Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hofft in der Flüchtlingskrise auf eine parteiübergreifende Einigung mit der Landtags-Opposition über Integration und Begrenzung der Zuwanderung. Ein solcher Konsens soll dann auch ein Zeichen in Richtung Berlin sein. "Wir haben große Krisen schon bewältigt durch parteiübergreifende Initiativen", sagte Seehofer am Mittwoch in München - als Beispiel nannte der CSU-Chef die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008. "Ich glaube, wir sollten uns bemühen, bei der aufgewühlten Stimmung in der Bevölkerung ein bundesweites Signal zu setzen."

Seehofer hatte die Gespräche mit SPD, Freien Wählern und Grünen am Vortag angekündigt. Da sich inzwischen auch bei SPD und Grünen die Stimmen für eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen mehren, will Seehofer auch bei diesem strittigen Thema die Einigungsmöglichkeiten ausloten. Er wolle mit den Fraktionsvorsitzenden besprechen, "was ist verhandlungsfähig und was ist nicht verhandelbar". Seehofer strebt damit in Bayern an, was auf Bundesebene zwischen den Schwesterparteien CSU und CDU bislang gescheitert ist.

Nach Angaben von Sozialministerin Emilia Müller (CSU) sind derzeit 117.000 Flüchtlinge in Bayern untergebracht. Pro Tag kämen zwischen 5000 und 10.000 Menschen an. Seit dem ersten September seien es 340.000 bis 350.000 Asylbewerber gewesen, sagte sie in Nürnberg. Nach dem bundesweiten Verteilungsschlüssel bleiben davon gut 15 Prozent im Freistaat.

SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher ist bereit, über eine Begrenzung zu sprechen: "Die Menschen im Land erwarten Dialogfähigkeit der politischen Akteure", erklärte er. "Wir werden in großer Ernsthaftigkeit besprechen, wie wir die Flüchtlingsbewegung nach Bayern in geordnete Bahnen lenken, verlangsamen und die Zugangszahlen verringern." Und es werde um funktionierende Integrationskonzepte für die Zukunft gehen.
Die Opposition ist in der Flüchtlingsfrage aber auch untereinander uneins. Die Freien Wähler liegen sehr nahe der CSU-Linie, SPD und Grüne haben der CSU dagegen mehrfach vorgeworfen, die Stimmung anzuheizen.

"Ich spreche gerne mit Seehofer, um Probleme von Bayern abzuwenden", sagte Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger. "Wenn schon der Einfluss Bayerns und der CSU als Koalitionspartner in Berlin nicht ausreicht, um die hohen Zuwandererzahlen zu reduzieren, dann muss sich wenigstens in Bayern die Drehtür schneller drehen." Menschen ohne Bleiberecht müssten schneller wieder in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das von der CSU geforderte Bekenntnis zur Begrenzung der Flüchtlingszahlen bisher ab. Seehofer verzichtete am Rande der CSU-Fraktionssitzung im Landtag aber auf eine Wiederholung seiner Kritik an der Kanzlerin.

Die Anti-Flüchtlings-Bewegung Pegida kritisierte er dagegen scharf: "Wir haben am Montag erlebt, dass es bei diesen rassistischen, ausländerfeindlichen und streckenweise antisemitischen Äußerungen völlig inakzeptabel ist, was da stattfindet", sagte der CSU-Chef zu der Dresdner Kundgebung zu Wochenbeginn. "Das wird von mir schärfstens verurteilt. Wir haben mit diesen Leuten überhaupt nichts am Hut."

Das entbinde die Politik aber nicht von der Verantwortung, das aufzugreifen, was die demokratisch gesinnte Mehrheit in der Bevölkerung denke und empfinde. "Die Leute wollen, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen."

Außerdem richtet die Staatskanzlei einen Sonderstab für die Flüchtlingskrise ein. Leiter wird der bisherige Pressesprecher Rainer Riedl, wie die Münchner Regierungszentrale mitteilte. Der Stab soll innerhalb der Staatsregierung die Koordinierung gewährleisten, da mehrere Ministerien mit den Flüchtlingen beschäftigt sind - hauptsächlich Soziales und Innenressort. Riedl werden 15 Mitarbeiter zugeordnet. Über den Sonderstab berichtete zuerst der "Münchner Merkur". Die Grünen kritisieren die Kosten. Im Nachtragshaushalt für 2016 seien dafür 1,2 Millionen Euro eingeplant, sagte die Finanzexpertin Claudia Stamm - und sprach von einem "großen Fragezeichen".