Für alle, die in Deutschland in irgendeiner Weise mit der inneren Sicherheit befasst sind, waren die vergangenen Wochen oft nur zähneknirschend zu ertragen. Die unkontrollierte und zum Teil geltende Rechtsvorschriften außer Kraft setzende Einreise von Flüchtlingen empfanden jene nicht als einen Akt der gelebten Humanität und Großherzigkeit, sondern als sicherheitspolitisches Spiel mit dem Feuer.

"Wir wollen natürlich wissen, wer genau nach Deutschland einreist. Das war zuletzt nicht immer der Fall", klagt Stefan Frey. Er ist stellvertretender Sprecher im bayerischen Innenministerium.
Wo die überwältigende Mehrheit der Deutschen die Flüchtlinge als hilfsbedürftige Mitmenschen willkommen heißt, halten Verfassungsschützer und Ermittler in deren Reihen vor allem nach radikalen Islamisten, IS-Kämpfern, Schergen des Assad-Regimes oder Rückkehrern aus dem syrischen Bürgerkrieg Ausschau.
Dieser Blick auf die Welt und ihre Menschen mag kein sonderlich warmherziger sein, aber die Logik des Verdachts und Argwohns ist konstitutiver Bestandteil polizeilicher und geheimdienstlicher Arbeit.


Unter falschem Namen

Seit Anfang des vergangenen Jahres haben mehr als 150 000 Syrer deutschen Boden betreten. Syrien ist ein seit Jahren von konfessionellen Spannungen, einem mörderischen Bürgerkrieg mit unklaren Frontverläufen und dem Aufstieg der radikal-islamistischen Terrormiliz IS zerrissenes Land.

Das Szenario, dass mit den Flüchtlingen auch gewaltbereite Gefährder nach Deutschland einsickern, gilt in Kreisen des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) deshalb keineswegs als abwegig oder gar hysterisch. Nahrung bekam diese Befürchtung zudem durch den Erfolg des baden-württembergischen Landeskriminalamts. Das hatte im Juli in einer Flüchtlingsunterkunft einen Marokkaner festgenommen, der in Spanien einem islamistischen Netzwerk angehört haben soll und in Deutschland unter einem falschen Namen einen Asylantrag gestellt hatte. "Grundsätzlich kann die Möglichkeit, dass terroristische Organisationen Mitglieder als Asylsuchende einschleusen, nicht ausgeschlossen werden", sagt Markus Schäfert vom LfV.


IS verdammt die Flucht

Schäfert spricht von "Einzelhinweisen", denen der Verfassungsschutz gemeinsam mit den zuständigen Polizeibehörden "sorgfältig nachgeht". Die Wiedereinführung der Grenzkontrollen trug auch den Sicherheitsbedenken der Behörden Rechnung. Auch dem bayerischen Innenministerium war sehr daran gelegen, dass die Flüchtlinge wieder registriert und dabei auch automatisch überprüft werden.
So fragt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) bei jedem einzelnen Asylantrag die einschlägigen Register der Sicherheitsbehörden ab, darunter auch das nachrichtendienstliche Informationssystem (Nadid) der Verfassungsschützer.

Etwa 90 Prozent der syrischen Bevölkerung waren vor Ausbruch des Bürgerkriegs muslimischen Glaubens. Ob sich dieses Verhältnis auch auf die Flüchtlinge übertragen lässt, darf zumindest bezweifelt werden. "In der Regel fliehen religiöse Minderheiten zuerst. Das träfe auf Christen, Jesiden und auch verschiedene schiitische Gruppen zu, die von den Islamisten als Ungläubige betrachtet werden", sagt Patrick Franke. Der Islamwissenschaftler von der Universität Bamberg hat ein Jahr lang in Syrien gelebt und ist deshalb vertraut mit "dem religiösen und gesellschaftlichen Flickenteppich" des Landes. Dass radikale Islamisten nach Europa flüchten, um dort die Gesellschaften durch Attentate zu destabilisieren, hält Franke derzeit für eher unwahrscheinlich.
In den Flüchtlingen erkennt er vor allem Menschen, "die nicht unter der Flagge des IS leben möchten". Im Internet geißelt der IS die Flucht seinerseits als "große Sünde".


Religiöse Konflikte

Größer schätzt Franke dagegen die Gefahr ein, dass Konflikte zwischen den unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften nach und nach auch in Deutschland aufbrechen könnten. "Wir müssen aufpassen, dass wir keine religiösen Konflikte aus den Herkunftsländern importieren", sagte Franke.
Insbesondere Christen und Jesiden werden in Sammelunterkünften und Aufnahmelagern offenbar zunehmend von konservativen und strenggläubigen Muslimen bedroht. Davon berichtete auch die "Welt am Sonntag" in ihrer jüngsten Ausgabe. "Ich kenne sehr viele Berichte von christlichen Flüchtlingen, die Angriffen ausgesetzt sind", zitiert das Blatt Simon Jacob. Das Vorstandsmitglied des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland befürchtet wie Francke, dass Flüchtlinge die religiösen und ethnischen Konflikte ihrer Heimatländer auch in Deutschland austragen könnten: "Zwischen Christen und Muslimen. Zwischen Schiiten und Sunniten. Zwischen Kurden und Extremisten. Zwischen Jesiden und Extremisten."

Diese Befürchtungen stützen auch Beobachtungen, die bayerische Verfassungsschützer zuletzt regelmäßig am Münchner Hauptbahnhof gemacht haben.
Demnach versuchen Mitglieder der salafistischen Szene, vor allem unbegleitete junge Flüchtlinge anzusprechen. Flüchtlinge mithin, die ohne ihre Familien nach Deutschland gekommen sind und oft in besonderer Weise nach Anschluss und Unterstützung suchen. "Die Hilfsbedürftigkeit von Flüchtlingen wollen Salafisten gezielt für ihre Zwecke ausnutzen und missbrauchen", mutmaßt Schäfert. Die Zahl der in Bayern lebenden Salafisten schätzt der LfV auf etwa 570.

Salafisten erkennen das westliche Gesellschaftssystem nicht an und propagieren stattdessen die Einführung eines Gottesstaates. "Von Salafisten geht eine besondere Gefährdung für die Sicherheit Deutschlands aus", schreibt das Bundesinnenministerium.


Tipps von Pierre Vogel

Eine entscheidende Rolle innerhalb der in Deutschland lebenden Salafisten beansprucht für sich Pierre Vogel. Auf seiner Facebook-Seite empfiehlt auch Vogel seinen Anhängern, gezielt auf Flüchtlinge zuzugehen.
Sogar mit konkreten Handlungsanweisungen rüstet Vogel seine Anhänger aus: Sie sollten Flüchtlingsunterkünfte ausfindig machen und "Geschenke mitbringen". Vor allem aber sollten es seine Anhänger unbedingt vermeiden, gegenüber den Flüchtlingen "besserwisserisch" aufzutreten. "Der Arzt muss den Patienten immer zunächst kennen lernen", schreibt Vogel auf Facebook.