Für die Deutsche Telekom wird es auf ihrem Heimatmarkt ungemütlicher. Der scheidende Konzern-Chef René Obermann übergibt seinem Nachfolger Tim Höttges eine belagerte Festung. Mit der geplanten Übernahme von E-Plus durch die deutsche Tochter des spanischen Telefonriesen Telefónica blasen bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Rivalen des einstigen Staatskonzerns zum Angriff.

Der deutsche Telekommunikationsmarkt steht vor umwälzenden Veränderungen - sofern die Kartellwächter zustimmen. Für die Kunden könnte es auf lange Sicht damit allerdings wieder teurer werden. Eröffnet wurde die Attacke von Vodafone. Die Briten wollen sich den größten Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland einverleiben und damit die Telekom im Festnetz und Internetgeschäft herausfordern.

Im Mobilfunk droht den Bonnern jetzt der Verlust der Marktführerschaft. E-Plus und O2 zusammen würden mit einem Schlag die Telekom abhängen. Zusammen kommen beide Mobilfunker auf gut 43 Millionen Kunden. Die Deutsche Telekom zählt laut Bundesnetzagentur derzeit gut 37 Millionen Anschlüsse und kann damit Vodafone auf Distanz halten. Künftig muss sich die Telekom wohl mit Platz zwei begnügen.

Unerwartet kommt der geplante Kauf der Nummer drei durch die Nummer vier nicht. Schon mehrfach gab es Anläufe, zuletzt im vergangenen Sommer. Dabei ist es nicht unbedingt Sympathie, die die Fusion der beiden kleinen Anbieter treibt. Die Branche ist mächtig unter Druck.

Da bereits jeder Deutsche statistisch gesehen 1,4 Mobilfunkverträge hat, ist das Neukundengeschäft arg begrenzt. Das Wachstum stammt vor allem aus dem wachsenden Datengeschäft und den dort teureren Verträgen für Smartphones oder Tabletcomputer. Die Übernahme soll vor allem helfen, die Kosten zu senken.


Harter Preiskampf

Denn um die durchaus wechselwillige Kundschaft zu locken, liefern sich die Anbieter einen harten Preiskampf, müssen gleichzeitig aber viel Geld in den Aus- und Umbau ihrer Netze und neue Technologien stecken. Der Ausbau der Netze wird Milliarden verschlingen, Geld, das gerade die kleineren Anbieter mühsam erwirtschaften müssen.

Seit Jahren wird deshalb über einen Zusammenschluss von E-Plus und O2 spekuliert. "Diese Fusion war überfällig. Sie ist aber definitiv keine Liebesheirat, sondern eine Zweckehe", sagt Ekkehard Stadie, Telekom-Experte bei der Strategieberatung Simon-Kucher & Partners.

Bereits jetzt ächzen vor allem die beiden Mütter Telefónica und KPN unter enormen Schuldenbergen. Und gerade in Deutschland tun sich die Mobilfunker schwer, richtig viel Geld zu verdienen. Flatrates, Billigmarken und günstige Tarife drücken auf die Margen, zudem haben die Kunden viele Wechselmöglichkeiten.

"Im deutschen Markt hört man kaum noch einen Konsumenten über teure Tarife jammern. Vielmehr bedrückt die Konsumenten, dass die Netze zum Teil überlastet sind", sagt Stadie. Gelinge die Fusion, könne es alle Anbietern, also auch der Deutschen Telekom, und den Kunden nützen.

Gerade E-Plus und O2 haben vor allem junge Kunden, die weniger Geld für ihr Handy ausgeben wollen. Stadie rät Telekom und Vodafone, nicht nur auf die Kundenzahl zu blicken, sondern sich auf teurere Angebote zu konzentrieren und auf einem Preiskampf im Billigsegment zu verzichten. "Dann kann es der Industrie als Ganzes gelingen, die vorhandene Zahlungsbereitschaft für Produkte, die alle haben wollen, auch wieder abzuschöpfen." Wie genau das bei E-Plus und O2 aussehen wird, ist offen. Ob die Übernahme überhaupt kommt, hängt von den Kartellwächtern ab. In den USA hatten sich die Behörden bei dem Versuch des Branchenriesen AT&T, den kleinen Konkurrenten T-Mobile USA zu übernehmen, quergestellt. Sie sahen in der Verringerung von vier auf drei Konkurrenten einen Schaden für den Wettbewerb.

