Sie forderten am Dienstag endlich eine Aufklärung der Ereignisse in der Nacht zum 4. Juni 1989 nach den Protesten auf dem Tian'anmen-Platz. Die Organisatoren sprachen von 150 000 Teilnehmern, die Polizei von 54 000. In der autonom regierten Sonderverwaltungsregion, die seit 1997 zu China gehört, sind solche Proteste weiter erlaubt.

Auf dem Festland Chinas verschärfte die Zensur im Internet die Blockade von Suchwörtern zum Jahrestag. Chinesische Behörden hielten prominente Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten unter Hausarrest. Der Dissident Hu Jia aus Peking sagte, dass ihn die Polizei seit dem 25. Mai unter Hausarrest gestellt hatte, ihn dann aber kurzfristig in die südchinesische Stadt Guangzhou reisen ließ. «Die Behörden hatten gehofft, dass ich zum 4. Juni nicht in Peking sein würde. Also haben sie mich nicht vom Reisen abgehalten», sagte der 39-Jährige der Nachrichtenagentur dpa am Telefon.

Angehörige der Opfer griffen Chinas neue Regierung wegen der mangelnden Aufklärung der Ereignisse von 1989 an. «Wir werden niemals aufgeben, niemals aufhören, bis der 4. Juni endlich neu bewertet wird und die Seelen der Opfer in Frieden ruhen können», schrieb das «Mütter von Tian'anmen» genannte Netzwerk der Angehörigen in einem offenen Brief. Weiter kritisierte die Gruppe Staats- und Parteichef Xi Jinping. Die Führung mache keine Schritte nach vorne, sondern nur zurück, klagten die Aktivisten in dem von der Organisation Human Rights in China verbreiteten Brief.

Die Leiterin der «Mütter von Tian'anmen» wandte sich in einem separaten Brief an US-Präsident Barack Obama. Bei seinem Treffen mit Xi Jinping kommende Woche solle er das Thema ansprechen. «Chinas Führung hat uns vor 24 Jahren unsere Kinder genommen und hindert uns bis heute, in Frieden um sie zu trauern.»

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte: «Mehr als zwei Jahrzehnte nach der blutigen Niederschlagung leugnet Chinas Regierung noch immer jeglichen Fehler bei der Unterdrückung der Tian'anmen-Proteste.» Die Behörden hätten das Töten vertuscht und die Täter nicht vor Gerichte gestellt. Zudem verfolgten sie die Familien der Opfer und unterdrückten die Versammlungs- und Meinungsfreiheit.

In der Nacht zum 4. Juni 1989 hatte die chinesische Armee die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Die Soldaten eröffneten das Feuer und gingen mit Panzern gegen Demonstranten vor. Offizielle Opferzahlen gibt es bis heute nicht. Einige hundert dürften es gewesen sein; manche Schätzungen gehen von bis zu einigen tausend Toten aus. Tausende wurden verletzt und inhaftiert.