Update 10.10.2019: Berufungsverhandlung hat begonnen

Am Donnerstag hat die Berufungsverhandlung gegen zwei Autofahrer vor dem Landgericht Traunstein begonnen. Das Amtsgericht Rosenheim hatte beide wegen fahrlässiger Tötung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Dagegen legten sie Rechtsmittel ein. Für das neue Verfahren sind bis 12. November sieben Verhandlungstage angesetzt. Das Gericht will mehr als 30 Zeugen und einen Sachverständigen hören. 

Im November 2016 hatte ein junger Autofahrer aus Ulm riskant überholt und wieder einscheren wollen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ließen ihn zwei junge einheimische Autofahrer trotz Gegenverkehrs aber nicht zurück in die Spur. Der Wagen des Ulmers raste in ein entgegenkommendes Auto mit drei jungen Frauen. Die 21 Jahre alte Fahrerin sowie eine 15- Jährige starben. Deren damals 19- Jährige Schwester überlebte schwer verletzt, ebenso die Beifahrerin des Ulmers. Das Amtsgericht verurteilte den Mann aus Ulm wegen fahrlässiger Tötung rechtskräftig zu einem Jahr und acht Monaten Haft auf Bewährung. Ein Einheimischer bekam ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung eine Haftstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung, der andere in einem separaten Verfahren zwei Jahre und drei Monate. 

Ergebnis der Hauptverhandlung 

Bis auf den letzten Platz war der Saal des Rosenheimer Amtsgerichts gefüllt. Tränen, Empörung, Wut - das alles war in den Gesichtern der Zuhörer deutlich zu erkennen. Die Hinterbliebenen, deren Töchter und Schwestern bei einem Autounfall im November 2016 plötzlich aus dem Leben gerissen wurden, mussten sterben. Aber Warum?

"Genau wissen wir es nicht", führt der Vorsitzende Richter am Dienstag aus. Er verurteilt einen 24-Jährigen aus Rosenheim zu einer Haftstrafe von zwei Jahren wegen fahrlässiger Tötung. Er habe auf einer Bundesstraße ein überholendes Auto nicht einscheren lassen, obwohl Gegenverkehr in Sicht war.


Zwei junge Frauen sterben


In dem Wagen saß ein 25-Jähriger aus Ulm. Weil dieser nicht mehr zurück in die Spur konnte, krachte der er in ein entgegenkommendes Auto, besetzt mit drei jungen Frauen. Der Ulmer kommt mit einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten davon - ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung.

 


Bei dem Unfall im November 2016 starben die 21-jährige Fahrerin des entgegenkommenden Wagens sowie eine 15-Jährige. Deren damals 19-jährige Schwester überlebte schwer verletzt. Auch die Beifahrerin des 25-Jährigen erlitt schwere Verletzungen. Unter Tränen hört sie zu, wie der Staatsanwalt in seinem Schlussvortrag die schweren Unfallfolgen schildert.

 

 


"Den lass ich nicht vorbei"


Der 24-Jährige habe sich gedacht, so der Richter, "den lass ich jetzt nicht vorbei." Der Rosenheimer habe rücksichtslos gehandelt. Es sei ein einseitiges Kräftemessen gewesen und das Verschulden des Überholten damit größer. Vor der Verkündung seines Urteils wendet sich der Richter noch an die Angehörigen: "Uns ist es wichtig, dass die Nebenklage weiß, dass wir mit ihnen leiden". Bei dem Urteil habe er sich auf plausible Zeugenaussagen und den gesunden Menschenverstand verlassen müssen.

 

 


Polizisten sorgen mit Aussagen für Empörung


Die letzten Zeugen im Prozess waren zwei Polizisten. Mit ihren Aussagen sorgten sie für Empörung bei vielen Zuhörern: Knapp eine Woche vor Beginn der Hauptverhandlung Anfang April hätten sie den 24-Jährigen bei einem Autorennen gestoppt.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren für beide Angeklagte gefordert. Jeder hätte bremsen und den Frontalzusammenstoß verhindern können, erklärte sie.

 

 


Rücksichtsloses Verhalten


Auch beim 25-jährigen Ulmer laufen später die Tränen. "Mir tut es unendlich leid", wendet sich der Angeklagte vor der Urteilsverkündung an die Hinterbliebenen. Bis heute habe er mit den Folgen zu kämpfen, "weil ich nie der Mensch war, der anderen etwas Böses wollte". Verzweifelt betont er: "Ich bin definitiv kein Rennen gefahren". Der zweite Angeklagte dagegen verfolgt die Verhandlung am Dienstag beinahe regungslos.

Nach Ansicht des Richters hat er an jenem Tag nicht rücksichtlos gehandelt, sondern falsche Entscheidungen getroffen. Davon sprach zuvor auch der Verteidiger des Unfallfahrers: Sein Mandant habe sich zum Überholen provozieren lassen, als zwei ihm unbekannte Fahrer an ihm vorbeizogen und dann ihr Tempo drosselten. Als sie ihm bei dem Manöver nicht einscheren ließen, habe er zudem nicht auf die Bremse gedrückt und den Zusammenstoß abgemildert.

Am Dienstag ergreift der Vater der toten Fahrerin als einziger Familienangehöriger das Wort. Ganz im Gegensatz zu dem Rosenheimer merke man beim Unfallfahrer "wenigstens, dass der Unfall etwas mit ihm gemacht hat".

 

 


Nach Haftstrafe für 24-jährigen Autofahrer: Rechtsmittel eingelegt

Der Anwalt des 24-jährigen Verurteilten hat inzwischen Rechtsmittel eingelegt. Ob es auf eine Berufung vor dem Landgericht oder um eine Revision vor dem Oberlandesgericht hinauslaufe, sei noch offen, sagte Verteidiger Harald Baron von Koskull am Freitag.

"Ich bin nach wie vor der Meinung, dass keine objektivierbaren Fakten gegeben sind, die Rückschlüsse auf die Täterschaft meines Mandanten belegen", sagte von Koskull. Mehrere Medien, darunter das Oberbayerische Volksblatt, hatten berichtet, dass er Rechtsmittel einlegen wird.