Einige wollten einen größeren Busen, andere wünschten sich nach einer Brustkrebserkrankung überhaupt wieder ein Dekolleté. Doch sie ahnten nicht, dass sie dafür ihre Gesundheit aufs Spiel setzten: Hunderttausende Frauen ließen sich extrem reißanfällige Brustimplantate des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) einsetzen.

Die Firma, die die mit billigem Industriesilikon gefüllten Kissen verkaufte, gibt es nicht mehr. Nachdem ihr Betrug im März 2010 aufgeflogen war, ging sie pleite. Die betroffenen Frauen hoffen auf Schadensersatz - doch ihre Hoffnung ist mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) am Donnerstag fast auf Null gesunken.


TÜV "nicht grundsätzlich verpflichtet" selbst zu prüfen

Die Luxemburger Richter urteilten am Donnerstag, dass Stellen wie der TÜV Rheinland, der das Qualitätssicherungssystem von PIP zertifiziert und überwacht hatte, nicht grundsätzlich verpflichtet sind, Medizinprodukte wie Implantate selbst zu prüfen oder unangekündigte Kontrollen bei den Herstellern durchzuführen.

Unter bestimmten Umständen könnten die Prüfstellen gegenüber Patienten aber haftbar sein (Rechtssache C-219/15).

Hintergrund des Verfahrens ist die Klage einer Frau vor dem Bundesgerichtshof. Sie hatte sich gesundheitsgefährdende Brustimplantate des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) entfernen lassen und fordert vom TÜV Rheinland 40 000 Euro Schmerzensgeld.


Risse in den brustimplantaten

Auch für andere Frauen hatte der Pfusch fatale Folgen: Rissen die Implantate, kam es nicht nur häufig zu unschönen Verformungen. Oft entzündete sich das umliegende Gewebe. Das ausgetretene Gel steht sogar im Verdacht, Krebserkrankungen ausgelöst zu haben.

Auf behördlichen Rat ließen sich schließlich Zehntausende Frauen die Kissen entfernen. Allein in Deutschland und Frankreich unterzogen sich rund 20 000 Betroffene der schmerzhaften OP. Einigen setzte das Ganze so zu, dass sie lieber ohne Busen weiterlebten, als sich erneut Implantate einsetzen zu lassen.


TÜV sieht sich selbst als Opfer

Der TÜV Rheinland sieht sich in alledem selbst als Opfer. Er sei in großem Stil von PIP betrogen worden, heißt es in einer Stellungnahme. Das Unternehmen habe in seinen Unterlagen verschleiert, dass minderwertiges Silikon zum Einsatz kam. Bei den Überwachungsmaßnahmen habe man sich stets an die gesetzlichen Bestimmungen gehalten. Überraschungsbesuche und Produkttests durch den TÜV seien nicht vorgeschrieben.

Bislang sahen das die meisten Gerichte genauso. Hierzulande ist der TÜV nach eigenen Angaben in Dutzenden Verfahren nie schuldig gesprochen worden. Eine wichtige Gutachterin am EuGH sprach sich zudem im September dafür aus, dass Prüfstellen wie der TÜV in der Regel nicht rückwirkend für mangelhafte Medizinprodukte haftbar gemacht werden sollten - die Kosten seien zu hoch. Die Frauen könnten derweil auf ihren Kosten sitzenbleiben.