Als Florian Schwing den Brief des Kultusministeriums öffnete, glaubte er, in einem falschen Film zu sein. Der Lehramtsstudent an der Universität Passau hatte vor einigen Wochen seine Examensprüfungen abgelegt. "Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Arbeit verloren gegangen ist", war da jetzt zu lesen. Es handelte sich um eine Teilprüfung im Fach Sportbiologie.

Zwei Optionen

Die weiteren Zeilen des Schreibens lösten bei dem 28-Jährigen zunächst Fassungslosigkeit, dann Wut aus. Man räumte ihm zwölf Tage Zeit ein, sich für eine von zwei Optionen zu entscheiden: entweder die Prüfung wiederholen oder eine 6,0 kassieren. "Mit einer 6,0 wäre ich durch das gesamt Prüfungsfach Sport (drei Prüfungen á vier Stunden) gefallen", berichtet er. Es habe für ihn daher keine Wahl bestanden. Jetzt wird er am 7. Oktober die Prüfung erneut schreiben.

So wie Schwing geht es derzeit noch mindestens 17 weiteren Lehramt-Studierenden. Die meisten sind nach seinem Kenntnisstand an der LMU München eingeschrieben. Weiter betroffen ist demnach neben Studierenden der Universitäten Augsburg und Passau aber auch eine Studentin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

"Kein Entgegenkommen"

Wer genau für den Verlust der Prüfungen verantwortlich ist, dazu macht das zuständige Kultusministerium keine Angaben, beziehungsweise dies lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Angeblich werden Abschlussklausuren in Korrekturpakete aufgeteilt und von der Außenstelle des Prüfungsamts an der jeweiligen Uni an die Erstprüfer verschickt. Wessen Klausur auf dem Weg zum Zweitprüfer verlorengegangen ist, der hat zumindest die Möglichkeit, die Note des Erstkorrektors zu akzeptieren. Er erspart sich damit erneutes Büffeln.

Immerhin zählt, sollte eine vermisste Klausur innerhalb eines Jahres wieder "auftauchen", im Fall einer wiederholten Prüfung das bessere Prüfungsergebnis. Doch beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) ist man sauer. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann hält die Möglichkeiten, die das Kultusministerium den Examenskandidaten in diesen folgenschweren Fällen bietet, für absolut inakzeptabel. Und auch Prüfling Schwing ist enttäuscht. "Den Willen zum Entgegenkommen sehe ich nicht", sagt er. "Eine 6,0 ist kein Entgegenkommen."

Petition an den Landtag läuft

Schwing hat deshalb vor einer Woche eine Petition gestartet, der sich im Internet schon mehr als 2500 Menschen angeschlossen haben (www.openpetition.eu/petition/online/examensverluste-stoppen-pruefungen-duerfen-nicht-laenger-verloren-gehen). Darin fordert er Digitalisierung und Sicherung der Prüfungen vor dem Versand, eine Verbesserung der Kommunikation zwischen dem Kultusministerium und den Studierenden, keine Benachteiligung der Studierenden bei Fehlern des Kultusministeriums und ein transparentes Prüfungs- und Korrekturverfahren.

"Uns hilft diese Petition nicht mehr", sagt Schwing, der sich als Einziger getraut hat, mit seinem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Rest wollte, meist aus Angst vor noch größeren Nachteilen im späteren Berufsleben, lieber anonym bleiben. "Aber folgende Generationen sollen nicht mehr so einer Ungerechtigkeit ausgesetzt sein." Denn das Verschlampen von Klausuren ist kein Einzelfall. Immer wieder verschwinden derart wichtige Examensunterlagen. An der Uni Passau traf es zuletzt 2018 sieben Lehramtsstudierende. "Meine Geschichte ist die Wiederholung einer immer gleichen Pannenserie, die vom Kultusministerium nicht beendet wird", sagt Schwing.