Das Thema Schmerzen beschäftigt und belastet viele Menschen: Etwa 23 Millionen Deutsche leiden an chronischen Beschwerden. Viele davon sind so massiv betroffen, dass sie an einem normalen Leben nicht mehr teilnehmen können. Von dieser schweren Ausprägung der Schmerzerkrankung sind zum Beispiel in Oberfranken etwa 30.000 Menschen betroffen. Deshalb war es nur logisch, dass die Resonanz auf die Telefonaktion dieser Zeitung zum Thema "Schmerz" enorm war: Am Redaktionstelefon bekamen Betroffene Rat und Infos von zwei Experten.

Die Mediziner Christoph Sommer, Chefarzt des Interdisziplinären Schmerzzentrums am Bezirksklinikum Obermain in Kutzenberg, und Clemens Haberer, Oberarzt für Schmerztherapie am Klinikum Bamberg, waren gefragte Ansprechpartner und legte sogar eine kleine Sonderschicht ein, um über die ursprünglich geplante Zeit hinaus die Fragen unserer Leser zu beantworten. Den Anrufen war eines gemeinsam: Die Betroffenen haben eine lange Leidensgeschichte und viele Therapien hinter sich.

Sommer und Haberer kennen die Problematik aus ihrer täglichen Praxis. "Bei chronischen Schmerzen handelt es sich meist um ein sehr komplexes Beschwerdebild, weil es nicht nur von körperlichen, sondern auch von sozialen, psychischen und biografischen Faktoren geprägt ist. Daher erfordert bereits die Diagnosestellung und auch die weitere Therapieplanung ein entsprechend umsichtiges Vorgehen mit dem Patienten."

Typische Zeichen einer chronischen Schmerzkrankheit seien das Zusammentreffen unterschiedlichster Einflüsse, die letztendlich die Beschwerden über viele Jahre aufrecht erhalten. "Ein rein medikamentöser Therapieansatz würde zu kurz greifen und der Komplexität des Krankheitsbildes nicht gerecht werden", sagen Sommer und Haberer.

Genau diese Vielschichtigkeit der chronischen Schmerzerkrankung spiegelte sich in vielen Anfragen der Telefonaktion: Die Beschwerden reichten von Rückenschmerzen und Fibromyalgie über Erschöpfungssymptome, Trauerreaktionen mit körperlichen Schmerzen und chronischen Schmerzen nach Operationen. Die jüngste Interessentin war 16 Jahre alt, der älteste Anrufer 90. Häufig stellten die Betroffenen konkrete Fragen bezüglich einer Medikation oder eines operativen Vorgehens. Vielen wurden empfohlen, sich aufgrund der bereits im Telefongespräch abzusehenden Komplexität ihrer Erkrankung bei niedergelassenen oder klinisch tätigen Schmerztherapeuten vorzustellen.

Im Folgenden fassen wir einige der Fragen und Antworten der Telefonaktion zusammen.

Ich habe wegen einer rheumatischen Erkrankung chronische Rückenschmerzen. Krankengymnastik tut mir gut, leider bekomme ich aber nur sechs Behandlungen pro Quartal. Wie kann ich mehr Krankengymnastik verschrieben bekommen?
Es gibt die Möglichkeit, ein Rezept außerhalb der Regel zu bekommen. Fragen Sie Ihren Arzt danach. Eine Alternative kann es sein, sich Rehasport vom Hausarzt verordenen zu lassen.

Ich leide seit Jahren unter Fibromyalgie und habe das Gefühl, niemand nimmt mich ernst. Wo finde ich Hilfe?
Gerade Fibromyalgie-Patienten fühlen sich häufig nicht verstanden und sind erschöpft, weil sie von Arzt zu Arzt laufen. Unsere Empfehlung wäre ein ganzheitlicher Therapieansatz, der die körperlichen Beschwerden ernst nimmt und auch den psychischen Belastungen entgegenkommt. Bei einer multimodalen Therapie steht neben der Schmerzreduktion insbesondere die Steigerung der Lebensqualität im Vordergrund.

