Fremde Tagebücher zu lesen ist, als würde man heimlich im Innersten eines anderen herumstochern - und genau das macht den Reiz der gerade erst veröffentlichten Aufzeichnungen des jungen John F. Kennedy aus. Als Student reiste er 1937 zum ersten Mal mit einem Kumpel durch Deutschland. Das Reisetagebuch verrät, was dem 20-Jährigen wichtig war: Spaß, das Münchner Hofbräuhaus, Mädchen, Mädchen, Mädchen.

Millionärssohn Kennedy und sein Freund Kirk LeMoyne Billings lassen auf ihrer Europatour die Sau raus; der spätere Präsident macht sich einen Spaß daraus, im Reisetagebuch alle Unterkünfte mit einem Sternchen zu kennzeichnen, die ihm bescheinigten, er sei "kein Gentleman". Immer wieder ist die Rede vom Ärger, den sich die Studenten einhandelten.

In Nürnberg wurde JFK bespuckt

Am 19. August 1937 schreibt er über die Abreise von München in Richtung Nürnberg: "Unter dem üblichen Gefluche und dem Hinweis, dass wir keine Gentleman seien, verließen wir die Pension  ... Hielten unterwegs an und kauften für 8.00 ,Offie‘, einen wunderschönen Dackel, ..." Offie? Der Dackel ist nach dem Sekretär des US-Botschafters in Paris (Carmel Offie) benannt - und er macht Ärger: In Nürnberg werden die Amerikaner samt Hund aus der Pension geschmissen; Kennedy notiert: "Aufbruch wie üblich, mit der Ausnahme, dass wir diesmal das zusätzliche Vergnügen hatten, bespuckt zu werden. .... Offie ist ein ziemliches Problem, denn wenn er muss - muss er." Der Hund ist ein anstrengender Reisebegleiter.

JFK reagiert allergisch, bekommt Hautausschlag. Knapp eine Woche später wird der fränkische Dackel "Offie" in Den Haag für fünf Gulden verscherbelt. Die studentischen Abenteuer und touristischen Impressionen lesen sich amüsant, Kennedy schreibt aber auch politische Gedanken nieder. Seine Sichtweise ist noch sehr naiv, die Kenntnisse mittelmäßig: Das Wort Faschismus (fascism) schreibt er durchgehend falsch (facism). Die Reise fiel in die Zeit nach den Olympischen Spielen 1936, als die Nazis die Welt beeindrucken wollten. 1938 verschärfte sich die Aggressivität des Regimes mit dem "Anschluss" Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes, die offene Gewalt gegen Juden eskalierte. Aber 1937 konnte man Deutschland noch relativ normal als Tourist bereisen - und vieles übersehen.

Beinahe hätten sie Hitler getroffen

Kennedy bedauerte, dass er Hitlers Ankunft zum Nürnberger Reichsparteitag knapp verpasste, er ließ sich von der öffentlichen Ordnung und Sauberkeit in der Diktatur blenden und kam zu dem Schluss, "dass Faschismus das Richtige für Deutschland und Italien ist, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England".

An den Notizen des jungen JFK wurden keine nachträglichen Korrekturen vorgenommen. Es ist die Sichtweise eines jungen, ausländischen Reisenden ohne Kenntnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Aufbau-Verlag hat die Sammlung "John F. Kennedy - unter Deutschen" klug zusammengestellt: Erläuternde Texte helfen, Kennedys Notizen einzuordnen und die Entwicklung seiner politischen Haltung zu begreifen. Außer dem Reisetagebuch von 1937 gehören zu dem reich bebilderten Werk auch die Briefe, die Kennedy 1939 bei seiner zweiten Reise schrieb, und ein Reisebericht, den er 1945 als Journalist verfasste - der aber in keiner Zeitung veröffentlicht wurde.

1939 erlebte Kennedy in Danzig, Berlin, München und Wien, wie stark die Deutschen hinter Hitler standen. Er ist dabei, als der britische Premier Neville Chamberlain dem Reich den Krieg erklärt, denn sein Vater Joseph P. Kennedy ist Botschafter.

Die Kontakte der Familie ermöglichen JFK 1945 auch die dritte Reise, bei der er Deutschland als ein zerstörtes Land sieht. Seine Notizen sind jetzt geprägt von Zweifeln, wie er diese Nation nach all den widersprüchlichen Erlebnissen einschätzen soll. Der Bericht zeugt aber auch davon, dass Kennedy den Systemkonflikt und den Beginn des Kalten Kriegs bereits erkannt hat.

18 Jahre später kehrt er als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zurück. Seinem Nachfolger werde er einen Brief mit der Aufschrift "Bei Mutlosigkeit öffnen" hinterlassen, erzählt er Bundeskanzler Konrad Adenauer. "Und darin werden nur drei Worte stehen: ,Geh nach Deutschland!‘ Vielleicht werde ich diesen Brief eines Tages selbst öffnen." Kennedy hat seine Position zu Deutschland gefunden. Er hatte das Land als Tourist kennen gelernt, er sah die fahlen Gesichter der Menschen in den Trümmern und er hatte versucht, den Faschismus zu analysieren.

Er war sicher, dass die Adenauerrepublik ihn darin unterstützt den Frieden durch eine begrenzte Zusammenarbeit mit Moskau sicherzustellen. Also sagte Kennedy am 26. Juni 1963 auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses: "Alle freien Menschen, wo immer sie leben, sind Bürger Berlins, und deshalb, als freier Mensch, bin ich stolz auf die Worte ,Ich bin ein Berliner‘". Dieser Satz wirkte wie eine Erlösung, wie eine Garantie des Friedens für die Stadt - auch wenn es noch gut 35 Jahre dauerte, bis die Mauer fiel.

John F. Kennedy: Unter Deutschen. Reisetagebücher und Briefe. Herausgegeben von Oliver Lubrich. 256 Seiten. Aufbau Verlag, Berlin, 2013. 22,99 Euro