Was den bundesweiten Vergleich angeht, steht Bayern oftmals an der Spitze der Bundesländer. Beim Flächenfraß ist das leider nicht anders, auch wenn dieser beileibe kein bayerisches Problem ist.

Laut Statistischem Landesamt lag der Flächenverbrauch 2018 in Bayern pro Tag bei zehn Hektar Land. Das entspricht ungefähr einer Fläche von 14 Fußballfeldern. Das war zwar etwas weniger als im Vorjahr (2017: 11,7 Hektar), aber wiederum mehr als 2016, als täglich 9,6 Hektar in Anspruch genommen wurden.

Keine Versiegelung

Straßen, Wohnungen, Supermärkte brauchen Platz - und meistens verschwinden dabei Agrarflächen. Am stärksten in Oberbayern, dem Regierungsbezirk mit der größten Bodenfläche. Aber auch in Franken schreitet der Flächenfraß voran. 1,2 Hektar pro Tag waren es zuletzt in Oberfranken, 1,3 in Unterfranken und 1,4 in Mittelfranken, die für Siedlungs- und Verkehrszwecke neu herangezogen wurden. Wobei klargestellt werden muss, dass Flächenfraß nicht mit Versiegelung gleichzusetzen ist. Die neu verbrauchte Fläche wird nicht zwangsläufig betoniert, asphaltiert oder überbaut, sondern umfasst auch Grün- und Freiflächen, zum Beispiel Friedhöfe.

Dennoch: Um Naturräume zu erhalten, landwirtschaftliche Flächen nicht unnötig aufzugeben und Zersiedelung zu vermeiden, ist der Flächenverbrauch längst als Problem erkannt. Hubert Aiwanger (FW), der als Wirtschaftsminister für die Landesplanung und damit für die Eindämmung des Flächenverbrauchs zuständig ist, hat jüngst seinen Gesetzesentwurf präsentiert, um einen sparsameren Umgang mit Flächen zu erreichen. Die Staatsregierung sieht sich in dieser Angelegenheit unter Druck gesetzt. Ein Volksbegehren zum Flächensparen war zwar im Juli 2018 vom Bayerischen Verfassungsgerichtshof gestoppt worden, weil nach Auffassung des Gerichts durch das Volksbegehren die kommunale Planungshoheit unzulässig eingeschränkt wurde. Aber die Rechtslage ist juristisch umstritten. Und die Grünen im Landtag sowie Umweltverbände haben schon angedeutet, notfalls ein zweites Volksbegehren zu starten.

Lediglich ein Richtwert

Das könnte immer noch kommen. Vor allem, weil Aiwanger den Wünschen von Wirtschaftsvertretern und Kommunen gefolgt ist, die eine gesetzliche Obergrenze für den Flächenverbrauch kategorisch ablehnen. Stattdessen will die Staatsregierung wie bisher mit Information, Sensibilisierung und Vermittlung guter Beispiele aus der Praxis vorankommen. Außerdem wurde bereits in jedem Regierungsbezirk ein sogenannter Flächensparmanager ernannt, der für einen sparsameren Umgang mit Flächen werben soll.

Es fehlt also nach wie vor eine gesetzliche Zielmarke, Aiwanger hat für das Landesplanungsgesetz lediglich einen Richtwert vorgesehen. Bis 2030 soll der tägliche Flächenverbrauch dann höchstens noch fünf Hektar betragen - also genau halb so viel wie im Jahr 2018. Wie gesagt, verbindlich ist das nicht.

"Es bleibt bei Absichtserklärungen. Die Politik agiert da seit langem hilflos", sagt Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Man traue sich nicht so richtig ran, weil man Angst habe, die wirtschaftliche Entwicklung zu hemmen. Jeder sehe immer nur seinen Einzelfall und in der Summe käme es dann zum großzügigen Verbrauch. Bätzing hat wenig Hoffnung, dass sich schnell etwas ändert. "Ich habe das Gefühl, die Politik will das nicht lösen."

Blickt man zurück, könnte sich dieser Eindruck tatsächlich aufdrängen. Ihr "Bündnis zum Flächensparen" mit Kommunen, Wirtschaftsverbänden und Umweltorganisationen hat die Staatsregierung 2003 auf den Weg gebracht. Der Flächenfraß ging weiter.

Verfehlte Ziele

Wer die deutschlandweite Situation betrachtet, stößt ebenfalls auf verfehlte Ziele. Im Rahmen der "Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie" hatte die Bundesregierung im Jahr 2002 das Ziel vorgegeben, den täglichen Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland bis zum Jahr 2020 auf 30 Hektar zu reduzieren. "Da schrammen wir deutlich daran vorbei", sagt Detlef Grimski, Projektleiter für Flächenverbrauch beim Umweltbundesamt. Verbraucht werden aktuell immer noch knapp 60 Hektar. Und ob das Ziel des Bundesumweltministeriums für 2030 erreicht werden kann, bleibt angesichts der mühevollen Fortschritte fraglich: täglich 20 Hektar sollen es dann nur noch sein. Zur Erinnerung: Die Hälfte davon verbraucht allein Bayern jetzt noch pro Tag.

EU will Flächenkreislauf

Auf EU-Ebene ist laut Grimski sogar ein noch ambitionierteres Ziel formuliert. Demnach soll spätestens zum Jahr 2050 das Netto-Null-Ziel erreicht werden, also der Übergang zur Flächenkreislaufwirtschaft. Das Umweltbundesamt empfiehlt auf diesem Weg übrigens einen Flächenzertifikatehandel. Die Ergebnisse eines Modellversuchs in diesem Jahr hätten gezeigt, "dass ein Flächenhandelssystem in der Lage ist, die Flächenneuinanspruchnahme effektiv zu verringern", heißt es im Abschlussbericht, der im Oktober veröffentlicht wurde. Die Kommunalvertreter hätten keine Probleme beim Umgang mit den Zertifikaten gehabt.

Bayern setzt dagegen auf Freiwilligkeit. Immerhin ist auch eine Reform der Bayerischen Bauordnung vorgesehen, die Verfahrenserleichterungen beim Aufstocken von Wohngebäuden oder beim Ausbau von Dachgeschossen vorsieht. Ein wichtiger Anreiz, um wertvolle Flächen zu sparen.