Ich habe nach einem Trauerfall in meiner Familie plötzlich schlimme körperliche Schmerzen. Kann es da einen Zusammenhang geben?
Ja. Der Verlust von nahe stehenden Personen kann als traumatisierendes Erlebnis empfunden werden, der sich in Schmerzen äußert. In diesen Bereich fallen auch posttraumatische Belastungsstörungen als Folge von Gewalterfahrungen bei sich oder anderen, die körperliche oder seelische Schmerzen auslösen. Traumatisierende Erlebnisse können bis in die Kindheit zurückreichen. Trotzdem kann eine Behandlung auch noch nach vielen Jahren den Patienten neue Chancen bieten. Die Schmerztherapie kann ein Türöffner für weitergehende Behandlungen sein.

Ich habe seit vielen Jahren Schmerzen und bewege mich nur noch in Schonhaltung. Das kann nicht gut sein, oder?
Eine Schonhaltung kann die Schmerzerkrankung weiter verstärken. Deshalb sind die Ansätze der Schmerztherapie darauf ausgerichtet, die Patienten wieder mehr in Aktivität zu bringen, sie sollen Autonomie gewinnen und bekommen Selbstwirksamkeit vermittelt.

Ich bin 71 Jahre alt und muss seit einigen Wochen ein Morphinpflaster kleben. Jetzt ist mir oft schwindelig. Kann das vom Pflaster kommen?
Ja, das kan eine Nebenwirkung sein, die sich nach einer gewissen Zeit legt. Ansonsten sprechen Sie bitte mit Ihrem Arzt, vielleicht hilft es, die Dosis des Pflasters zu verringern.

Ich habe vielfache Bauchoperationen wegen Verwachsungen hinter mir und meine Schmerzen nie losbekommen. Was kann ich jetzt noch tun?
In diesem Fall könnte man andere Therapieansätze wie zum Beispiel eine Multimodaltherapie prüfen. In jedem Fall müsste aber im Vorfeld eine umfangreiche Schmerzdiagnostik erfolgen um möglichst alle beteiligten Faktoren an dieser Schmerzerkrankung zu erkennen. Auf dieser Basis kann dann mit dem Patienten über Behandlungsmöglichkeiten und ihre Alternativen gesprochen werden.

Ich habe seit 20 Jahren Kopfschmerzen und nehme ein bestimmtes Medikament. Jetzt habe ich verstärkt Schmerzen und frage mich, ob das von den Tabletten kommen kann?
Das ist durchaus möglich, durch den intensiven Gebrauch von Medikamenten kann es zum medikamentenindizierten Kopfschmerz kommen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, vielleicht müssen Sie das Medikament absetzen. Dann könnten sich die Beschwerden bessern. Da es sich hierbei um einen Entzugsähnlichen Vorgang handelt, muss das Absetzen möglicheweise unter stationären Bedingungen stattfinden.

Obwohl ich wegen meiner Schmerzen in Therapie bin, hören die Beschwerden nicht auf. Woran liegt das?
Wenn Schmerzen über lange Zeit andauern führt das im schmerzleitenden Nervensystem zu Sensibilisierungsprozessen. Sie können dazu führen, dass die Ursache des Schmerzes zwar behoben ist, der Schmerz jedoch bestehen bleibt. Dann chronifiziert sich der Schmerz. Wir unterschieden zwischen einer psychischen Chronifizierung, die durch bestimmte Verhaltensmuster oder Erlebnisse wie zum Beispiel den Verlust des Arbeitsplatzes zustande kommt oder verstärkt wird, und der körperlichen Chronifizierung. Sie geht häufig einher mit Nervenschädigungen, wie sie z.B. bei einem Bandscheibenvorfall oder bei einer Gürtelrose entstehen können. Die Behandlung von chronischen Nervenschmerzen ist sehr komplex und erfordert häufig die Zusammenarbeit von Ärzten und Therapeuten unterschiedlicher Fachdisziplinen.