Es muss schnell gehen und alles gleichzeitig erledigt werden: Mails lesen, telefonieren, das Protokoll der letzten Besprechung lesen. Der technische und digitale Fortschritt der vergangenen Jahre hat den Arbeitsalltag extrem verdichtet und schafft einen Druck, den viele Menschen nicht bewältigen können. Die Folge ist ein bedenklicher Anstieg der Krankmeldungen und Frühberentungen aufgrund von psychischen Erkrankungen.

Kann man diese Entwicklung beeinflussen? Dieser Frage widmen sich das Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft und die Schön Klinik Bad Staffelstein bei einem Kongress zum Thema "Gesund bleiben in ungesunden Zeiten - eine Herausforderung, nicht nur für Führungskräfte und Personalverantwortliche". Zwei Tage lang werden Experten nach Antworten suchen, wie Beschäftigte vor den psychischen Folgen der veränderten Arbeitswelt geschützt werden können. Über mögliche Ansätze sprach diese Zeitung vorab mit Michael Svitak, Leitender Psychologe der Schön Klinik und Mitorganisator des Kongresses.

Bei Ihrem Kongress sollen Führungskräfte lernen, wie sie mit ihrer eigenen und der Gesundheit ihrer Mitarbeiter verantwortungsvoll umgehen. Das klingt fast schon ein bisschen zynisch in einer Zeit, in der sich immer mehr Angestellte überfordert fühlen. Wo liegt die Lösung?
Zunächst geht es darum, das Bewusstsein zu schaffen, dass hinter der hohen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Unternehmens Menschen stehen, die täglich eine hohe psychologische und soziale Anpassungsleistung bewerkstelligen. Gedankliche und emotionale Anpassungsprozesse brauchen Zeit und nicht jeder bringt die psychologische Flexibilität mit, das Tempo mitzugehen. Will man psychische Folgen verhindern, muss man wissen, welche psychologischen Bedürfnisse wichtig sind, um seine Mitarbeiter zu schützen.

Welche Bedürfnisse wären das?
Wenn es nicht gelingt, unsere Arbeitsrealität beispielsweise mit den psychologischen Grundbedürfnissen nach Sicherheit, Kontrolle, Anerkennung und sozialer Verbundenheit in Einklang zu bringen, werden Menschen in Unternehmen zunächst unglücklich und schließlich krank. Deshalb ist ausschlaggebend, mit welcher Haltung sich alle Beteiligten diesem grundlegenden Wandel stellen können, um Leistungsfähigkeit und Gesundheit in Einklang zu bringen.

Sie selbst halten einen Vortrag zum Thema "Warum uns Wertekonflikte mehr erschöpfen als die Arbeit". Wie ist das zu verstehen?
Wir setzen oftmals "viel Arbeit" mit Stress in Verbindung. Die meisten Menschen arbeiten jedoch gerne, weil es ihrem Leben Sinn, Struktur, Anerkennung und ein Zugehörigkeitsgefühl gibt. Erschöpfend wird die Arbeit, wenn sie wenig mit meinen persönlichen Werten zu tun hat und zum Beispiel eine Krankenschwester mehr mit Dokumentation und Technik zu tun hat als mit dem Patienten.

Ein großer Punkt im Arbeitsalltag ist Teamwork, ein Begriff, der viel strapaziert und nicht immer optimal umgesetzt wird. Was könnte ein Ansatz sein, das kooperative Potenzial in einem Betrieb besser zu nutzen?
Soziologen sprechen davon, dass die soziale Beschleunigung bereits einen kritischen Punkt übersteigt, so dass wir uns nicht mehr mit anderen "synchronisieren" können. Wir haben zwar mehr Kontakte, aber vereinsamen dabei. Wir verlernen miteinander auszukommen und zusammenzuarbeiten. Das ist ein Problem. Komplexe Aufgaben können in der Regel nur gemeinsam gemeistert werden. Das erfordert Kooperation.

Wie funktioniert Kooperation?
Es gibt universale Merkmale von erfolgreichen und gesunden Teams, die miteinander kooperieren. Zum Beispiel verfolgen Mitglieder erfolgreicher und gesunder Teams dasselbe Ziel und kooperieren, um dieses zu erreichen. In der Arbeitsrealität ist es oft so, dass Teammitglieder eigene Ziele höher werten als das Gruppenziel. Gruppenmitglieder arbeiten dann gegeneinander statt miteinander und es entsteht ein anstrengender Zickzackkurs. Führungskräfte dürfen solche Zustände nicht übergehen, da sie die Gruppenmitglieder krank machen und die Zielerreichung gefährden.

Im Gespräch mit anderen Menschen wird oft deutlich, dass es in Betrieben an wertschätzender Kommunikation mangelt. Wie könnte man diese verbessern?
Auch etwas, was in der Flut von Mails und Terminen leider untergeht und großen Schaden anrichtet. Oft steckt kein böser Wille dahinter, sondern schlicht Überforderung und Unkenntnis. Führungskräfte, die fachlich hervorragend sind, sind nicht immer Kommunikationstalente, die gerne heikle Dinge ansprechen. Rückmeldungen geben, Konflikte lösen, schwierige Themen ansprechen oder Fehlverhalten zurückmelden muss gelernt und geübt werden. Diese Selbsterkenntnis muss jedoch oftmals erst reifen.

