Mehr als 1000 Freunde zählt Belinda (Name von der Redaktion geändert) auf Facebook. Vor kurzem hatte sie Geburtstag. Nur logisch, dass viele ihrer Bekannten Glückwünsche auf der digitalen Pinnwand hinterließen. Bloß: Die Frau aus dem Nordosten Frankens hat ihren jüngsten Ehrentag nicht erlebt. Sie ist vorher gestorben. Weil sich das in der Netzgemeinde noch nicht herumgesprochen hat, trudeln weitere Gratulationen ein. Ihre Verwandten schmerzt das jedes Mal.

In einem anderen Fall versuchen Eltern einer 2012 verstorbenen 15-Jährigen, Zugang zu deren von Facebook gesperrtes Profil zu erlangen. Dieser Streit hat die Parteien bis vor den Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe geführt. Dort geht es um die Frage, ob das digitale Erbe dem analogen gleichgestellt werden soll. Dann würden Erben beispielsweise Chat-Nachrichten und E-Mails genauso lesen dürfen wie etwa Briefe. Wenn die Entscheidung am 12. Juli verkündet wird, bahnt sich ein Grundsatz-Urteil an.


Firmen stellen sich über Gesetze

Für den Würzburger IT-Rechtsanwalt Chan-jo Jun sollte der Fall eigentlich klar sein. "Nach der sogenannten Universalsukzession (Gesamterbfolge) geht grundsätzlich der gesamte Nachlass auf den Erben über", erklärt er. Davon ausgehend könnten zwar Ausnahmen geregelt werden. Digitale Dienstleister stellen sich laut Jun aber über die Gesetze. Denn sie selbst bestimmen in den meisten Fällen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), wie sie mit den Daten umgehen."Die Internet-Betreiber interessieren sich nicht für die Toten", sagt der IT-Rechtler.

Weil Datenschutz in der digitalen Welt immer wichtiger wird, ergeben sich für Firmen wie Facebook ganz praktische Probleme. Sie tragen das Haftungsrisiko bei einem möglichen Missbrauch der Daten. "Deshalb achten sie genau darauf, wer sich einloggt", meint Jun. Und geben Passwörter und Zugänge nur unter großen Hürden frei. Geht es zum Beispiel wie im Fall des anstehenden BGH-Urteils um das Konto einer Verstorbenen, müsste Facebook nicht nur die Rechte der Toten im Blick haben. Sondern auch die der Chatpartner und Mail-Absender, schließlich geht es mitunter um intime Inhalte. Jun fordert daher, dass die Gesetzgeber endlich einheitliche Regelungen finden.

Ob das den Trauernden reicht? "Das BGH-Urteil kann das Problem juristisch lösen, nicht aber den emotionalen Bezug", sagt Thorsten Benkel von der Universität Passau. Der Soziologe erforscht, wie die Gesellschaft mit Sterblichkeit umgeht. War einst der Friedhof Hauptbezugspunkt der Trauernden, nutzen immer mehr Menschen auch die Möglichkeiten des Internets. Gedenkseiten, virtuelle Friedhöfe und digitale Trauerkerzen: Die von starren Normen geprägte Trauer sei vorbei, meint Benkel. "Sie erfährt eine starke Individualisierung", sagt er.

Zu recht, findet Benkel. Er fragt sich, wer entscheiden dürfe, wie jemand um einen Toten trauert. Die Eltern, die Freunde, der Partner? Der Tote selbst? Der Soziologe findet, dass es kein "Monopol der Trauer" gibt. Diesen Effekt verstärkt das Internetzeitalter zusätzlich. Trauer findet heute oft losgelöst von einem zentralen Ort statt. So lassen sich statt Grabsteinen etwa Gedenkseiten auf virtuellen Friedhöfen anlegen. Die sind überall mit Smartphones für jeden zu jeder Zeit zugänglich.


"Parasoziale Kommunikation"

Es gibt bereits Firmen, die mit Hilfe von Algorithmen und intelligenter Software eine Art virtuellen Wiedergänger erschaffen, mit dem Angehörige kommunizieren können. Sogar Chats in Echtzeit sind dank künstlicher Intelligenz möglich. "Parasoziale Kommunikation" nennen das die Wissenschaftler. Welche Früchte die technischen Neuerungen im Trauerprozess tragen und wie die rechtlich zu bewerten sind, lässt sich wohl allenfalls erahnen. Eins scheint aber klar: "Die moderne Technik kann den Tod ein Stück weit besiegen", sagt Benkel.

Schon jetzt geht der digitale Nachlass auf Hinterbliebene in der Regel nur mit erheblichem Aufwand über. Sie müssen klären, was mit den Nutzerkonten passiert, wer die Mailadressen verwaltet und die Datenberge aufräumt. Dem blicken viele ratlos entgegen. Denn nur wenige haben sich zu Lebzeiten um ihren digitalen Nachlass gekümmert - laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom nicht einmal jeder Zehnte.


Urteil am 12. Juli gespannt erwartet

Da es in den kommenden Jahren eher mehr als weniger digitales Erbe zu verwalten gilt, warten Internetbranchen wie Nutzer gespannt darauf, was die Richter in Karlsruhe am 12. Juli urteilen. Laut des IT-Rechtlers Chan-Yo Jun gehen Internetfirmen anderen Interessen nach als die Erben. Er hofft, dass sich dieser Interessenkonflikt nach dem BGH-Urteil endlich auflöst. Und Trauernde das leidige Thema Digitaler Nachlass schnell hinter sich lassen können.

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