Gemeinsam mit dem Vorsitzenden Christian Lindner ist Wolfgang Kubicki in diesen Tagen das öffentliche Gesicht der FDP. Der 64-Jährige sitzt im Landtag von Schleswig-Holstein und ist Zweiter Vorsitzender der Bundes-FDP. Vor allem aber ist Kubicki begnadet im Umgang mit den Medien und deshalb auch ein gern gesehener Gast in den Talkshows zur Republik.

Dass sich Kubicki auch für die Basisarbeit nicht zu schade ist, durften in der vergangenen Woche die Bamberger Liberalen erleben. Selbst ein Streik der Fluggesellschaft German Wings konnte ihn nicht abhalten, der Bamberger FDP persönlich zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Jetzt bewerben Sie sich doch um ein Mandat für den Bundestag. Wollen Sie mit 64 Jahren noch zum Trinker und Hurenbock werden?
Wolfgang Kubicki: Sie spielen auf ein Interview aus dem Jahr 2010 an. Damals konnte ich mir in der Tat nicht vorstellen, nach Berlin zu gehen. Eben weil ich dort nicht zum Trinker und Hurenbock werden wollte.

Inzwischen trauen Sie sich aber zu, mit der Einsamkeit und den Versuchungen der Großstadt umgehen zu können?
Mittlerweile gehöre ich nicht mehr zur Zielgruppe der lasterhaften Versuchungen, die diese Stadt bietet.

Im Ernst: Warum wagen Sie den Sprung auf die ganz große Bühne?
Ich lasse mich von meiner Bundespartei in die Pflicht nehmen. Außerdem möchte ich mein politisches Gewicht nutzen, um mich im Bundestag für die schleswig-holsteinischen Interessen stark zu machen. Und ja, es reizt mich inzwischen auch, noch einmal etwas Neues auszuprobieren.

Ging es Deutschland in den zurückliegenden drei Jahren schlechter ohne die FDP im Bundestag?
Nein, das zu behaupten wäre unredlich. Deutschland geht es gut. Aber das ist weniger das Verdienst von Angela Merkel als von ihrem Vorgänger Gerhard Schröder. Von seiner Agenda 2010 profitiert das Land wirtschaftlich noch immer.

Warum braucht es dann überhaupt noch die FDP?
Die amtierende große Koalition steht für innenpolitischen Stillstand. Schlimmer noch: für eine komplett widersinnige Rente mit 63 und fehlende Investitionen in die Infrastruktur. Deutschland lebt von der Substanz. Es muss aber erst erwirtschaftet werden, was anschließend sozialpolitisch verteilt werden kann. Diesen Zusammenhang haben vor allem die Sozialdemokraten aus den Augen verloren. Die SPD inszeniert sich als Robin Hood: Sie nimmt von den bösen Reichen und gibt es den Armen. Deutschland benötigt deshalb wieder eine Partei, die etwas von Wirtschaft und Wachstum versteht. Das ist die FDP.

Haben Sie inzwischen eine Ahnung, aus welchen Quellen sich all die Verachtung und der Spott gegenüber der FDP speiste?
Wir sind nach dem guten Wahlergebnis 2009 viel zu selbstgefällig aufgetreten. Das habe ich übrigens schon dem damaligen Vorsitzenden Westerwelle gesagt. Im Sieg muss man demütig sein, das waren wir nicht. Zweitens haben wir uns im Koalitionsalltag im völligen Widerspruch zu unserem großspurigen Auftreten kaum durchsetzen können, vor allem mit unserem Versprechen eines einfacheren Steuersystems nicht. Und wir hatten die falschen Gesichter.

Wie meinen Sie das?
Die Welt befindet sich doch seit der Finanzkrise von 2008 permanent im Krisenmodus. Da wollen die Leute Politiker mit Lebenserfahrung und Standvermögen. Nehmen Sie nur unseren späteren Vorsitzenden Philipp Rösler: Er hat diese Eigenschaften leider nicht verkörpert. Viel zu jung und glatt. Ein guter Politiker, aber einfach der falsche Mann zur falschen Zeit.

Der Parteivorsitzende Christian Lindner ist aber in Auftritt und Rhetorik eher noch der Westerwelle-FDP verpflichtet.
Lindner ist brillant. Ich habe ihm mal gesagt: Wenn ich in deinem Alter diese analytischen Fähigkeiten und diese Rhetorik gehabt hätte, was hätte alles aus mir werden können. Ich glaube, wir ergänzen uns gut. Er ist der Mann für die smarten Start-up-Unternehmer, ich der Mann für die Handwerker.