Wie würde die Kommunikation im besten Fall ablaufen?
Im besten Fall kann man sich das wie einer eingespielten Segelcrew vorstellen: Jeder kennt das Ziel und seine Rolle und spürt die Verantwortung für die anderen. Die Mannschaft arbeitet eigenverantwortlich, schaut jedoch zum Kapitän, der die Handlungen orchestriert. Das erfordert viel Vertrauen und Achtsamkeit. Ungünstig ist es, wenn die Führungskraft bei Fehlern der Mannschaft diese mit Kritik überrennt, den Kopf in den Sand steckt oder schwierige Aufgaben abnimmt, "weil sie es sowieso nicht können". Solche Reaktionen zerstören die Beziehung und schwächen den Mitarbeiter.

In jüngster Zeit wird gern von Resilienz gesprochen. Können Sie ein paar Tipps geben, wie jeder Einzelne diese Fähigkeit stärken und trainieren kann?
Resilienz bezeichnet die Widerstandskraft, die uns größtenteils von Geburt aus mitgegeben wird. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass er verletzlich auf Änderungen oder Belastungen reagiert, ist gezwungen besser auf sich achtzugeben und aktiv etwas für die eigene Stabilität zu tun. Das fängt damit an, für seinen Körper besser zu sorgen durch ausreichend Schlaf, regelmäßiges Essen und Bewegung. In der Arbeit kann das bedeuten, sich von zu hohen beruflichen Zielen zu verabschieden, die mit hoher zeitlicher Beanspruchung und wenig Freizeit einhergehen. Weitergehende Strategien, zum Beispiel, wie man sich nicht reinziehen lässt in den Stress, werden durch eine moderne Verhaltenstherapie gelernt.


Auch die Konfliktanalyse ist Thema Ihres Kongresses. Welche Ansatzpunkte gibt es da, um Missverständnisse zwischen Führungskräften und Mitarbeitern oder unter Mitarbeitern zu klären und beizulegen?
Missverständnisse, Konflikte und unterschiedliche Interessen werden oft unter den Teppich gekehrt nach dem Motto: wir verstehen uns alle. Wo Menschen zusammen kommen, sind unterschiedliche Standpunkte normal. Sie fragen sich: Warum sollen wir zusammenarbeiten? Was machen die anderen, wenn ich einen Fehler mache? Welche Regeln gelten in dieser Gruppe? Zu welchem Zweck schließen wir uns zusammen? Wer hat in dieser Gruppe etwas zu sagen? Diese Fragen bergen Konfliktpotential und müssen immer wieder transparent gemacht werden. Teamarbeit ist somit eine ständige Arbeit, wahrgenommen Konflikte aufzulösen und der Aktivität der Gruppe die Richtung zu geben. Schwierige Mitarbeiter sind oft diejenigen, die darauf hinweisen, dass diese Fragen noch nicht ausreichend geklärt sind. Man sollte sie ernst nehmen und Konflikte nicht wegdrücken.

Wie steht es um die Achtsamkeit in der Arbeitswelt? Ist das nur eine Modeerscheinung oder könnte es dem Betriebsfrieden dienen, wenn man achtsamer miteinander umgehen würde? Kann man das üben?
Achtsamkeit bezeichnet einem Zustand, in dem ich mit meiner Aufmerksamkeit ganz auf das "Hier und Jetzt" fokussiert bin. Meine Wahrnehmung und Energie ist gerichtet und ich bin kein Durchlauferhitzer für die Millionen von Informationen um mich herum. In einen unachtsamen Modus strömen alle Eindrücke und Informationen ungebremst auf uns ein. Die moderne Arbeitswelt fördert Unachtsamkeit: Hier schnell eine unachtsame Mail, dort schnell eine Gespräch zwischen Tür und Angel.
Achtsamkeit hilft uns, den Wahrnehmungstrichter auf das Wesentliche zu richten und auf das, was wir beeinflussen können: das Hier und Jetzt. Alles andere geht in den Hintergrund und kostet uns damit weniger Energie. Dass Achtsamkeit so stark im Mode ist, ist eher ein Zeichen dafür, dass es so schwer ist, diesen fokussierten und dennoch energieschonenden Zustand im Alltag zu erleben. Die Menschen merken, dass sie diesen Zustand aktiv herbeiführen müssen, da die Informationsflut im Alltag alles andere als dabei hilft achtsam zu bleiben. Millionen Menschen malen in ihrer Freizeit Mandalas aus, da es eine einfache Möglichkeit, ist der Informationsflut zu entkommen und zur Ruhe zu kommen


Der Kongress

Termin Der Kongress "Gesund bleiben in ungesunden Zeiten - eine Herausforderung, nicht nur für Führungskräfte und Personalverantwortliche" findet am 27. und 28. Juni in Kloster Banz (Landkreis Lichtenfels) statt.

Anmeldungen sind bis 20. Juni möglich. Weitere Infos gibt es unter Tel. 0951/93224-36 und im Internet auf der Seite der Schön Klinik Bad Staffelstein oder beim Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft.