Hochspannung im Münchner NSU-Prozess: Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe will am Mittwoch ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen brechen. Ihr Anwalt Mathias Grasel will ihre Aussage verlesen. Er hat eine umfassende Erklärung angekündigt: Zschäpes Aussage soll Angaben zu allen Anklagepunkten enthalten, die die Bundesanwaltschaft dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) vorwirft, also auch zu den zehn Morden.

Fünf Angeklagte gibt es im NSU-Prozess, aber nur zwei sitzen in Untersuchungshaft: Beate Zschäpe und ihr mutmaßlicher Helfer Ralf Wohlleben. Zschäpe ist als Mittäterin der überwiegend rassistisch motivierten Serie von zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen angeklagt, Wohlleben soll die wichtigste Mordwaffe organisiert haben. Beide wurden im November 2011, kurz nach dem Auffliegen des NSU, festgenommen. Beide schweigen seitdem. Und beide wollen jetzt ihr Schweigen brechen. Warum? Und warum jetzt?


Maximalziel nicht mehr Freispruch, sondern mildernde Umstände

Die Antwort dürfte so lauten: Bisher schwiegen sie, weil sie sich erhofften, die Bundesanwaltschaft werde die Vorwürfe gegen sie nicht überzeugend beweisen können. Jetzt wollen sie reden, weil sie befürchten, das Gericht könnte nach zweieinhalb Jahren Prozess doch von ihrer Schuld überzeugt sein. Demnach hieße ihr Maximalziel jetzt nicht mehr Freispruch, sondern nur noch mildernde Umstände. 

Das ist besonders deutlich aus dem Zschäpe-Lager zu hören. Die Schweigestrategie sei darauf angelegt gewesen, eine Verurteilung unmöglich zu machen, heißt es. Zschäpe habe schließlich nicht selber geschossen, und der Vorsatz für eine Mittäterschaft sei schwer zu beweisen. Zwei ihrer drei ursprünglichen Anwälte, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl, haben außerdem Erfahrung mit einer derartigen Rechtskonstruktion: Für einen anderen Mandanten hatten sie vor dem Bundesgerichtshof so einen Freispruch erreicht. 


Zschäpe wollte schon früher "etwas" aussagen

Mit zunehmender Prozessdauer häuften sich aber die Anzeichen, dass Zschäpe lieber reden würde und ihr die Strategie ihrer Anwälte immer weniger behagte. Das sagte sie auch einem psychiatrischen Gutachter. Im vergangenen Sommer zerstritt sie sich dann endgültig mit ihren Verteidigern. Dem Gericht schrieb sie, sie würde gern "etwas" aussagen, sofern das Gericht ihr einen neuen Anwalt stelle. Ausgeguckt hatte sie sich den 31-jährigen Mathias Grasel, der sie mehrfach in der Untersuchungshaft besucht hatte. Das Gericht willigte ein - wohl in der Erwartung, Zschäpe werde ihr Schweigen brechen. 


Erinnerungslücken bei Wohlleben?

Ähnlich liegen wohl die Motive bei Ralf Wohlleben, der die Mordwaffe vom Typ "Ceska" beschafft haben soll. Neun der zehn NSU-Mordopfer wurden mit dieser Pistole getötet. Vergeblich wiesen seine Verteidiger immer wieder auf Lücken bei den Ermittlungen hin. So ist tatsächlich nicht restlos geklärt, auf welchem Weg die Waffe von der Schweiz nach Jena gelangte. Dem wichtigsten Belastungszeugen werfen die Wohlleben-Verteidiger vor, er wolle seine eigene Rolle kleinreden. Diesen "Lügen" müsse ihr Mandant darum entgegentreten.


Angehörige der Opfer dämpfen Erwartungen

Angehörige von NSU-Mordopfern und deren Anwälte dämpften die Erwartungen. Der Anwalt der Münchner Familie Boulgarides, Yavuz Narin, sagte, das von Zschäpe und ihren Anwälten geplante Prozedere spreche "nicht unbedingt für die Glaubhaftigkeit irgendwelcher Aussagen". "Wir hätten es besser gefunden, wenn sie auch selber redet und dazu beiträgt, dass die ganze Wahrheit über den NSU herauskommt." Vater Theodoros Boulgarides war 2005 in München erschossen worden, mutmaßlich von Zschäpes Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die beiden sind tot, Zschäpe ist die einzige Überlebende des Trios.

Auch Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik, sagte mit Blick auf Zschäpes Aussage, sie habe keine große Hoffnung - "weil ich einfach glaube, dass da nicht die Wahrheit gesagt wird". "Natürlich ist mein Wunsch eine hundertprozentige Aufklärung. Aber ich weiß, das wird niemals geschehen", sagte sie.

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer, Barbara John, sagte der "Berliner Zeitung" (Mittwoch): "Was ich mir wünsche und was die Familien sich wünschen, ist ein Reuebekenntnis und eine Klärung der immer wieder bohrenden Frage: Warum musste gerade mein Angehöriger sterben?" Das wäre eine "Art Befreiung", so John.

Die Erklärung Zschäpes war eigentlich schon vor vier Wochen geplant gewesen. Ein Befangenheitsantrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben machte den Zeitplan aber zunichte, mehrere Prozesstage fielen aus. Anschließend verzögerte sich die Aussage, weil ein Anwalt Zschäpes im Urlaub war: Hermann Borchert, ein Kanzleikollege von Grasel. Ihn hätte Zschäpe nun auch gerne als Pflichtverteidiger an ihrer Seite - bisher ist er Wahlverteidiger. Das hat sie beim Gericht beantragt.



Info: Das ist der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU)

Die Rechtsextremisten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe sollen laut Bundesanwaltschaft jahrelang unerkannt gemordet haben. Das Trio aus Jena tauchte demnach nach einer Razzia in seiner Bombenwerkstatt 1998 ab und gründete eine Terrorgruppe. In den Jahren 2000 bis 2007 erschoss die Gruppe dann nach Erkenntnissen der Ermittler zehn Menschen, neun davon ausländischer Herkunft. Mit Sprengstoffanschlägen sollen sie Dutzende verletzt haben.

Spätestens von 2001 an nannten sie sich "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Nach dem Tod ihrer Kumpane im November 2011 stellte sich Zschäpe der Polizei. Seit Mai 2013 wird in München gegen sie und mutmaßliche Unterstützer verhandelt.