Rot die Haare, rot die politische Gesinnung: Die Bayreutherin Tina Krause ist Sozialdemokratin durch und durch, ja sprichwörtlich in der Wolle gefärbt. Manchmal aber wird es der (frisch gekürten) Stadtverbandsvorsitzenden der Bayreuther SPD zu bunt - und zwar dann, wenn sich die braune Soße übers Land ergießt. "Ich bin ein friedliebender Mensch. Aber wenn ich sehe, wie Neonazis die Frankenfahne für ihre Zwecke missbrauchen und entweihen, möchte ich am liebsten handgreiflich werden und ihnen die Flagge aus den Händen reißen."

Sie selber zeigt seit Jahren Flagge gegen die rechten Umtriebe in Bayern. Das nächste Mal heute Vormittag, ab 11 Uhr, beim Bayreuther Volksfestplatz. Die NPD hat im Rahmen ihrer "Deutschland-Tour" die Kundgebung in der Wagnerstadt beantragt. Titel: "Raus aus dem Euro", so steht es im offiziellen Schreiben ans Rathaus. "Der Aufmarsch war leider nicht zu verhindern, aber da dürfen wir nicht fehlen", sagt Tina Krause.

Schulterschluss mit Kulmbach


Mit "wir" meint sie das Bayreuth-Kulmbacher Aktionsbündnis "Kunterbunt". Die 32-Jährige ist dessen Sprecherin. Dem Aufruf, sich an der Kundgebung gegen Rechts zu beteiligen, ist auch die Stadtverwaltung gefolgt, an der Spitze Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe (FW). Tina Krause freut die Offenheit der Kommune und die politische Unterstützung quer durch alle Lager. "Die Nazi-Tour durch die Republik war bislang ein Flop. Das soll auch so bleiben. Wenn die Rechten in Bayreuth Station machen, sollen die klar merken, dass sie kein Demokrat will. Nirgendwo."

Insofern freut es die Bayreutherin, wie sich gestern in Nürnberg und Regensburg starker Widerstand gegen die NPD-Präsenz regte. In Nürnberg hatte die Partei ihren Stand nur wenige Meter entfernt von dem Ort geplant, an dem ein Türke von der rechtsextremen NSU getötet wurde. Das hatten die 300 Gegendemonstranten als besonderen Affront empfunden.

Tina Krause weiß: Die Rechten wählen gern die besondere Provokation. Deshalb sei es umso wichtiger, dass die jeweilige Gegenbewegung sich nicht irgendwo in der Stadt formiert, sondern "in Hör- und Sichtweite" zu den gemeldeten Ewiggestrigen. 25 Rechte werden sich heute etwa 150 Gegnern gegenüber sehen. Über ein "offenes Mikro" des Bündnisses soll jeder Gelegenheit haben, sich in einem Kurzbeitrag Gehör zu verschaffen. "Wir sind keine Plärrer, wir haben Argumente. Uns reicht es nicht, nur gegen Rechts zu sein: Wir wollen aktiv Farbe bekennen für Demokratie, Toleranz und Menschenwürde."

So lautet denn auch der Untertitel von "Kunterbunt". Seit Februar gibt es den losen Zusammenschluss, dem Politiker ebenso angehören wie Vertreter von Gewerkschaften und Kirchen, aber auch Privatpersonen. Entstanden ist die Idee zum Bündnis als unmittelbare Folge aus dem "Bayerntag", den die NPD 2011 in Schwarzach (Kreis Kulmbach) veranstaltete. "Spätestens bei so einer offensichtlichen Zurschaustellung anti demokratischen Gedankenguts soll, darf und muss jeder aufstehen und Zivilcourage zeigen."

Die studierte Politologin befasst sich seit den 90er Jahren mit Rechtsradikalismus, schreibt Artikel für das Informationsportal "Endstation rechts Bayern" - und ist damit zwangsläufig in den Fokus der Neonazis gerückt. "Mein Gesicht ist rum." Die 32-jährige Bayreutherin hat sich online in einschlägigen rechten Netzwerken diffamieren lassen müssen. "Das geht sehr subtil vonstatten. Keine plumpe Androhung von Gewalt, mir wurde eine psychotische Störung attestiert." Sie schürzt die Lippen; in rechtsextremen Kreisen möchte sie gern als Störenfried empfunden werden.

Dabei sieht die Sozialdemokratin nicht allein in der NPD ein Problem, sondern verstärkt in Kadern wie dem "Freien Netz Süd". "Die rechte Szene ist ja beileibe kein homogenes Gebilde. Die als Partei leider immer noch zugelassenen Nationaldemokraten versuchen sich unter Holger Apfel, einen seriösen Anstrich zu geben. Endlich ernster müssen wir Gruppierungen wie das besagte Freie Netz Süd nehmen. Das ist ja so etwas wie ein Zusammenschluss von Neonazis im süddeutschen Raum, denen die NPD zu zahm ist, nicht weit genug geht. Die quasi die reine rechte Lehre verkörpert. Das ist vielen in der Gesellschaft noch gar nicht so ins Bewusstsein gedrungen."

Auch, dass gerade Oberfranken ein Schwerpunktgebiet für Neonazis ist. "Aber gegen diese Umtriebe ist ein Kraut gewachsen, wie Wunsiedel und Gräfenberg eindrucksvoll bestätigen. Wir als Bündnis können von den Erfahrungen dieser Kommunen zehren und darauf aufbauen."



Kommentar: Totgeschwiegen lebt sich's länger



Gräfenberg kann als Vorbild für Bayreuth dienen, Regensburg eher nicht. Gräfenberg haben Neonazis über Jahre ihre zweifelhafte Aufwartung gemacht. Bis sich Widerstand regte bei den Bürgern; erst schüchtern, dann gewaltig (aber nie gewalttätig). Ergebnis: Die Extremisten meiden den Ort, auch weil die Kommune das Thema nicht tabuisierte, sondern offen thematisierte. Wenn jetzt die NPD auf ihre Tour durch die Republik geht, verfahren Städte wie Regensburg nach einer gegensätzlichen Devise: Kein Offizieller sagt, wo man nach dem Rechten sehen kann. Begründung: den Neonazis keine Aufmerksamkeit gönnen. Dumm nur, dass die sich nicht in Luft auflösen, bloß weil man sie ignoriert. Insofern tut es gut, wie offensiv die Stadt Bayreuth mit dem NPD-Spuk umgeht. Die Rechten sollen sehen, dass eine Kommune auf dem rechten Auge eben nicht blind ist.