Die Mönchskutte hat er für den Prozess abgelegt, im dunkelgrauen Anzug mit gestreifter Krawatte erscheint der Ordensmann vor Gericht. Vom Vorsitzenden Richter zu Beginn der Verhandlung zu seinem Beruf befragt, kommt der 44-Jährige um die Antwort aber nicht herum: Er ist Priester. So steht es auch in der Anklageschrift, die dem Erzieher des oberbayerischen Klosters Ettal sexuellen Missbrauch von zwei Schülern und versuchten sexuellen Missbrauch zweier weiterer Buben vorwirft. Seit Donnerstag muss sich der Pater vor der Jugendkammer des Landgerichts München verantworten.

Schüler an Bauch und Rücken gestreichelt

Und er sagt gleich am ersten Prozesstag: "Alle mir zur Last gelegten Vorwürfe sind unzutreffend." Er habe die Internatsschüler lediglich an Bauch und Rücken gestreichelt - nichts anderes habe seine Mutter mit ihm gemacht, wenn er Trost gesucht habe. Seine Rolle als Erzieher in dem Internat bringt er auf den einfachen Nenner: "Ich war in dieser Zeit Vater- und Mutterersatz." Die Distanzlosigkeit tue ihm zwar leid, sagt der spätberufene Priester, der erst Bankkaufmann lernte, ehe er das Abitur nachholte und ins Kloster nach Ettal ging. Aber die Buben hätten halt gerne an seiner Schulter ausgeweint.

Als Präfekt, wie die Erzieher im Internat des altehrwürdigen Benediktinerklosters in den Ammergauer Alpen heißen, war der Geistliche eine enge Vertrauensperson für die Kinder. "Die Präfekten sind jedem Schüler Ansprechpartner und Begleiter auf seinem Weg durch das Schuljahr", heißt es auf der Internetseite des Klosters. Sie sind auch "Anlaufstelle bei persönlichen Problemen".

Vermeintlicher sexueller Missbrauch eines 13-Jährigen

Diese Vertrauensstellung nutzte der 1995 ins Kloster eingetretene Pater nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft perfide aus. In seinem Präfektenzimmer soll er zwischen 2001 und 2005 regelmäßig Schüler abends unter der Unterhose befummelt haben. Auch auf einer Berghütte gab es laut Anklage sexuellen Missbrauch an einem 13-Jährigen. Das verängstigte Opfer stellte sich schlafend.

In seiner eloquent vorgetragenen Erklärung interpretiert der Angeklagte die erst Jahre später erhobenen Vorwürfe als Rache dafür, dass eines der mutmaßlichen Opfer wegen Diebstahls vom Internat flog und die anderen sich von ihm ungerecht behandelt fühlten. Einer der Schüler sei in psychiatrischer Behandlung gewesen, habe Psychopharmaka genommen, ein anderer sei ein ziemlicher Quertreiber gewesen. Der Angeklagte stellt die Vorwürfe der Schüler als falsch hin, will deren Glaubwürdigkeit erschüttern. "Seine Aussagen sind unwahr", sagt er über einen seiner einstigen Zöglinge.

"Es herrschte damals der absolute Terror"

Die Aufdeckung einer ganzen Serie von Missbrauchsskandalen und Misshandlungen in Internatsschulen löste Anfang 2000 eine bis heute andauernde Diskussion über die Erziehungsmethoden in Heimen aus. Für das Kloster Ettal arbeitete ein Sonderermittler die jahrzehntelangen Demütigungen von Schülern auf. Auf 180 Seiten beschrieb er Misshandlungen und sexuellen Missbrauch von rund 15 Mönchen an mehr als 100 Klosterschülern. Ein früherer Abt zwang demnach einen Schüler, eine lebende Nacktschnecke zu essen. "Es herrschte damals der absolute Terror", schrieb ein Opfer dem Sonderermittler.

Die meisten Fälle waren aber bereits verjährt. Ein längst gestorbener Pater bekannte in einer Art Vermächtnis, Schüler seien regelmäßig nachts bei ihm gewesen und hätten Sex mit ihm gehabt. Zwei Ordensleute kamen mit Bewährungsstrafen davon. Das Kloster entschädigte 70 Opfer mit insgesamt 700 000 Euro. Der Mindestbetrag lag bei 5000 Euro, in Einzelfällen wurden bis zu 20 000 Euro gezahlt.

Für Robert Köhler vom Verein der Ettaler Missbrauchopfer kommt der Prozess gegen den Pater freilich arg spät. "Die Jahre des Wartens sind eine wahnsinnig belastende Zeit", sagt er. "Doch wird im Prozess das Bedürfnis der Opfer nach Genugtuung nicht erfüllt."