzen die Kernfrage, wie dieses Land gestaltet werden soll, kommt über Verantwortung und Mitgestaltung zum Höhe- und Schlusspunkt seiner Rede: Wo Wulff gedankt hat, bittet Gauck "um ein Geschenk": Vertrauen - in ihn, in die Entscheidungsträger, und auch in einen selbst. "Ganz toll diese Stelle", findet Haase. Er freut sich schon auf Gaucks weitere Reden. "Aber man muss aufpassen. Wulff konnte nicht so gut verschleiern. Wenn jemand gut reden kann, muss man genauer hinhören."

Mehr von Martin Haase gibt es auf www.martinhaase.de, www.maha-online.de und www.neusprech.org