Was kann die FDP von ihrem Parteimitglied Alexander Putz lernen, das jetzt die Wahl zum Landshuter OB gewonnen hat?
Ich kenne Alexander Putz nicht persönlich, sondern nur aus der Ferne. Was mir an ihm gefällt: klares Auftreten, klare Sprache, keine vollmundigen Versprechungen. Er scheint mir ein Pragmatiker zu sein. Wir müssen in der FDP vielleicht erst wieder lernen, dass Pragmatismus etwas Gutes ist.

War die FDP in Teilen eine ideologische Partei?
Unsere Positionen waren oft weit weg von der Lebenswirklichkeit der Menschen. Ich glaube, manche von uns haben es auch mit ihrer Kritik am Staat übertrieben. Ich bin sicher kein Freund eines regulatorisch eingreifenden Staats. Aber auch Liberale können arbeitslos werden und auf den Sozialstaat angewiesen sein. Dann sind sie auch froh, dass es einen gibt.

Bamberg ist die politische Heimat des großen Liberalen Thomas Dehler. Fehlen der FDP heute Politiker seines Formats?
Nicht nur der FDP fehlen sie. Es hat auch viel damit zu tun, dass die meisten Politiker heute Berufspolitiker sind. Die können gar nichts anderes. Das verengt ihre Perspektive, ihre Sicht auf die Dinge und das Leben. Der Politik tut das nicht gut. Ich bin als praktizierender Anwalt fast schon eine Ausnahme. Ich könnte morgen sofort mit der Politik aufhören. Das verleiht mir auch die nötige Unabhängigkeit, um für meine Überzeugungen kämpfen zu können.

Auf der anderen Seite lässt sich heutigen Politikern schlecht vorwerfen, nicht dieselben existenziellen Erfahrungen wie Dehler gemacht zu haben.
Ich habe trotzdem ein wenig das Gefühl, dass wir alle Schönwetter-Demokraten sind. Wir haben nie wie Dehler für unsere freiheitlichen Werte und Überzeugungen kämpfen müssen. Das kann man keinem zum Vorwurf machen. Aber man merkt diesen Mangel an Kampferprobtheit vielen Debatten leider an.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich habe noch gelernt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder ein Krieg von deutschem Boden ausgehen darf und wir in militärischen Angelegenheiten äußerste Zurückhaltung üben müssen. Und heute? Was suchen deutsche Soldaten eigentlich in Syrien oder Mali?

Was werfen Sie der Verteidigungsministerin von der Leyen vor?
Dass sie das Leben deutscher Soldaten aufs Spiel setzt.

Im Ernst?
Ja. Jeder, der im Bundestag einem Einsatz deutscher Soldaten zustimmt, müsste konsequenterweise eines seiner Kinder in den Einsatz entsenden. Auch das meine ich ernst.


Die Union verliert an Zustimmung, die FDP und die Linke legen zu

Umfrage Im RTL-Wahltrend büßt die Union aus CDU und CSU im Vergleich zur Vorwoche wieder einen Prozentpunkt ein und liegt nun bei 34 Prozent. Die SPD verharrt weiterhin bei 22 Prozent, und die Grünen stagnieren bei elf Prozent. Einen Prozentpunkt muss die AfD abgeben und kommt damit ebenfalls auf 11 Prozent. Die Linke gewinnt dagegen einen Punkt und hat mit 10 Prozent wieder einen zweistelligen Wert. Auch die FDP kann sich um einen Punkt auf sieben Prozent verbessern.

Bundespräsident Auf ihrem Koalitionsgipfel am kommenden Sonntag wollen CDU, CSU und SPD auch über mögliche Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten reden. Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa empfiehlt, SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier als gemeinsamen Kandidaten zu benennen. Steinmeier sei über die Parteigrenzen hinweg beliebt und werde von der großen Mehrheit der Deutschen als geeigneter Nachfolger von Joachim Gauck gesehen.

Mythos "Es ist ein unausrottbarer Mythos, dass eine Bundespräsidentenwahl die Weichen für eine neue Koalition stellt", sagt Meinungsforscher Güllner. red