Im Kultusministerium hat man dazugelernt. Zumindest wenn es um den Zeitplan für die Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums geht. Schnellschüsse soll es künftig nämlich keine mehr geben. Statt dessen setzt die Politik auf Dialog mit den Betroffenen.

Und auf ein künftiges Nebeneinander der beiden Gymnasialformen G 8 und G 9. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) erläuterte gestern in München Einzelheiten der Gymnasialpläne des Kabinetts.
So sollen die einzelnen Schulen völlig frei entscheiden können, ob sie ab dem Schuljahr 2018/2019 oder auch später auf ein neunjähriges Modell wechseln, oder auch die beiden Varianten parallel anbieten. Unklar blieb, wieviele Lehrer zusätzlich benötigt werden. Sowohl für die G 8 als auch für die G 9-Variante soll der gleiche Lehrplan gelten, bei unterschiedlicher Verteilung.

Spaenle stellt sich folgenden Zeitplan vor: Anfang September soll in den Dialog mit den Verbänden zur konkreten Ausgestaltung der Pläne eingetreten werden. Endgültige Entscheidungen werden spätestens Anfang 2017 erwartet. Danach erfolgt der Gesetzgebungsprozess, abzuschließen bis zu Beginn des Schuljahres 2017/2018. Die Gymnasien hätten dann ein Jahr Zeit, in dem sie sich über den einzuschlagenden Weg klar werden könnten.
Unabhängig von der Gymnasialform sollen laut Spaenle künftig die folgenden Eckpunkte für alle verbindlich sein:

1. Das Gymnasium verfügt auch künftig über einen einheitlichen Fächerkanon und Lehrplan.

2.Es gibt eine zweijährige Qualifikationsphase der Oberstufe und eine Abiturprüfung mit denselben Bedingungen und Qualitätsanforderungen.

3.
Nach der Jahrgangsstufe 10 wird einheitlich die Mittlere Reife verliehen.

4. Innerhalb des einheitlichen Rahmens mit einer Grundkonzeption von acht Jahren wird eine langfristig tragfähige Lösung am besten dann erzielt, wenn das Gymnasium vor Ort über sein Lernzeitangebot bestimmen kann.
Angesichts der Heterogenität der Schülerschaft, sollen deshalb auch Instrumente zur Lernzeitverlängerung zum Tragen kommen. Das heißt, G 8 oder G 9 ist möglich.

5. Über das Ob und das Wann entscheidet jede Schule selbst.
Der Kultusminister machte abschließend klar, dass "das Ziel des bayerischen Gymnasiums ambitioniert bleibt. Die jungen Menschen sollen hier Studierfähigkeit, vertiefte Allgemeinbildung, Reflexionsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein erwerben. Dazu bedarf es einer hohen Qualität gymnasialer Bildung. Diesem Anspruch werden wir gerecht."


Kommentar von Klaus Angerstein: "Nicht der große Wurf"

Das achtjährige Gymnasium einfach so in die Tonne treten, das ging natürlich nicht. Das hätte ja bedeutet, dass man die vergangenen Jahre mit seiner gymnasialen Bildungspolitik in Bayern total daneben gelegen hätte. Die Reaktion von Schülern und Eltern auf das Pilotprojekt "Mittelstufe plus" belegt aber genau das. Mehrheitsfähig ist G 8 noch nie gewesen. Nicht nur in Bayern. Das, was Ludwig Spaenle jetzt einer interessierten Öffentlichkeit verkauft, den Parallelbetrieb von G 8 und G 9, sorgt bereits in Hessen für Irritation. In Niedersachsen ist man inzwischen wieder reumütig zu G 9 zurückgekehrt.

Das heißt: G 8 ist auch bundesweit wieder auf dem Rückzug. Inwieweit ein Nebeneinander von Kurzzeit- und Langzeitform Sinn macht, darf bezweifelt werden. Für ein "alles für alle" an jedem Standort fehlen die Möglichkeiten. Sagt selbst der Kultusminister unter Vermeidung der dann eigentlich logischen Konsequenz - der flächendeckenden Wiedereinführung von G 9.

