Auf der Suche nach einem Gewinnerthema wurde Martin Schulz bei den jungen Eltern fündig. "Wenn Alleinerziehende Teile ihres Lohns noch für Kitagebühren ausgeben müssen, läuft etwas falsch", lautete eine Twitter-Botschaft des SPD-Kanzlerkandidaten, die nun auch in seinem Regierungsprogramm landen wird. Kinderkrippen und -tagesstätten ausbauen, mit Gratisbetreuung Hunderttausende Mütter und Väter entlasten - so will die SPD gegen Steuersenkungswettläufe der Konkurrenz von Union und FDP punkten. Aktuelle Zahlen zeigen: Im Kita-Bereich gibt es tatsächlich noch einiges zu tun.

Wie hat sich die frühkindliche Betreuung in Deutschland entwickelt?

Die Quote bei den Drei- bis Sechsjährigen liefert kaum noch Grund zur Klage. Sie liegt seit Jahren konstant über 93 Prozent. Der Staat hat seine Ausgaben für Kindertagesbetreuung seit 2005 insgesamt mehr als verdoppelt. Ein Ende April beschlossenes Programm des Bundes mit 1,1 Milliarden Euro soll in den nächsten drei Jahren für 100 000 weitere Kita-Plätze sorgen. Probleme haben allerdings noch Eltern von Kindern unter drei Jahren - überwiegend Mütter. Das schon für 2013 vereinbarte Ziel der Politik, 750 000 Betreuungsplätze für ganz kleine Kinder zu schaffen, ist noch immer nicht erreicht.

Wie ist die Lage für betroffene Eltern?
Immerhin: Auch für Mütter und Väter von Kindern unter drei Jahren stieg die Zahl der Betreuungsplätze zwischen 2006 und 2016 auf rund 720 000 an, ein Plus von gut 400 000. Aber es sind immer noch zu wenig, weil mehr Frauen in wirtschaftlich guten Zeiten ihre Berufschance suchen oder schnell zurück in den Job wollen. Seit August 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Betreuung, sobald ihr Kind ein Jahr alt ist. Diese Regelung hat den Druck auf Länder und Kommunen erhöht, nicht nur Plätze für Vorschulkinder zwischen drei und sechs Jahren in Kitas vorzuhalten, sondern auch für Ein- und Zweijährige in Kinderkrippen. Nach einer Datensammlung das Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hapert es hier jedoch.

Wie ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage?
Trotz des milliardenschweren Kraftakts beim Kita-Ausbau sehen die IW-Fachleute aufgrund offizieller Daten und eigener Berechnungen eine Betreuungslücke von gut 293 000 Krippenplätzen (13,3 Prozent). Von rund 2,2 Millionen Kindern unter drei Jahren wurde mit Stichtag 31. März 2016 jedes dritte (32,7 Prozent) in einer solchen Einrichtung betreut - der Elternbedarf habe gleichwohl bei 46 Prozent gelegen. In Westdeutschland gab es laut IW für Kleinkinder 262 000 Krippenplätze zu wenig, in Ostdeutschland mehr als 31 000. In den fünf neuen Bundesländern war die Betreuungslücke prozentual also am kleinsten - zwischen 3,1 (Mecklenburg-Vorpommern) und 6,9 Prozent (Thüringen).

Gibt es deswegen nun viele Elternklagen?
Zwar haben Mütter und Väter wegen des Mangels womöglich Anspruch auf Schadenersatz, wie der Bundesgerichtshof im Oktober unter Hinweis auf das Kinderförderungsgesetz von 2008 entschied. Zuvor hatten drei Mütter gegenüber der Stadt Leipzig einen Verdienstausfall geltend gemacht, weil sie wegen fehlender Krippenplätze nur verspätet in ihren Job zurückkehren könnten. Dennoch: Eine große Klagewelle gebe es bisher aber nicht, sagt die Expertin für frühkindliche Bildung bei der Bertelsmann-Stiftung, Annette Stein. "Weil die Eltern vor Ort überwiegend merken, dass sich die Kommunen vor Ort zumindest bemühen. Und weil ein Klageweg immer sehr aufwendig und mit Kosten verbunden ist - davor schrecken viele Betroffene zurück."

Ist denn wenigstens die Betreuungsqualität in Deutschland hoch genug?
"Sowohl bei Quantität als auch bei Qualität gibt es weiterhin einen hohen Ausbaubedarf - trotz der bisher schon enormen Investitionen", sagt Bertelsmann-Expertin Stein. "Man kann noch längst nicht von kindgerechten Personalschlüsseln in den Kitas sprechen." Laut Bertelsmann-Studie von 2016 ist bundesweit eine Kita-Fachkraft für durchschnittlich 4,3 ganztags betreute Krippenkinder unter drei Jahren oder für 9,3 Kinder über drei Jahren zuständig. Laut Empfehlung der Stiftung sollte sich eine Fachkraft aber um höchstens drei ganz kleine Kinder oder sieben bis acht Vorschulkinder kümmern.

Was tut die Politik, um die Situation zu verbessern?
Einige Bundesländer wie das rot-rot-grün regierte Berlin machen die Krippen- und Kita-Betreuung gebührenfrei, wie es nun auch SPD-Kanzlerkandidat Schulz vorhat. Aber Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) weiß auch, dass in jedem Fall weiterhin viel Geld für mehr Krippenplätze und höhere Kita-Qualität notwendig ist: Es gebe trotz beträchtlicher Fortschritte noch "Baustellen", etwa um den künftigen Bedarf durch steigende Geburtenraten und zugewanderte Flüchtlingskinder zu decken. Darum soll es ab diesem Donnerstag bei der Jugend- und Familienministerkonferenz von Bund und Ländern in Quedlinburg im Harz gehen.