Er ist der, der sich auf Jungs einlässt, die plötzlich mit Inbrunst aus dem Koran zitieren. Er ist der, der Mädchen zuhört, die sich von einem IS-Kämpfer zur Frau nehmen lassen wollen. Und er überlegt in bayerischen Gefängnissen gemeinsam mit inhaftierten jungen Männern, wie sie nach ihrer Zeit als IS-Kämpfer vielleicht doch noch einmal Fuß in einem bürgerlichen Leben fassen könnten.

Wenn unter dem Eindruck der Pariser Attentate Politiker und Behördenchefs im Kampf gegen einen gewaltbereiten Islamismus mit bisher nicht gekanntem Nachdruck die Notwendigkeit von Prävention und Deradikalisierung betonen, sprechen sie dabei immer auch von Menschen wie Korhan Erdön.


Kreuz und quer durch Bayern

Seit diesem Sommer leitet der 41-Jährige die bayerische Außenstelle der in Berlin ansässigen Organisation "Violence Prevention Network" (VPN). VPN ist ein Verbund von Pädagogen und Psychologen, die in der Prävention sowie Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter tätig sind.

An fünf Tagen in der Woche fährt Erdön kreuz und quer durch den Freistaat, um sich mit meist jungen Muslimen zu treffen, die unter den Einfluss von Salafisten geraten sind und deren Verhalten den Schluss nahelegt, sie könnten sich dem IS anschließen wollen. Damit beauftragt haben Erdön Angehörige, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder auch Präventionseinrichtungen wie Ufuq. "Die meisten Einsätze habe ich im Großraum München. Immer mal wieder bin ich auch in Aschaffenburg oder in Nürnberg", sagt Erdön. Erdön selbst kommt mit Kempten aus einer Stadt, die seit Jahren mit einer offenen Salafisten-Szene zu kämpfen hat.

Dort in Kempten hat auch David G. gelebt, bevor er 2013 nach Syrien gereist und dort wenig später in den Reihen des IS gestorben ist. "Hätte es damals schon unsere Anlaufstelle gegeben, hätten wir ihn vielleicht retten können", sagt Erdön.

Jetzt immerhin wollen gleich vier bayerische Ministerien ihre Präventionsprojekte ausbauen. Zeitgleich soll beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) eine auf Deradikalisierung spezialisierte Beratungsstelle ihre Arbeit aufnehmen. Nachdem die mit 400.000 Euro unterfütterte Stelle ein zivilgesellschaftlicher Träger betreiben wird, könnte hier auch VPN zum Zuge kommen. "Wir nehmen an der Ausschreibung teil", bestätigt VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke.

Mücke bescheinigt dem Freistaat, im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkannt zu haben: "Hessen ist Vorreiter, aber viele Länder haben die Deradikalisierung noch überhaupt nicht auf dem Schirm." Sollte VPN den Zuschlag des Innenministeriums bekommen, will Mücke die bayerische Außenstelle personell aufstocken. Derzeit verfügt sie über gerade einmal drei halbe Stellen, die ausnahmslos aus Spenden finanziert werden. "Wir brauchen dringend mehr Mitarbeiter", sagt Erdön.


"Irgendeine Störung"

30 Klienten im Alter von 14 bis 30 Jahren betreut Erdön in diesen Tagen. 14 von ihnen trifft er mehrmals in der Woche. Sie stammen aus wohlhabenden und ärmeren Familien, sind geborene Muslime und Konvertiten, Mädchen und Jungen, Schulversager und helle Köpfe.

Was sie verbinde, sei "irgendeine Störung". Erdön meint damit das Gefühl von Leere, Demütigung oder Bedeutungslosigkeit. Die Terrorismusforscher Jessica Stern und J. M. Berger sind ohnehin überzeugt, dass die Aussicht auf das Paradies beim Aufbruch in den Dschihad immer seltener eine Rolle spiele. Im Vordergrund stünde stattdessen die Sehnsucht nach Abenteuer, Ruhm und einem Leben, das Sinn verspreche.

Erdön kennt daneben auch Jugendliche, die lustvoll mit dem Wissen spielen, dass sich Eltern heute mit nichts so sehr vor den Kopf stoßen lassen wie mit dem radikalen Islam. Strukturell ähnelt der Salafismus darin traditionellen Jugendbewegungen wie dem Punk. Provozieren lassen will sich Erdön von seinen Klienten allerdings gerade nicht. Er verurteilt sie nicht, sondern lässt die Jugendlichen erst einmal von ihrer Begeisterung für Salafismus und IS reden. "Nicht konfrontative Ansprache" heißt dies in der Sprache von VPN. "Das Allerwichtigste ist, dass sie den Kontakt zulassen und sich öffnen", sagt Erdön. Dies gelinge auch in neun von zehn Fällen. "Aber auch ich brauche natürlich immer ein paar Asse im Ärmel", lacht er.

Deshalb arbeitet er regelmäßig mit Imamen zusammen. Diese Entscheidung fußt auf Erdöns Erfahrung, dass strenggläubig auftrumpfende Jugendliche sich oft als religiöse Analphabeten entpuppen: "Einem haben wir einmal beibringen müssen, wie man richtig betet."


Einkalkulierte Rückschläge

Gemeinsam setzen sie sich am Beispiel konkreter Textstellen mit dem Koran auseinander. Erdön will Zusammenhänge aufzeigen und verzerrte Wahrnehmungen revidieren: "Ich zeige, dass der Islam sich mit Demokratie und Menschenrechten in Einklang bringen lässt", sagt er.

Deradikalisierung ist ein Wort, das sich leicht mit übertriebenen Erwartungen aufladen lässt. Für Erdön selbst bedeutet Deradikalisierung deshalb auch nicht, radikale Jugendliche im Handumdrehen in verlässliche Staatsbürger zu verwandeln. Deradikalisierung bedeutet für ihn stattdessen, mit den Jugendlichen überhaupt einmal in den Dialog zu treten. Wer spreche und sein Gegenüber zu Wort kommen lasse, der töte nicht.

Deradikalisierung bedeutet für ihn, dass die Jugendlichen wieder beginnen, selbstständig zu denken. Deradikalisierung bedeutet manchmal auch, sie wieder zum Besuch der Schule zu überreden oder ihnen einen Praktikumsplatz zu vermitteln.


Zahnlose Tiger

Vor allem aber bedeutet Deradikalisierung für Erdön, die Jugendlichen von der Ausreise ins IS-Gebiet abzuhalten: "Der Abbau von Fremd- und Selbstgefährdung steht über allem." Erdöns Arbeit kostet Zeit und ist voller Rückschläge. Salafisten lassen ihre einmal rekrutierten Jugendlichen keineswegs kampflos aus ihrem Klammergriff: "Die Kommunikation läuft über WhatsApp. Das kann man gar nicht unterbinden."
Im Kampf gegen den islamistischen Terror allein auf Deradikalisierung zu setzen, wäre deshalb fahrlässig. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Erdön arbeitet, wo repressiv orientierte Geheimdienste und Behörden zahnlose Tiger sind. Und bis heute verdingt sich noch keiner seiner Klienten beim IS. Korhan Erdön wertet dies als Erfolg.