Als die Oper in Venedig abbrannte, tat sich über Andrea Muzzati der Himmel auf. «Es war ein Inferno», erzählt der Technikchef des Opernhauses «La Fenice». «Man konnte durch ein großes Loch in den Himmel schauen. Es standen nur noch die Grundmauern.»

Doch die Oper war nicht am Ende. Wie Phönix - italienisch Fenice - aus der Asche erhob sie sich nach dem Brand im Jahr 1996. 23 Jahre später suchte nicht Feuer, sondern Wasser eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt heim. Muzzati war der erste, der in der Flutnacht mit anpackte.

Am 12. November 2019 überschwemmte ein Hochwasser fast das gesamte historische Zentrum von Venedig. Auch das Untergeschoss der Oper, wo die Elektrik und Computer untergebracht sind, lief voll. «Es war komplett dunkel. Wir hatten nur ein paar Taschenlampen», erzählt Muzzati. Zusammen mit anderen Männern brachte er Geigen und andere Instrumente in Sicherheit, denn für sie ist schon Feuchtigkeit Gift. «Es war unmöglich rauszugehen. Man konnte die Türen nicht öffnen, weil das Wasser gedrückt hat. Es war Wind, das Wasser stieg an. Es war scheußlich.» 

100 Tage später ist von den Schäden an der Oper nichts mehr zu sehen. Und schon wenige Tage nach der Flut liefen in «La Fenice» wieder Aufführungen. Intendant Fortunato Ortombina erzählt, wie alle Mitarbeiter mitgeholfen hätten, die Vorführungen unter erschwerten Bedingungen zu stemmen. Er spricht von einer «grausamen Perversität des Wassers». «Es kommt, richtet Schäden an, und zieht sich leise wieder zurück. Die Straßen sind schöner als vorher, sie sind sauberer. Aber die Schäden in den Häusern, in den Palazzi, bleiben.» 

Es ist ein sensibles Mikroklima in dem prächtigen Opernhaus, das 1792 eröffnet wurde. Die Klimaanlagen fielen wegen des Wasserschadens aus, «fast wäre dadurch Stuck von der Decke gefallen», erzählt Ortombino. Man merkt ihm die Dramatik an, die diese Nacht gehabt haben mag. Ein Schaden am Kulturerbe wiegt in Italien - dem Land mit den meisten Unesco-Welterbestätten - besonders schwer. «Die Oper ist nicht nur Kultur unseres Landes, sie ist das Blut unseres Landes», sagt Ortombino.

«La Fenice» gehört wie die Scala in Mailand zu den bekanntesten Opernhäusern. In Venedig erlebten Werke von Giuseppe Verdi, Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti ihre Welturaufführungen. Opernstar Maria Callas war hier Stammgast - nach der Sopransängerin wurde auch die Brücke hinter der Oper benannt. Napoleon ließ sich bei der Besetzung der Republik Venedig hier einst eine goldene Kaiserloge bauen. Im Jahr 1836 zerstörte der erste Brand den Bau unweit des Markusplatzes.

Weitaus fataler war aber das Feuer von 1996, das zwei Elektriker gelegt hatten, die in Verzug geraten waren. Weil Venedigs Kanäle an diesem Tag kaum Wasser führten und die Feuerwehr das Haus nicht erreichen konnte, fraßen die Flammen fast alles auf. Acht Jahre später wurde die Oper wiedereröffnet.

Die 170 Logen sind originalgetreu im Rokoko-Stil nachgebaut worden, an Blattgold wurde nicht gespart. Selbst die Kronleuchter gleichen den alten, an der türkisfarbenen Decke tanzen wie einst die Elfen. Sie sind hoch oben vor Fluten sicher.

Aber die Technik steht nun wie vor dem Hochwasser im Keller des Hauses. Zwar wurden auch hydraulische Pumpen angeschafft - die elektrischen hatten im Hochwasser ihren Geist aufgegeben.

Aber die gesamte Stadt ist für den ansteigenden Meeresspiegel durch den Klimawandel und häufigere Fluten nicht gut gerüstet. In der «Fenice» ist man bis zu einem Hochwasser von 184 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel vor Fluten geschützt, erklärt eine Sprecherin. Im November stieg das Wasser aber auf 187 Zentimeter - drei Zentimeter zu viel.

«Feuer ist für Venedig eine größere Gefahr als Wasser», betont Bürgermeister Luigi Brugnaro. Doch Klimaforscher warnen seit langem, dass die Unesco-Stadt nicht vor dem Anstieg des Meeresspiegels geschützt ist. Das Flutschutzsystem «Mose» ist seit rund 20 Jahren im Bau. Dabei sollen drei gigantische Fluttore das Meer notfalls aus der Lagune fernhalten. Wenn es denn die italienische Bürokratie und Politik will, soll es Ende nächsten Jahres wirklich in Betrieb gehen. Am Markusdom, der wegen seiner tieferen Lage regelmäßig vom Hochwasser betroffen ist, sollen bald gläserne Barrieren entstehen. An der Oper ist so etwas nicht geplant. Hier regiert vor allem die Hoffnung, dass es so bald nicht wieder zu einer verheerenden Flut kommt.