Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deutschen aufgerufen, Chancen der Einwanderung zu nutzen und Schwierigkeiten zugleich offen anzusprechen. "Es gibt ein neues deutsches Wir, die Einheit der Verschiedenen", sagte Gauck am Donnerstag in Berlin bei der Einbürgerung von 23 neuen Bundesbürgern. Er fügte aber hinzu: "Probleme dürfen nicht verschwiegen werden, weil die falsche Seite applaudieren könnte." Laut Statistischem Bundesamt zogen 2013 rund 1,226 Millionen Menschen nach Deutschland - so viele wie seit 20 Jahren nicht.
Im Schloss Bellevue überreichte Gauck den 23 Neu-Bürgern aus mehr als einem Dutzend Herkunftsländern die Einbürgerungsurkunden und eine Ausgabe des Grundgesetzes. Die Feierstunde war Teil der Veranstaltungen zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes, das am 24. Mai 1949 in Kraft trat.

Nach offiziellen Angaben kamen die meisten Zuwanderer 2013 aus der Europäischen Union (EU). Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatte am Dienstag mitgeteilt, Deutschland sei zu einem der beliebtesten Einwanderungsländer weltweit geworden. Die Bundesrepublik liege hinter den USA erstmals auf Platz zwei.

Gauck nannte es angesichts dessen, dass jeder fünfte Bundesbürger inzwischen familiäre Wurzeln im Ausland habe, skurril, "wenn manche der Vorstellung anhängen, es könne so etwas geben wie ein homogenes, abgeschlossenes, gewissermaßen einfarbiges Deutschland". Er fügte hinzu, "Alt-Deutsche wie Neu-Deutsche" sollten sich tolerant begegnen - "als Gleiche und doch Verschiedene". Vielfalt solle nicht gefürchtet, sondern zukunftsorientiert bejaht werden.

Er wünsche sich einen Alltag, in dem das Eigene geachtet und dem Anderen Raum gegeben werde. "Wer seine eigenen kulturellen Werte gering schätzt, wird kaum von Anderen Respekt dafür erhalten", sagte Gauck. "Wir wollen nicht, dass Kindergärten aus falsch verstandener Rücksicht auf Sankt-Martins-Umzüge verzichten oder Belegschaften die Weihnachtsfeier in "Jahresabschlussfeier" umtaufen."

Positiv äußerte sich Gauck zur doppelten Staatsbürgerschaft, die einige der Anwesenden nun besäßen. Dies sei "Ausdruck der Lebenswirklichkeit einer wachsenden Zahl von Menschen".
Der Bundespräsident wünschte sich eine gelassene Debatte über Probleme, die mit der Einwanderungsgesellschaft auch verbunden seien. Als Beispiele nannte er Ghettobildung, Jugendkriminalität, patriarchalische Weltbilder, Diskriminierung von Homosexuellen, Sozialhilfekarrieren und Schulschwänzer. "Gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, mit Kritik an diesen Phänomenen nicht ganze Gruppen zu stigmatisieren."

Gauck machte aber auch klar: "Es kann keine mildernden Umstände geben für kulturelle Eigenarten, die unseren Gesetzen zuwiderlaufen." Es müsse "null Toleranz" gegenüber jenen gelten, die den Grund der Verfassung verließen.

Die Rede Gaucks wurde von Integrationsverbänden und Politikern begrüßt. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir sagte, Gauck habe den richtigen Ton getroffen. Er begegne dem Thema unaufgeregt und mit viel Vernunft. "Eine multikulturelle, bunte Gesellschaft ist in Deutschland längst Realität und Normalität geworden."

Die Junge Islam Konferenz sprach von einer "richtungsweisenden Botschaft". Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte sei es "befreiend, dass hier mit einem homogenen und einfarbigen Deutschland aufgeräumt wird". Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration nannte die Rede "wegweisend". Der Rat für Migration begrüßte es, dass Gauck den Blick auf die gesamte Gesellschaft richte und nicht auf die Migranten allein. Der Bundespräsident habe "eine sehr versöhnliche und selbstkritische Rede gehalten", sagte Gökay Sofuoglu, der Co-Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschland der "Stuttgarter Zeitung".