Doch nicht weniger als die Zivilisation selbst sieht Sarrazin in Gefahr. Größte Bedrohung ist nach Ansicht Sarrazins ein um sich greifender Gleichheitswahn, der abweichende Meinungen zwar nicht völlig verhindern, aber doch gesellschaftlich unmöglich machen könne. Auf Unterschiede und Ungleichheiten etwa zwischen Kulturen hinzuweisen, sei nicht opportun heutzutage und wer es tue, bekomme es mit der geballten Macht der Medien und der Politik zu tun.

Wichtigstes Opfer und erster Kronzeuge dieses Terrrors, der natürlich von links kommt, ist Sarrazin selbst. Die Rezeption seines ersten Buches "Deutschland schafft sich ab” aus dem Jahr 2010 ist in großen Teilen seines jüngsten Buches hauptsächlicher Gegenstand der selbstmitleidigen Betrachtung. Die teils heftigen Reaktionen scheinen Thilo Sarrazin zutiefst gekränkt zu haben, denn der Ton in "Der neue Tugendterror" ist an vielen Stellen beleidigt, er habe ja schließlich nur Fakten aufzeigen wollen.

Sarrazins Ärger über falsche Zitate und überzogene Vorwürfe ist verständlich, doch fällt auf, dass er sich nicht nur dagegen verwehrt. Der ehemalige Finanzsenator Berlins ätzt gar gegen die Aussage Friedrich Kramers, des Direktors der Evangelischen Akademie in Wittenberg, Fakten alleine sagten gar nichts, am Ende komme es darauf an, was man mit den Fakten sagen möchte. Was Sarrazin an dieser Stelle des Buchs als Rechtfertigung für Gesinnungsentscheidungen hinstellt, ist letztlich nichts als die Grundlage aller Wissenschaften, nämlich vorliegende Fakten zu interpretieren. Dabei kann man zu unterschiedlichen Ansichten kommen, zugegeben.

Das nennt man Diskurs, auch wenn der nicht recht in das Weltbild eines Thilo Sarrazin passt. Eigentlich seltsam, soll "Der neue Tugendterror" doch eigentlich eine flammende Fürsprache für die bedrohte Meinungsfreiheit sein.

Fakten - und dann?

Durch das gesamte Buch zieht sich dann auch ein roter Faden: Sarazin stellt Fakten zusammen, die für sich genommen zum Teil richtig, zum Teil diskutabel, weil verkürzt sind, weigert sich aber meist standhaft, Schlüsse zu ziehen. Er konstatiert zwar, dass Fakten für sich sprechen, doch macht er es sich damit sehr einfach.

Die Schlussfolgerungen überlässt er damit vor allem all jenen, die dankbar schon "Deutschland schafft sich ab" benutzt haben, um rechtspopulistische Hetze gegen Einwanderer und speziell Muslime zu betreiben. "Endlich sagt es mal einer" - diese Worte klingen noch in den Ohren nach und sollten auch Herrn Sarrazin zur Warnung gereichen, dass Fakten eben nicht für sich sprechen. Doch die teils krude Beugung seiner dargestellten Fakten durch Rechtspopulisten scheint den Autor nicht so sehr zu stören wie die durch seine Kritiker. Die haben ihm ja aber auch keinen Honig ums Maul geschmiert und Kritik hört man nicht so gern, manch einer tut sich damit schwerer als andere.

Warum man Fakten nicht einfach aufreihen kann und dann von ihnen erwartet, dass sie einen unverrückbaren Sinn ergeben, zeigt sich daran, dass allein die Auswahl und Zusammenstellung oft - gewollt oder ungewollt - einen ganz eigenen Subtext transportiert.
An vielen Stellen von "Der neue Tugendterror" werden zwei Tatsachen, Zitate oder Begebenheiten nebeneinander gestellt, die auf den ersten Blick nicht wirklich etwas miteinander zu tun haben. Bei genauerer Betrachtung drängt sich der Verdacht auf, der eine Fakt soll den anderen in ein schiefes, ja anrüchiges Licht rücken.

So führt er etwa die Aussage des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel an, der im Juli 2013 eine Parallele zwischen Sarrazins Aussagen zur Erblichkeit von Intelligenz und Auschwitz gezogen hat. Diesem zugegebenermaßen überzogenen Vergleich folgt der Hinweis, Gabriel habe sich in der gleichen Veranstaltung eine Tagesschau-Sprecherin mit Kopftuch gewünscht. Die erste Aussage soll in ihrer Absurdität auf die zweite ausstrahlen und diese damit diffamieren. Diese Art der "Argumentation" ist ein unlauteres Vorgehen, verborgen hinter dem Feigenblatt der unwiderlegbaren Tatsachen.

Ebenso ist die inhaltlich unnötige Bezeichnung Frank Deckers, Professor für Politologie in Bonn, als ein von Steuergeldern ernährter und beamteter "Experte". Der Professor hatte Sarrazin als Rechtspopulisten bezeichnet, was diesen so stört, dass er hier wohl beim Leser bekannte Ressentiments gegen Beamte heraufbeschwören will. Damit auf angeblich inhaltlose Beschimpfung zu reagieren, besitzt eine ganz eigene Ironie.

