Mit einem energischen Klacken kriecht der Strom in Maria Schneiders* Gehirn. Es klackt im Sekundentakt, nicht zu laut, aber deutlich hörbar in der stillen Atmosphäre des Therapieraums. Maria Schneider liegt entspannt im Behandlungsstuhl, es ist nicht ihre erste Sitzung mit einer Magnetspule am Kopf. Seit einem Schlaganfall ist ihre linke Hand gelähmt und sie hofft: Die Stromimpulse könnten helfen.

Dreimal pro Woche unterzieht sich die 72-Jährige in der Neurologischen Frührehabilitation im Bamberger Klinikum am Michelsberg der "Neuronavigierten Transkraniellen Magnetstimulation" (nTMS), die für Schlaganfallpatienten in Bayern nur noch in München sowie deutschlandweit in 15 Krankenhäusern angewendet wird.

Unblutig durch den Schädel

Die Kliniken Neurologische Frührehabilitation, Neurologie und Neurochirurgie der beiden Bamberger Krankenhaus-Standorte haben das 200.000 Euro teure Gerät für die unblutige Therapie "durch den Schädel" (lateinisch: transkraniell) gemeinsam angeschafft. Es besteht aus einem Magnetstimulator und einer Behandlungsspule, die zur Energieübertragung ins Gewebe dient.

"Bei dieser Methode werden Nervenzellen berührungslos in ihrer elektrischen Aktivität beeinflusst", erklären Peter Rieckmann, Chefarzt der Neurologie, und Hermann Weber, Leitender Arzt der Neurologischen Frührehabilitation. Zunächst wird die mit einem Neuronavigationssystem verbundene Magnetspule über den Kopf des Patienten gehalten. Durch die Spule werden Stromimpulse geleitet, sichtbar auf einem Bildschirm farblich markiert und die Bilder in das Navigationssystem überspielt. So entsteht eine "Landkarte" der Hirnareale, die wichtige Informationen für eine OP-Planung liefert und als Navigationshilfe während des Eingriffs dient.

Der Einsatz der Magnetstimulation für eine Hirnoperation ist jedoch nicht das Thema von Rieckmann und Weber. Sie nutzen das Gerät, das in Bamberg in ähnlicher Form schon länger in der Psychiatrie zur Therapie von Depressionen und Tinnitus eingesetzt wird, für die Frührehabilitation nach Schlaganfällen. Wobei die Betonung explizit auf "früh" liegt: "Je eher eine Reha beginnt, desto besser", sagt Rieckmann. "Eine bis sechs Wochen nach einem Schlaganfall ist der optimale Zeitpunkt."

Die Patienten werden je nach Schwere der Folgeschäden, die von Lähmungen bis hin zum kompletten Sprachverlust reichen können, zwischen drei und zwölf Wochen stationär in der Frührehabilitation behandelt. Jedoch kommt die Methode der Magnetstimulation nicht für alle in Frage - die medizinischen Voraussetzungen müssen passen.

900 Impulse pro Sitzung

Bei Maria Schneider sehen die Ärzte entsprechendes Potenzial. Deshalb wird sie in einer Serie über eineinhalb Monate dreimal wöchentlich eine Viertelstunde mit rasch und regelmäßig aufeinanderfolgenden Einzelreizen behandelt. "900 Impulse pro Sitzung", sagt Weber. Die Impulse sind es auch, die das klackende Geräusch produzieren - "da fließt starker Strom durch."

Vorsichtig platziert Weber die aktivierte Magnetspule auf den Kopf seiner Patientin, woraufhin die optische Zielerfassung mit einer Kamera in Gang gesetzt wird und das Innere des Schädels auf einen Bildschirm überträgt. "Durch die Neuronavigation kann man die betreffenden Areale exakt sehen und stimulieren", sagt Weber. "Für die Rehatherapie werden kurze Magnetpulse in oberflächennahe Hirnareale abgegeben. Abhängig von der Art der Stimulation werden Neuronen in ihrer Aktivität gehemmt oder gefördert." Hemmen hört sich zunächst komisch an, hat aber bei Schlaganfallpatienten durchaus Sinn: "Wird die gesunde Seite gehemmt, verbessert man die Reorganisation der betroffenen kranken Seite", erklärt Rieckmann.

Keine abschließenden Studien

Erste Studien aus den USA zeigen, dass sich die Magnetstimulation außer auf die Mobilität auch positiv auf Sprach-, Schluck-, Aufmerksamkeits- und Handfunktionsstörungen auswirken kann. Eingesetzt wird sie zentral über das Gehirn oder in der Peripherie, an Armen und Beinen. Abschließende Studien über die noch junge Methode gibt es nicht, in Bamberg soll sie über fünf Jahre beobachtet und auch überregional angeboten werden. Für die nTMS spricht laut Rieckmann und Weber, "dass sie als nicht medikamentöses Verfahren das Rehabilitationspotenzial verbessert und gut vertragen wird". Selten könne es zu Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und leichten Stimmungsschwankungen oder sehr selten zu epileptischen Anfällen kommen.

Gehirn arbeitet im Schlaf weiter

Davon blieb Maria Schneider bisher verschont. Sie liegt immer noch entspannt im Stuhl und lässt sich vom Klacken, das Strom in ihren Kopf bringt, nicht stören. "Es ist nicht unangenehm", sagt sie und versucht, Rieckmanns Aufforderung nachzukommen: "Versuchen Sie mal, Ihre Hand zu bewegen." Es kostet sie, man sieht es, viel Mühe. Vielleicht fällt es ihr nach der Stimulation leichter. "Die Behandlung fördert die Regenerationsfähigkeit des Gehirns und verstärkt den Erfolg der Ergotherapie, die gleich anschließend stattfindet", sagt Rieckmann. Danach darf sich Maria Schneiders Körper ausruhen. Ihr stimuliertes Gehirn wird im Schlaf die zurückliegenden Behandlungen verarbeiten.

* Name von der Redaktion geändert.