Bei der Präsidentenwahl in Afghanistan sind trotz massiver Drohungen der Taliban schwere Angriffe ausgeblieben. Dennoch gab es nach Angaben von Behördenvertretern in mehreren Provinzen mindestens drei Tote, weitere 44 Menschen wurden verletzt.

Daneben berichteten Wahlbeobachter am Samstag von Problemen mit Wählerlisten. Aus den meisten Provinzen wurde eine geringe Wahlbeteiligung gemeldet.

Vor allem Frauen sollen nach Berichten von Provinzräten der Wahl ferngeblieben sein. Analysten zufolge gibt es mindestens 13,5 Millionen Wahlberechtigte in Afghanistan. Mehr als 9,6 Millionen Afghanen waren zur Wahl registriert, rund ein Drittel davon Frauen.

Wegen der schlechten Sicherheitslage, Enttäuschung über die Regierung und mangelndes Vertrauen in Wahlen generell nach zahlreichen Wahlfälschungsvorwürfen in vergangenen Wahlen gingen manche afghanische Experten im Vorfeld der Wahl davon aus, dass lediglich 1,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben werden. Ein Reporter des lokalen TV-Senders ToloNews berichtete, nach vorläufigen Statistiken der Unabhängigen Wahlkommission (IEC) hätten weniger als zwei Millionen Menschen gewählt. Offizielle IEC-Zahlen gibt es noch nicht.

Anders als bei der chaotisch verlaufenen Parlamentswahl im Oktober des Vorjahres öffneten die Wahllokale praktisch pünktlich, kam das Wahlpersonal in die Wahllokale und die Wahlmaterialien waren vorhanden. Nach Berichten unabhängiger afghanischer Wahlbeobachter allerdings konnten vielerorts Wähler ihre Stimme nicht abgeben, weil sie ihren Namen nicht auf den Wählerlisten finden konnten.

Ein Wähler in einer Wahlstation im Zentrum Kabuls lieferte sich ein Schreiduell mit einem Vertreter der Wahlbehörde, nachdem er nach eigenen Angaben vier Mal von den Offiziellen von einem Wahllokal zum nächsten geschickt worden war, ohne seine Stimme abgeben zu können. Er hatte einen Wahlregistrierungs-Sticker in seinem Personalausweis.

Viele Namen seien nicht in den zuvor erstellten digitalen Listen der biometrischen Geräte zu finden gewesen, sagte der Chef der unabhängigen Wahlbeobachtungsorganisation FEFA, Jusuf Raschid. Die Wahlkommission hatte vor der Wahl erklärt, Wählerstimmen ohne biometrische Erfassung seien ungültig. Damit sollte Wahlfälschung verhindert werden.

Die Wahl lief unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Mehr als 72.000 Sicherheitskräfte sicherten den Wahlgang. Die islamistisch-militanten Taliban hatten im Vorfeld angekündigt, Sicherheitskräfte und Wahllokale anzugreifen.

Dem Afghanistan-Experten von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network zufolge hat es deutlich weniger Opfer gegeben als bei früheren Wahlen, aber mehr Zwischenfälle. Die Taliban hätten fast jedes zehnte Bezirkszentrum angegriffen, wohl mehr um abzuschrecken als zu zerstören.

Aber ihre Abschreckungsstrategie mit Drohungen direkt an die Wähler habe funktioniert. «Zusammen mit Frustration über die gegenwärtige Regierung und ihre beiden Spitzen, Präsident Aschraf Ghani und Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah, sorgte dies für eine sehr niedrige Wahlbeteiligung - wahrscheinlich die niedrigste seit 2001», sagte Ruttig.

18 Kandidaten standen auf dem Stimmzettel, vier von ihnen hatten ihre Kandidatur noch vor der Wahl zurückgezogen. Realistische Chancen auf einen Sieg haben Präsident Ghani und sein Regierungsgeschäftsführer Abdullah.

Erste vorläufige Resultate sollen am 19. Oktober veröffentlicht werden, die offiziellen am 7. November. Erhält kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang, geht es in eine Stichwahl der beiden bestplatzierten Kandidaten, voraussichtlich Ende November.