Fünf Freunde, Benjamin Blümchen, TKKG und Bibi Blocksberg: Fast jeder hat als Kind diese Hörspiele geliebt - und liebt sie teilweise immer noch. Grund genug für eine Gruppe von Wissenschaftlern, an der Uni Kassel eine Ringvorlesung zum Thema Kinderhörspiele zu organisieren. Dozent Oliver Emde, 30, ist einer der Initiatoren.

Herr Emde, wie ist die Idee zu dieser Vorlesung entstanden?
Oliver Emde: Das hat nostalgische Gründe. Lukas Möller, Andreas Wicke und ich haben Hörspiele in der Kindheit gehört. Ich persönlich besitze knapp 2000 und höre sie immer noch gerne zum Einschlafen. Und wenn man dann als Erwachsener feststellt, dass der Bürgermeister bei Benjamin Blümchen immer als grenzdebil und egoistisch dargestellt wird oder, dass bei den Fünf Freunden häufig die Zigeuner an allem schuld sind, dann stellt man sich als Wissenschaftler irgendwann ein paar Fragen.

Wie beliebt ist die Vorlesung?
Sehr beliebt. Es gibt mehr Anfragen, als wir bedienen können. Meiner Meinung nach ist das nicht überraschend. Nehmen wir das Phänomen "Die drei ???". Da füllen die Sprecher regelmäßig Arenen mit 30 000 Zuschauern. Und für unsere Lehramtsstudenten ist es ein Anreiz, Hörspiele in unterschiedliche Disziplinen kennenzulernen und die Ergebnisse eventuell in den Unterricht einzubauen.

Gibt es bei Kinderhörspielen denn so viel Wissenschaftliches zu entdecken?
Durchaus. Und wir sind ja nicht die ersten. Der Politikwissenschaftler Gerd Strohmeier hat vor zehn Jahre einen Artikel über Benjamin Blümchen veröffentlicht. Er kommt zu dem Schluss, dass das Hörspiel nicht mehr gehört werden sollte, weil man ein schlechtes Bild von Politikern bekommt und linksradikale Bürger sozialisiert werden.

Das hört sich ja dramatisch an.
Die Deutungen fallen je nach Schwerpunktsetzung unterschiedlich aus. Bei uns wurde beispielsweise aus Sicht der "Human Animal Studies" analysiert, wie das Verhältnis des Zootiers Benjamin Blümchen zu den Menschen aussieht. Oder es wurde untersucht, wie fremde Kulturen dargestellt werden, wenn Benjamin nach Afrika reist. Da wurden teils fatale Dinge herausgefunden.

Bei Ihnen kommt Benjamin aber ziemlich gut weg.
Ja, das stimmt. Ich bin der Meinung, dass bei Benjamin eine fundierte Kritik an institutionalisierter Politik und dem Einfluss der Wirtschaft geübt wird. Dass man Widerstand leisten kann

und Ungerechtigkeiten benennen sollte. Benjamin ist ein echter Widerständler, ein empörter Aktivist, eine Art Wutbürger. Er setzt sich auf Bäume, damit diese nicht gefällt werden. Er blockiert Autobahnen, damit eine Umgehungsstraße gebaut wird. Ein klarer Aufruf für die Beteiligung an sozialer Demokratie.

Ist Bibi Blocksberg eine ähnliche Figur?
Nicht wirklich. Kollegin Kerstin Wolff hat herausgefunden, dass sich Bibi zwar an Gerechtigkeitsidealen orientiert. Die Familie verharrt aber stark in den Rollen der 80er-Jahre. Die Hexen könnten viel bewirken, übernehmen aber meist klassische häusliche Aufgaben wie Essen zubereiten oder Geschirr spülen. Es geht darum, sich nicht allzu sehr von den normalen Menschen zu unterscheiden.

Das kann man sich bei Bibi gar nicht vorstellen.

Es ist aber meist so. Ein Beispiel: Die Familie will umziehen und Bibi versucht mit Mutter Barbara, ein Haus zu hexen. Das geht völlig schief. Das Ende vom Lied: Es ist Vater Bernhard, der zur Bank geht, der einen Kredit aufnehmen und die Handwerker bestellen muss. Das hat uns alle schon überrascht. Wir hatten erwartet, dass Bibi, ähnlich wie Pippi Langstrumpf, mehr die Welt verändern will.

Pippi ist also eine Revoluzzerin?
Ja. Pippi ist ein emanzipiertes und autonomes Subjekt. Sie lehnt sich gegen Ungerechtigkeit auf. Sie hinterfragt viel und fordert die Obrigkeit heraus. Ganz im Gegenteil übrigens zu ihren Freunden Tommy und Annika, die sich fast immer gesellschaftskonform verhalten.

Inwieweit denken Autoren überhaupt so weit? Es sind doch primär Geschichten für Kinder.
Eine schwierige Frage. Beispielsweise haben wir bei TKKG mit Rolf Kalmuczak jemanden, der immer betont hat, dass er als Autor mit seinen Hörspielen auch einen pädagogischen Auftrag verbindet - in seinem Fall einen konservativen. Bei TKKG werden meist diejenigen zu Verbrechern, die nicht aus dem bürgerlichen Umfeld kommen. Wenn jemand ein Bier trinkt, ist er schon auf der bösen Seite. Ebenso, wenn jemand körperliche Auffälligkeiten hat, beispielsweise Narben im Gesicht oder einen slawischen Akzent.

Die erfolgreichste Hörspielreihe aller Zeiten, "Die drei ???", fehlt in ihrem Buchband. Warum?
Die Figuren sind weitaus komplexer gezeichnet. Da fiel es uns schwer, ein Thema zu finden. In diesem Sommersemester hatten wir sie aber endlich dabei: Ein Kriminologe hat unterschiedliche Verbrechertypen herausgearbeitet. Und gendertheoretisch wurden die Detektivgeschichten aus Rocky Beach mit der Serie "Die drei !!!" verglichen.

Besteht jetzt nicht die Gefahr, dass Eltern in Zukunft die Hörspiele ihrer Kinder gesellschaftskritisch durchforsten?
Das können sie ruhig machen, ist aber überhaupt nicht unser Anspruch. Wir wollen vielmehr aufzeigen, dass in Kinderhörspielen bestimmte Normen und Wertvorstellungen transportiert werden. Wie das alles rezipiert wird, wissen wir nicht. Aber es kann sicherlich nicht schaden wenn Eltern thematisieren, warum beispielsweise Gaby von TKKG bei den spannenden Dingen nie dabei sein darf und praktisch nur eine Funktion hat: ein braves Mädchen zu sein. Das Gespräch führte Christian Pack




Das Buch zur Vorlesung

Was ist uns von den Helden unserer Kindheit verborgen geblieben? Handelt es sich bei Benjamin Blümchen um einen ökologisch-bewegten Wutbürger, ist Pippi Langstrumpf das Versprechen einer Erziehung nach Auschwitz?

Diese und ähnliche Fragen beantworten die Autoren des Bandes "Von Bibi Blocksberg bis TKKG - Kinder- und Jugendhörmedien aus der Sicht der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften". Dabei interpretieren sie ihr jeweiliges Hörspiel vor dem Hintergrund eigener Forschungsschwerpunkte.