Genau das fordert auch der bayerische Philologenverband. Aus gutem Grund. Wir brauchen kein durch Flexijahre und Parallelstrukturen zerrissenes bayerisches Gymnasium, statt dessen einheitliche Strukturen und ein für jede Klassenstufe gemeinsames Bildungsziel. Die unselige Diskussion der letzten Jahre über G 8 oder G 9 hat nämlich den Blick völlig dafür verstellt, dass es bei der Gymnasialbildung nicht nur um Strukturen, sondern auch um Inhalte und Qualität geht. Diese Qualität bemisst die Politik derzeit daran, wie hoch die Abiturquote je Jahrgang ist. Angesichts der Tatsache, dass hinter der Studienberechtigung immer häufiger keine Studienbefähigung mehr steht, nichts als populistischer Unfug. Ludwig Spaenles Pläne fürs Gymnasium - sie sind nicht der große Wurf.

Reaktionen

"Jetzt ist nur klar, dass gar nichts klar ist"

Lehrer- und Elternverbände sehen Probleme und Benachteiligung. So fürchtet der Landesvorsitzende des Bayerischen Elternverbands, Martin Löwe, bei einem Nebeneinander von G 8 und G 9 könnten kleinere Gymnasien benachteiligt sein, weil sie die Kurz- und die Langform nicht gleichzeitig anbieten könnten. Größere Schulen, die zweigleisig fahren könnten, würden dann mehr Zuspruch erhalten.

Auch die Präsidentin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), Simone Fleischmann, zeigt sich nicht glücklich mit der G8/G9-Lösung. Ihr Ziel: Ein Gymnasium, das jedes Kind mit seinen individuellen Stärken und Schwächen in den Mittelpunkt stellt. Derzeit erarbeite der BLLV gerade ein Eckpunkte-Papier, das im Herbst vorgestellt werden soll. Rechtzeitig also, um es im Dialogprozess dem Kultusminister präsentieren zu können.

Kritik an den Spaenleplänen kommt auch von der Opposition im Landtag. Für den SPD-Bildungsexperten Martin Güll klingen Spänles Vorstellungen "verdammt nach Chaos". Thomas Gehring, bei den Grünen für Bildung zuständig, plädiert für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Spaenles Aufgabe bestehe darin, klare Rahmenbedingungen für Schulen zu schaffen. Jetzt sei nur klar, "dass beim Gymnasium gar nichts klar ist". Die Freien Wähler plädieren zwar auch für Wahlfreiheit, wünschen sich aber Konzepte für G 8 und G 9 - und keine Mittelstufe plus.

Philologenverband

Die Position des Bayerischen Philologenverbands ist klar. Dessen Vorsitzender Max Schmidt weist darauf hin, dass Bayerns Schüler, Eltern und Lehrer von der Politik erwarten, dass jeder Gymnasiast im Freistaat die Chance erhält, einen neunjährigen Bildungsgang an dieser Schulart absolvieren zu können. Grund: Der Pilotversuch "Mittelstufe Plus" erweist sich als durchschlagender Erfolg. An den betroffenen 47 Gymnasien entschieden sich inzwischen zwei Drittel der Schüler für die längere Variante.
Nächste Forderung: Veränderungen sollten wohlüberlegt und ohne Hast durchgeführt werden. Also ohne die Hektik, mit der
G 8 durchgepaukt wurde. Das Ziel: ein grundsätzlich neunjähriges Gymnasium, in das ein achtjähriger "Schnellzug" integriert wird.

Umfrage

Mehrheit für G 9

Nicht nur eine Mehrheit der betroffenen Schüler und Eltern ist für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium - G 9 wird von einer Mehrheit der bayerischen Bevölkerung favorisiert. Vom 27. Mai bis 1. Juni hatte das Meinungsforschungsinstitut GMS im Auftrag von Sat. 1 Bayern 1021 Menschen im Freistaat telefonisch zur bevorzugten Dauer der gymnasialen Ausbildung befragt. 59 Prozent der Befragten sprachen sich dabei für das G 9 aus, 34 Prozent für die Beibehaltung des achtjährigen Gymnasiums. Sieben Prozent machten keine Angaben. ang