Makaber genug: Das Fragment einer Hand wird nach dem Anschlag auf das Oktoberfest am 26. September 1980 etwas abseits des Explosionsortes gefunden. Es wird in der Rechtsmedizin untersucht - und verschwindet irgendwann spurlos.

1,39 Kilo TNT rissen damals 13 Menschen in den Tod, unter ihnen den Attentäter Gundolf Köhler. Die Ermittler ordneten ihm die Hand zu. Der Anhänger der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann beging laut Ermittlungsergebnis die Tat allein und aus persönlichem Frust.

Doch an der offiziellen Version gab es immer massive Zweifel. Nun gibt es Hinweise auf einen anonymen Patienten, der sich wenige Tage nach dem Attentat im Klinikum Oststadt-Heidehaus in Hannover meldete und dem eine Hand fehlte. Eine damals dort tätige Krankenschwester informierte den Reporter des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Chaussy, der seit 1980 in dem Fall recherchiert. Sie berichtete nun im BR und in den ARD-Tagesthemen von einem jungen Mann, der kurz nach dem Attentat mit zerfetztem Unterarm ins Krankenhaus gebracht wurde. Zunächst habe er nicht sagen wollen, wie es dazu kam. Später sagte er dann, er habe "ein bisschen mit Sprengstoff gespielt". Ein Mittäter?

Immer wieder melden sich neue Zeugen - mehrfach mit Hinweisen, dass Köhler nicht allein war. Die Aussage einer von dem Opferanwalt Werner Dietrich präsentierten Zeugin zu möglichen rechtsextremen Netzwerken trug wesentlich zur Wiederaufnahme der Ermittlungen im Dezember bei. "Jetzt gibt es eine Wende: die Chance, Mittäter und Hintermänner zu ermitteln - und die Bundesanwaltschaft scheint sich darum ebenfalls ernsthaft zu bemühen", sagt Chaussy.


Rechtsextremer Hintergrund?

Opfervertreter gingen stets davon aus, dass der schwerste Anschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte einen rechtsextremen Hintergrund hatte - und die Hand einem Komplizen gehörte. Laut Chaussy war sie nach Blutgruppe und -serum Köhler nicht zuzuordnen. In der Wohnung des Studenten fand sich nur ein Fingerabdruck der Hand - auf einem Ordner mit Studienunterlagen des Wintersemesters 1980/1981, sonst weder auf persönlichen Dingen noch in dem von Köhler benutzten Auto.

Das Handfragment wurde zudem gut 20 Meter entfernt vom Explosionsort gefunden. Die Bombe detonierte aber in Köhlers Händen, die laut Chaussy atomisiert wurden, so dass nichts übrig blieb. Das bestätigt ein Ex-Sprengstoffspezialist des Bundeskriminalamtes, der an der Rekonstruktion der Bombe beteiligt war und der in der ARD-Dokumentation "Attentäter - Einzeltäter?" zu Wort kommt.

Bei der Bundesanwaltschaft hieß es noch Ende 2014: "Nicht zuletzt aufgrund von Fingerspuren und des Zerstörungsgrades des Handfragments steht fest, dass es sich um die Hand handelte, die Gundolf Köhler bei der Explosion abgerissen worden war."


Mann lässt sich nicht fertig behandeln

Jetzt die Aussage der Krankenschwester. "Ich habe den amputierten Arm gesehen. Und er hatte ein Strahlen im Gesicht. Ich war völlig irritiert und geschockt", sagt sie. Der Mann habe nie Besuch von Angehörigen bekommen, dafür von Männern, die nie alleine kamen. Plötzlich sei er weg gewesen, bevor die Behandlung beendet gewesen sei.

Auch Dietrich bekam Hinweise auf einen mysteriösen Patienten ohne Hand. Er erinnert sich an einen anonymen Anruf zwischen Januar 1983 und November 1984. Damals waren Dietrich und Chaussy erstmals öffentlich gegen die Einstellung der Ermittlungen eingetreten.

"Sind Sie der Anwalt der Opfer vom Oktoberfestattentat?" habe der Anrufer gefragt. "Ich rufe aus Norddeutschland an." In einer Klinik oder in einem Krankenhaus sei ein Mann ohne Hand aufgetaucht, er sei einige Tage behandelt worden und dann "abgehauen". "Die Person wirkte ängstlich, gestresst und gehetzt. Weitere Rückfragen waren nicht möglich, der Hörer wurde aufgelegt."
Auch andere Spuren führen in den Raum Hannover. Ein rechtsradikaler Waffensammler hatte damals bei Uelzen im Wald zahlreiche Waffen- und Sprengstoffdepots mit zentnerweise Chemikalien, Handgranaten, Panzerfäusten und Munition angelegt. Spekuliert wird, ob er den Sprengstoff für die Bombe lieferte. In Spur 253 in den Spurenakten zum Wiesn-Attentat wird er in diesem Zusammenhang genannt. Er wurde 1981 erhängt in seiner Zelle gefunden - am Tag danach sollte er als Zeuge befragt werden.

Das Handfragment indessen bleibt verschwunden. In Karlsruhe, wo später andere amtliche Asservate wie Bombensplitter vernichtet wurden, kam sie dem Vernehmen nach nicht an. Letzte Aussage der Bundesanwaltschaft Ende vergangenen Jahres: "Der Verbleib des Handfragments ist nicht mit letzter Sicherheit zu rekonstruieren."