Das könnte in Deutschland anders sein. Telekommunikations-Experte Torsten Gerpott, Professor an der Universität Duisburg-Essen, glaubt, die Kartellbehörden werden den geplanten Zusammenschluss durchwinken.
Das entstehende Unternehmen habe "die Mittel, um in neue Netze wie die Übertragungstechnologie LTE zu investieren und das könnte eher mehr Wettbewerb für Telekom und Vodafone bedeuten." Allerdings rechnen Experten damit, dass mit der Verringerung der Zahl der Netzbetreiber der Preisdruck sinken wird. Das könnte dazu führen, dass die Anbieter etwa bei Versteigerungen von Lizenzen weniger Geld auf den Tisch legen müssten.

Telefon-Kunden hingegen könnten bei der Umwälzung des Mobilfunkmarktes das Nachsehen haben. Weniger Anbieter bedeuten oft höhere Preise. Die Erfahrung zeige, sagte Gerpott, dass in einem Markt mit etwa drei gleich starken Anbietern "ein Wettbewerb bis aufs Blut ausbleibt".


Das bedeutet die Mobilfunk-Hochzeit für die Kunden

Die deutsche Telefónica-Tochter O2 will die knapp 24 Millionen E-Plus-Anschlüsse übernehmen. Betroffene Kunde müssen aber nicht fürchten, auf einmal ohne Netz dazustehen oder in neue Verträge gezwungen zu werden.

1. Kann ich im E-Plus-Netz vielleicht plötzlich nicht mehr telefonieren?
Das droht auf keinen Fall. "Es besteht keine Gefahr, dass da jemand abgeschaltet wird", sagt Martina Totz, Juristin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

2. Hätten E-Plus-Kunden bei einer Übernahme ein Sonderkündigungsrecht?
Nein. "Die reine Übernahme würde an den Verträgen nichts ändern", erklärt Thomas Bradler von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Erst wenn Telefónica E-Plus integriert, könnte es zu Änderungen kommen. "Preise und Leistungen dürfen aber nicht einfach ohne Zustimmung des Verbrauchers geändert werden", sagt der Rechtsanwalt. "Wenn Vertragsbestandteile geändert werden sollen, müsste dem Kunden grundsätzlich ein Widerspruchs- oder Kündigungsrecht eingeräumt werden."

3. Gibt es Erfahrungswerte bei so großen Übernahmen?
"Das gab es schon oft", sagt Andrea Sack, Juristin vom Europäischen Verbraucherzentrum. Sie nennt als Beispiele das Telekommunikationsunternehmen Hansenet (Alice), das Telefónica 2010 übernommen hat, oder Arcor, das bereits 2008 an Vodafone verkauft wurde. Für die einzelnen Kunden habe sich nicht viel geändert: Die alten Verträge seien weitergelaufen und die Leistungen weiter erbracht worden.

4. Was hat Telefónica für Pläne mit E-Plus?
Erst einmal müssen Aktionäre und Wettbewerbshüter der Übernahme zustimmen. Außerdem gilt: "Solange E-Plus eine eigene Gesellschaft ist, bleiben E-Plus-Kunden E-Plus-Kunden", sagte Telefónica-Sprecher Albert Fetsch. "In einem zweiten Schritt gilt es, das neue Unternehmen zu formieren." Ob sich der Unternehmensname und die Preisstruktur nach einem Zusammenschluss ändern werden, ist noch unklar. Auch über die Zukunft der einzelnen Marken sei noch nicht entschieden.

5. Was ist mit Kunden anderer Anbieter im E-Plus-Netz?
Die E-Plus-Gruppe vermarktet längst nicht mehr nur unter eigenem Namen Mobilfunkverträge, sondern auch über zahlreiche Mobilfunkmarken, Tochter- und Servicegesellschaften. Dazu zählen unter anderem Base, Simyo, Blau.de, Ay Yildiz oder Ortel Mobile, aber auch Anbieter wie Aldi Talk (Medion Mobile), NettoKom oder MTV Mobile. Auch hier gilt nach einer Übernahme: "Der Anbieter, bei dem Sie einen Vertrag abgeschlossen haben, bleibt Ihr Vertragspartner", erklärt Martina Totz. Sollen Konditionen geändert werden, muss der Kunde informiert werden.

6. Muss ich ein fusioniertes Netz von E-Plus und O2 hinnehmen?
Kunden könnten natürlich argumentieren, dass sie sich nur des E-Plus-Netzes wegen für ihren Anbieter entschieden haben. "Daraus könnte man theoretisch ein Sonderkündigungsrecht ableiten", sagt Juristin Totz. In der Praxis sei das aber wahrscheinlich nicht durchsetzbar - zumal sowohl E-Plus als auch O2 vergleichbare E-Netze betreiben und O2 im Gegensatz zu E-Plus bereits schnellen mobilen Datenfunk der vierten Generation (LTE) anbietet.