Die Deutschen sind in einer anderen, schlagartig veränderten Welt aufgewacht. Donald Trump heißt der 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Man muss diesen Satz einige Mal wiederholen, um ihn wirklich glauben zu können. Ein Mann, den man im Einklang mit den Tatsachen bedenkenlos einen Lügner, Sexisten und weißen Chauvinisten, wenn nicht Rassisten nennen darf, zieht ins Weiße Haus ein. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass Hillary Clinton die bessere, weil sachlich kundigere Präsidentin gewesen wäre.

Aber Clinton ist eben auch die "Ikone des Status quo", wie der Journalist Josef Joffe einmal hellsichtig geschrieben hat. In einem Klima, in dem das Wort vom "Establishment" zum ehrabschneidenden Schimpfwort verkommen ist, untergrub Clintons politische Karriere das Vertrauen der Wähler in sie wohl noch stärker als ihre E-Mail-Affäre. Mit jeder Stimme für Trump haben die Amerikaner das abgewählt, was sie für den verhassten Status quo halten.

Die Wahl entschied sich an den Fragen von materieller und symbolischer Macht, von Arbeitsplätzen und Identität. Die Wahl ist der vielleicht letzte Triumph der weißen Amerikaner. Ihre Zahl und damit auch ihre politische und kulturelle Hoheit hat ihren Zenit längst überschritten. Genügend viele Weiße fühlen sich offenbar schon jetzt fremd im eigenen Land und von den mehrheitlich liberalen Eliten nicht mehr repräsentiert.

Trump machte all den Zornigen, Frustrierten und Zurückgelassenen ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnten: Wer wollte, durfte seinen Wahlspruch "Make America great again" als "Make America white again" interpretieren. Vor allem die weiße Arbeiterklasse empfindet sich als Opfer von Globalisierung, Einwanderung und einer neuen Wirtschaftsordnung, in der klassische Industriejobs zunehmend denen in der Dienstleistungs- und Digitalindustrie weichen.

Vielleicht hat sich die Linke in den USA zuletzt zu sehr um die Identitätspolitik gekümmert. Die ausgebauten Rechte für Frauen, ethnische und sexuelle Minderheiten sind ausnahmslos zivilisatorische Errungenschaften. Die Wahl Trumps legt aber nahe, dass die mehrheitlich globalisierungs- und freihandelsfreundlichen Linken darüber die Fragen der sozialen Gerechtigkeit vernachlässigt haben könnten. Zwar verliert Amerika nicht an Wohlstand. Der Wohlstand aber wird anders - in den Augen vieler schlicht und ergreifend ungerechter - verteilt. Diesem Umstand haben weder Obama noch Clinton genügend Rechnung getragen.

Im besten Fall ist Demokratie ist das Gespräch einer Nation mit sich selbst. Davon konnte in den USA aber schon in den vergangenen Jahren keine Rede mehr sein. Offenbar hat auch die digitale Revolution die Grundlagen unserer politischen Kultur schon tiefer umgepflügt, als das die meisten wahrhaben wollen. Das Internet und die sozialen Netzwerke erlauben es ihren Nutzern, lediglich mit jenen Meinungen und Tatsachensimulationen konfrontiert zu werden, die dem eigenen Weltbild entsprechen. Eine Gesellschaft, selbst die politischen Eliten verlernen so aber den notwendigen Umgang mit abweichenden Meinungen und Lebenswirklichkeiten. Auch in Deutschland muss dies die Parteien alarmieren und die Medien zur Verantwortung rufen. Letztere sind gefordert, eine größere Bandbreite an Meinungen, mehr Debatten und Kontroversen zulassen.

Amerika wird unter einem Präsidenten Trump unberechenbarer werden. Bis zum Beweis des Gegenteils stehen Amerika und Europa zwar weiter auf einer Seite. Sie teilen dieselben Werte und Normen, so sehr diese zuletzt von Trump auch mit den Füßen getreten worden sein mögen. Aber Europa sollte dessen Sieg endlich zum Anlass nehmen, sich gerade in außen-und sicherheitspolitischen Fragen stärker von den USA zu emanzipieren. Es hilft ja nichts: Donald Trump bezieht das Weiße Haus. Je schneller sich alle an diesen Gedanken gewöhnen, desto besser.