Es ist nicht mehr lange hin, die Anspannung steigt. Seit mehr als einem Jahr stecken rund 50 Jugendliche aus Frankfurt und Umgebung einen Großteil ihrer Freizeit in - ihre eigene Oper.

Das Werk, das sie mit der Hilfe einiger weniger Profis auf die Beine gestellt haben, heißt «Mina» und hat heute in Frankfurt Premiere. Lena Diekmann (14) aus Schwalbach und Martha Badenhop (16) aus Eschborn waren von Anfang an dabei. In der Woche vor der Uraufführung gibt es für sie nur Schule und Proben. Von 16 bis 20 Uhr sind sie täglich im Bockenheimer Depot oder auf einer Probebühne in der Oper, in den Winterferien wurde sogar täglich von 10 bis 17 Uhr geprobt.

Für Lena ist «ein Traum in Erfüllung gegangen», wie sie sagt: Sie darf die Titelrolle «Mina» singen, «das ist eine große Ehre». Die Neuntklässlerin spielt so gut Klavier, dass sie schon selbst Unterricht gibt, und hatte jahrelang Gesangsunterricht. «Musik ist zur Zeit alles in meinem Leben», sagt Lena. Bei dem Jugendprojekt könne sie «genau das machen, was ich immer machen wollte: auf der Bühne stehen».

Martha musste für das Opern-Projekt andere Interessen hinten anstellen, zum Beispiel den Fußball. Wenn sie es doch mal zum Training schafft, beschwere sich der Trainer, dass ihr die Kondition fehle, scherzt die 16-Jährige. Aber das ist es ihr wert: «Ich habe hier sehr viel mitgenommen», sagt sie. Auch Martha will auf die Bühne und schwärmt von der «mega Erfahrung», so lange Zeit in einer echten Opernproduktion mitzuarbeiten.

Wie bei einer TV-Show mussten die Jugendlichen zuerst durch ein Casting. Im Dezember 2017 qualifizierten sich rund 60 Jungs und Mädchen zwischen 13 und 20 Jahren aus Frankfurt, dem Rhein-Main-Gebiet, Fulda und Aschaffenburg. Im Februar 2018 begannen die Workshops: Das «Schreibteam» um die Autorin Sonja Rudorf machte sich auf die Suche nach einem Stoff. Parallel bastelte das «Kompositionsteam» um Uwe Dierksen schon mal an Sound und Melodien.

Auch die Wahl des Themas lag ganz allein bei den Jugendlichen. Mobbing? Social Media? Erste Liebe? Nein, die Wahl fiel auf Freiheit. Mina ist die Tochter einer Helikoptermutter, kontrolliert, strukturiert, angstbesetzt. Als die Mutter stirbt, lernt sie einen Straßenmusiker kennen, der als Freigeist eher das Gegenteil lebt. Mina muss ihren Weg finden zwischen den bremsenden und den antreibenden Stimmen in ihrem Kopf.

Eine vielgestaltige Figur, die musikalisch viele Sprachen spricht: Popsongs, Barock und Neue Musik wechseln sich ab. Im Kompositionsteam führte Uwe Dierksen (59) die Fäden zusammen, derzeit leitet er die Proben und dirigiert am Wochenende die Aufführungen. Die Arbeit an der Musik begann mit Improvisationsübungen und endete in einer Partitur, «die den Anspruch hat, zu bleiben», wie Dierksen sagt.

Zwei Dutzend Musiker sitzen bei «Mina» im Graben, eine Mischung aus Band und Orchester. Es gibt eine E-Gitarre, ein Keyboard, ein Schlagzeuge, zwei Percussionisten, viele Blechbläser und ein kleines Streichensemble. Zum Einsatz kommen viele ungewöhnliche Instrumente wie sogenannte Waldteufel, deren Geräusch an das Rascheln von Blättern und das Knacken von Zweigen erinnert.

Die jungen Musiker hätten «unglaubliches Herzblut» in das Projekt gesteckt, sagt Dierksen. Anders als zum Beispiel bei Schulprojekten hätten sich hier nur Jugendliche beworben, «die wirklich Lust hatten, etwas auf die Beine zu stellen». Finanziert wurde das Projekt von der Schweizer Art Mentor Foundation, die aber keine Summe nennt.

Organisatorisch war das Projekt «schon eine Herausforderung», sagt Projektleiterin Adda Grevesmühl, zum Beispiel die starke Fluktuation im Team. Zu Spitzenzeiten waren 60 Jugendliche im Boot, die dann auf 20 abschmolzen und durch Neuzugänge ersetzt wurden. Neben der großen zeitlichen Belastung sei auch die offene Herangehensweise nicht jedermanns Sache gewesen. «Da gehört viel Mut dazu», sagt Grevesmühl. Mit dem Ergebnis seien am Ende aber alle total glücklich. «Die Story ist klasse und die Musik macht gute Laune.»

«Der Trend, Jugendliche auch als Komponisten am Entstehungsprozess von Musiktheater zu beteiligen, nimmt seit Jahren immer mehr zu», heißt es beim Deutschen Bühnenverein. Die dabei entwickelten Formate seien aber denkbar unterschiedlich. In Freiburg hatten Jugendliche 2010 einen «Rap des Nibelungen» nach Richard Wagner entwickelt. 2012 war in Kiel eine Oper zu sehen, die von mehreren jugendlichen Komponisten komponiert wurde. 2017 kam in Essen das Musiktheater «Flut» heraus, das ebenfalls von Jugendlichen entwickelt worden war.