Von der Kanzel herab

Als gelehrter Verbreiter von Fakten verfällt Thilo Sarrazin während des gesamten Buchs immer wieder in den oberlehrerhaften Ton eines Predigers, der es einfach besser weiß. Schließlich sind Fakten unwiderlegbar und sprechen für sich.

Das sollte stutzig und skeptisch machen, denn, wie schon der französische Schriftsteller André Gide gesagt hat: "Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben." In diesem Sinn erscheint es umso unlauterer und unangenehmer, wenn Thilo Sarrazin im Herzstück seines Buchs, den "Vierzehn Axiomen des Tugendwahns" zuerst die von ihm kritisierten Positionen darstellt und ihnen dann stets die Antwort unter der Überschrift "Die Wirklichkeit" entgegenstellt.

Nicht nur, dass die angeblichen Positionen des Tugendwahns so überspitzt formuliert sind, dass sie als advocatus diaboli kaum mehr ernst zu nehmen sind, ihnen wörtlich entegegenzusetzen, man wisse die Wahrheit, ist nicht einmal mehr fragwürdig, sondern schlicht unverschämt.

Der Feind steht links

Darüber hinaus lässt sich Thilo Sarrazin in seinem Buch immer wieder zu Pauschalisierungen hinreißen, die all jene treffen, die angeblich all jene (also vor allem Sarrazin selbst) verfolgen, die entgegen des Mainstreams die mahnende Stimme der Wahrheit erheben.

Da werden Journalisten - denen Sarrazin vor allem Unwissenheit attestiert, die an ihrer meist geisteswissenschaftlichen Prägung liege - über einen Kamm geschert. Überhaupt sind bei Sarrazin Medien und Politik ein gemeinsamer Sumpf, der sich verschworen hat, die Gleichheit aller und eines jeden zu propagieren.

Außer Acht lässt der Autor, dass der durchaus kritikwürdige Gleichklang großer Medien zu manchem Thema weniger einer Verschwörung geschuldet ist als vielmehr Zwängen und Nöten einer sich verändernden Medienwelt, in der Unterschied zuweilen dem Tempo und Eigenrecherche betriebswirtschaftlichen Argumenten geopfert werden.

Da ist er wieder, der linke Zeitgeist, wie er gerne von den Matusseks und Broders propagiert wird. Auch Sarrazin beschwört das Schreckgespenst einer linkslastigen Journallie, welche die Politik zu Entscheidungen drängt, wie sie nur "Gutmenschen” treffen. Den festen Boden des Diskurses hat Sarrazin da längst verlassen. Er fabuliert von einer Tradition, die von Rousseau über Marx bis in die Sowjetunion und zurück in unsere Gesellschaft führe und nicht weniger als etwa die Vernichtung der bürgerlichen Ehe zum Ziel habe.

Überhaupt ist Sarrazin kein Vergleich zu klein, keine historische Dimension zu dick aufgetragen. Um die Ungleichheit als naturgegeben zu rechtfertigen, ist sich Sarrazin auch nicht zu schade, phsyikalische Phänomene wie etwa das Zusammenspiel zwischen Über- und Unterdruck in einem Kolbenmotor als Argumentationsgrundlage heranzuziehen. Hier führt er seine angeblich so wissenschaftliche Herangehensweise selbst ad absurdum, eine Erwiderung ist kaum notwendig.

Viel Lärm um nichts

Man täte Thilo Sarrazin Unrecht, würde man ihn als rechtslastigen Brandstifter zu einer Bedeutung erheben, die ihm gar nicht zukommt. Schon gar nicht mit einem Buch, das nur wegen des gekränkten Mütchens eines Autors existiert, der Gegenwind in der öffentlichen Debatte bekommt. David Hugendick fragte in der "Zeit” kürzlich ganz richtig: "Was will der Mann eigentlich?” Die Antwort bleibt das Buch schuldig.

So ist es auch wenig dienlich, in Empörung oder gar Hysterie angesichts des neuen Werks zu verfallen. Demonstrationen, die zur Absage einer Veranstaltung mit Thilo Sarrazin führen, sind nicht zielführend und sind nur Wasser auf den Mühlen all jener, die dadurch Sarrazins Fata Morgana vom Gleichheits- und Tugendterror bestätigt sehen.

Wer sich in bester Katastrophenfilm-Manier gruseln will, findet in "Der neue Tugendterror” reichlich absurde Unterhaltung. Sucht man einen sachlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs, wird man leider enttäuscht. Wenn Sarrazins Buch eines zeigt, dann, dass es um die Meinungsfreiheit so schlecht nicht bestellt ist, schließlich kann er sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen. Der gesellschaftliche Diskurs steht jedem offen - auch einer beleidigten Leberwurst.