Vor einem Jahr sollte der schnelle Atomausstieg bis 2022 zum Gewinnerthema für die CSU werden - doch inzwischen fällt Parteichef Horst Seehofer die Energiewende auf die Füße. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit klagt Seehofer über mangelnde Fortschritte in Berlin, unisono mit Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) warnt er vor den Gefahren für Bayern. In einem Akt offensichtlicher Hilflosigkeit hat Seehofer in der "Süddeutschen Zeitung" inzwischen sogar ein neues staatliches Bayernwerk ins Spiel gebracht - obwohl das staatliche Strommonopol unwiderruflich abgeschafft ist und ein solcher wiederbelebter Staatsbetrieb unter den derzeitigen Bedingungen aller Voraussicht nach hohe Verluste schreiben würde.

"Bei ganz wichtigen Fragen - die kommen, alle ein, zwei Jahre einmal vor - muss man führen", sagte Seehofer im Mai 2011 - und führte die CSU auf einen Weg, den eine Mehrheit im Parteivorstand nicht wollte. Bei einer turbulenten CSU-Vorstandsklausur in Kloster Andechs zwang Seehofer die rebellischen Parteifreunde in die Knie und legte die CSU auf das Ausstiegsdatum 2022 fest. Ein früher Ausstieg sei machbar und realistisch, sagte Seehofer x-fach.

Doch mittlerweile zeichnet sich sehr deutlich ab, dass die Energiewende in der von Seehofer versprochenen Form weder machbar noch realistisch ist. Das Energiekonzept der Staatsregierung hat mehrere wesentliche Punkte: Den Ausbau der erneuerbaren Energien auf 50 Prozent der bayerischen Stromproduktion bis 2020, den Bau von vier bis fünf neuen Gaskraftwerken als Ersatz für abgeschaltete Atomkraftwerke und den Ausbau der Hochspannungsleitungen. Bayern soll weiter den eigenen Strombedarf decken, und der Strom soll nicht teurer werden.

Stand derzeit: Die Strompreise sind schon gestiegen. Für neue Gaskraftwerke gibt es nach wie vor keinen Investor. Der Netzausbau ist hinter dem Zeitplan. Wichtigste neue Hochspannungsleitung soll nach Angaben des Wirtschaftsministeriums die sogenannte "Thüringer Strombrücke" sein, die eigentlich unbedingt bis Ende 2015 in Betrieb gehen müsste. Denn 2015 wird in Bayern auch das AKW Grafenrheinfeld abgeschaltet - dann muss dringend Ersatz für fehlenden Atomstrom nach Bayern importiert werden.

Doch auf Thüringer Seite ist die geplante 100 Meter breite Schneise für die Strombrücke sehr umstritten. Die dortige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) sieht das Projekt daher keineswegs so dringlich wie die bayerische Staatsregierung. Staatskanzleichef Thomas Kreuzer (CSU) räumte ein, dass die Strombrücke auf Thüringer Seite wohl erst 2017 fertig wird - für Bayern zwei Jahre zu spät.

Doch 2017 soll auch schon Gundremmingen B als nächster bayerischer Meiler abgeschaltet werden. Spätestens dann wird es extrem eng für die bayerische Stromversorgung. Schon im vergangenen Winter konnte die Stromversorgung in Deutschland nur mit großer Mühe aufrechterhalten werden. Wirtschaftsminister Zeil warnte mehrfach, dass die Versorgungssicherheit Bayerns auf dem Spiel stehe. Das bedeutet im Klartext, dass in Zukunft große Stromausfälle und Blackouts möglich sind.

Und ganz abgesehen von der Versorgungssicherheit ist aus heutiger Sicht so sicher wie das Amen in der Kirche, dass Bayern seine bisherige Unabhängigkeit in der Stromproduktion verlieren wird. "Die Energiewende, wie sie vor einem Jahr geplant war, steht vor dem Scheitern", sagt ein Mitglied der CSU-Spitze. "Wir müssen Abschied nehmen von der Stromautarkie Bayerns."

Inzwischen werden auch die Unternehmen unruhig. Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft verlangt "größte Eile" beim Bau neuer Gaskraftwerke. Doch obwohl Seehofer den schnellen Atomausstieg im Mai 2011 gegen so großen Widerstand durchsetzte, gibt es derzeit CSU-intern kein Anzeichen einer Rebellion. Bisher ist es Seehofer erfolgreich gelungen, den Ärger auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Bundesregierung umzulenken. "Ich glaube nicht, dass er Probleme bekommt", sagt der CSU-Mann. "Niemand will eine Führungsdiskussion."