Es ist ein warmer Samstag in Bad Säckingen, die Sonne hat zahlreiche Passanten in die Fußgängerzone gelockt. Die Menschen essen Eis, bummeln durch die Straßen - doch die Idylle in der Kurstadt wird jäh unterbrochen: Kurz nach 12.00 Uhr verliert ein 84-Jähriger die Kontrolle über sein Auto und rast in eine Menschenmenge vor einem Straßencafé. Der Mann hatte statt der Bremse das Gaspedal durchgedrückt. Der tragische Unfall kostet zwei Menschen das Leben, viele weitere werden zum Teil schwer verletzt.

Die Fußgängerzone der kleinen Stadt nahe der Schweizer Grenze verwandelt sich daraufhin in ein Einsatzzentrum. In den schmalen Gassen, in denen Passanten kurz zuvor noch den Vormittag genossen haben, stehen nun Polizeibeamte, Feuerwehrleute, Sanitäter und ein Kriseninterventionsteam aus dem nahegelegenen Waldshut. Über Bad Säckingen fliegen mehrere Rettungshubschrauber, zahlreiche Sirenen sind zu hören.
Erst nach und nach wird auch der Hergang des Unfalls klarer: Ein Fahrfehler sei die Ursache, heißt es bei der Polizei. Das Auto des 84-Jährigen habe stark beschleunigt und mehrere Tische auf der Terrasse des Cafés umgefahren. Warum der 84-Jährige in der Fußgängerzone unterwegs war, ist noch unklar. Nach derzeitigem Stand habe er dafür auch keine Berechtigung gehabt, sagte ein Polizeisprecher.

Eine 63 Jahre alte Frau wird bei dem Unfall tödlich verletzt, ein Mann erliegt später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Insgesamt seien 13 Menschen in Krankenhäuser gebracht worden, sagt ein Polizeisprecher. Auch der 84-Jährige sei in Behandlung.

Um die Unfallstelle hätten mehrere Menschen gestanden, die auf ihrem Handy Nachrichten geschrieben oder telefoniert hätten, berichtet ein Augenzeuge. "Bei fast jedem war der erste Satz, wenn er ranging: Ja, bei mir ist alles okay."

Die Ecke, an der sich der Unfall ereignete, wird von den Einsatzkräften mit einem Bauzaun und einer blauen Plane abgeschirmt. Als ein Sarg in einen goldfarbenen Wagen gebracht und abtransportiert wird, halten rund 40 Feuerwehrleute braune Decken als Sichtschutz in die Höhe.


Testfahrten für ältere Autofahrer?

Das Thema Fahrtüchtigkeit im Alter wird in Deutschland immer wieder kontrovers diskutiert. Erst kürzlich hatten Experten Testfahrten für ältere Autofahrer gefordert - gesetzlich verpflichtend und mit geschulten Beobachtern. Solche Überprüfungen seien aufschlussreicher als medizinische Tests. Handlungsbedarf gebe es, weil die Zahl älterer Fahrer wegen der demografischen Entwicklung stark zunehmen werde, hieß es Ende Januar von der Unfallforschung der Versicherer.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte generellen Fahrtests für ältere Autofahrer jedoch damals eine Absage erteilt. "Pflichttests für Senioren am Steuer wird es nicht geben", sagte der CSU-Politiker der "Bild am Sonntag". Sicheres Autofahren habe nichts mit dem Alter zu tun, deshalb sei die Fahrtüchtigkeit höchstens freiwillig zu prüfen. Dobrindt verwies demnach auf aktuelle Unfallstatistiken: Die Altersgruppe ab 65 Jahren verursache trotz ihres weit höheren Bevölkerungsanteils weniger Unfälle als die der 18- bis 24-Jährigen.

Von Kathrin Drinkuth, dpa



Hintergrund: Autos rasen in Menschengruppen

Absicht, Alkohol, Krankheit, Fahrfehler - aus unterschiedlichen Gründen haben Fahrer wie jetzt im südbadischen Bad Säckingen Autos schon in Menschengruppen gesteuert. Einige Beispiele:

April 2015: Nach dem Zusammenstoß mit einem anderen Wagen schleudert ein Auto vor der Bayerischen Staatsoper in München auf den Gehweg und erfasst mehrere Passanten. Es gibt eine Tote und zwei Schwerverletzte.
November 2014: Beim Überholen eines Busses in Berlin kollidiert ein Wagen mit einem anderen Auto und schleudert auf einen Gehweg. Dort werden sieben Fußgänger verletzt.
März 2011: Nach einem epileptischen Anfall rast ein Mann in Hamburg über eine rote Ampel in eine Fußgängergruppe. Vier Menschen sterben, darunter der Schauspieler Dietmar Mues und der Sozialwissenschaftler Günter Amendt.
Mai 2010: Ein 20-Jähriger ohne Führerschein fährt mit dem Wagen seines Chefs in Friesoythe (Niedersachsen) in eine Menschenmenge und verletzt 20 Fußgänger. Bei der Fahrt hat er zwei Promille Alkohol im Blut, sein betrunkener Chef sitzt auf dem Beifahrersitz.
Mai 2010: Am Hamburger Hauptbahnhof rast ein 73-Jähriger beim Ausparken ungebremst in eine Fußgängergruppe. Ein Vierjähriger wird getötet, dessen Mutter und Onkel verletzt.
Juli 2006: Während der Fußball-WM fährt ein geistig verwirrter 34-Jähriger in Berlin mit seinem Wagen in die Menschenmenge auf der Fanmeile am Brandenburger Tor. 26 Passanten werden verletzt.
Juli 2006: In München erleidet ein Mann am Steuer anscheinend einen Anfall und verliert die Kontrolle über seinen Wagen, der über die Außenterrasse eines Cafés fährt. Sechs Menschen werden verletzt.
Juni 2003: In Düsseldorf donnert ein betrunkener Autofahrer in der Innenstadt mit seinem Wagen über die Außenterrassen von zwei Straßencafés. Zehn Menschen werden verletzt.