Wenn ein berühmter Autor stirbt, werfen Verlage schnell eine Neuauflage seiner Kurzgeschichten oder ein unbekanntes Frühwerk auf den Markt. Amos Oz, der zu den wichtigsten israelischen Schriftstellern gehörte, ist am 28. Dezember gestorben.

Und tatsächlich hat Suhrkamp bereits ein neues Werk von ihm am Start. Doch «Was ist ein Apfel?» gehört nicht zu dieser Kategorie der verzichtbaren Resteverwertung. Das Buch von Amos Oz und seiner Lektorin Shira Hadad ist das Gegenteil davon.

«Was ist ein Apfel» ist wie ein Podcast mit einer stundenlangen Unterhaltung, bei der Oz und Hadad sich über die Arbeit und das Leben des Autors austauschen - im letzten Kapitel auch über seine Vorstellung von Tod und Sterben. Und das auf hohem Niveau, aber so unterhaltsam, dass man immer weiter zuhören möchte.

Hadad ist eine Lektorin, wie sie sich ein Schriftsteller nur wünschen kann: Sie kennt sein Werk so gut wie er selbst, sie schätzt seine Literatur, sie hat ehrliches Interesse an ihm, hinterfragt aber auch, was er ihr erzählt. Man spürt die Nähe zwischen den beiden, aber auch, dass Shira Hadad im Austausch dafür ihre Kritikfähigkeit nicht aufgegeben hat. Das macht den Austausch so spannend und so lesenswert.

Die beiden haben im Frühjahr 2014 angefangen, sich zu unterhalten, während Hadad als Lektorin seinen Roman «Judas» auf dem Schreibtisch hatte. Beide hatten anschließend das Gefühl, es gebe noch Redebedarf. «Wir trafen uns weiterhin bei Oz zu Hause und unterhielten uns über Bücher und Autoren, über Inspiration und Einflüsse, Schreibgewohnheiten und Schuldgefühle, Ehe und Elternschaft», schreibt Shira Hadad im Vorwort.

Und irgendwann lag auf dem Tisch auch ein Aufnahmegerät. Aus den Aufzeichnungen ist das Buch entstanden. Es ist nicht einfach eine Abschrift der Gespräche, eher eine Neukomposition, thematisch sortiert. «Im Laufe dieser gemeinsamen Arbeit wurden wir Freunde.»

Es geht um die Themen, die Amos Oz beim Schreiben bewegt haben: seine Flucht aus der Familie als Teenager nach dem Suizid seiner Mutter, sein Leben im Kibbuz, in dem er sich die Freiräume fürs Schreiben erst erkämpfen musste, seine Rolle als Autor in der israelischen Gesellschaft oder um das Verhältnis von Fantasie und Literatur.

Oz erzählt darüber eine vielsagende Anekdote: Als kleiner Junge begleitete er seine Eltern zu einem Treffen mit Freunden in einem Café. Aber kaum waren die Erwachsenen unter sich, unterhielten sie sich gefühlte «mindestens siebenundsiebzig Stunden» lang über Themen, die ihn nicht interessierten. «Um nicht verrückt zu werden vor Einsamkeint, fing ich eben an, die Nachbartische auszuspionieren», sagt Oz. «Ich stahl Sätze aus Gesprächen, schaute, wer was bestellte, wer bezahlte, mutmaßte, in welcher Beziehung die dort Sitzenden zueinander standen.» Und so hat er es später immer wieder gemacht.

Neben Einblicken in die Schreibpraxis geht es auch ums Selbstverständnis des Autors beim Schreiben. Der Titel deutet das an. Was macht einen Apfel zum Apfel, fragt sich Oz. «Wasser, Erde, Sonne, ein Apfelbaum und etwas Dünger ? der Apfel ähnelt keinem dieser Dinge. Sie alle machen ihn aus, aber er ist ihnen nicht ähnlich.» So sei das mit Geschichten, erklärt der Schriftsteller. «Sie bestehen wohl aus der Summe der Begegnungen, der Erfahrungen und aus sehr viel Zuhören.»

Amos Oz mit Shira Hadad: Was ist ein Apfel? Suhrkamp Verlag Berlin, 174 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-518-42873-3